IDG-Studie zum Thema Sourcing

Widersacher müssen Partner werden

Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Angesichts knapper Ressourcen müssen Wettbewerber Partnerschaften bilden. Und der Kunde will zwar agil arbeiten, aber dann doch konservativ einkaufen, wie ein Sourcing-Roundtable von IDG ergab.

"Wir müssen Partnerschaften bilden. Dies kann auch bedeuten, mit ursprünglichen Mitbewerben gemeinsam ein Projekt umzusetzen", fordert Gerhard Haberstroh von DXC Technology. Denn, so Haberstroh weiter: "Sourcing ist ein Ressourcenthema!" Was prägt IT-Sourcing heute und künftig - darüber tauschte sich der DXC-Manager mit sechs weiteren Experten in den Räumen von IDG in München aus.

Marcel Buchner (Tech Mahindra), René Funke (Maturity), Jörg Hild (PwC), Rolf Kleinwächter (Capgemini) und Igor Radisic (Horváth & Partner) sowie Bernd Sauer (Allgeier Experts) sitzen mit am Tisch. Basis der Diskussion war die "Studie Sourcing 2018" aus dem IDG Verlag, an der mehr als 360 Entscheider teilgenommen hatten.

Am Roundtable nahmen teil (v.l.n.r.): Rolf Kleinwächter (Capgemini), Marcel Buchner (Tech Mahindra), Jörg Hild (PwC), René Funke (Maturity) Christiane Pütter (IDG), Gerhard Haberstroh (DXC Technology), Hans Königes (IDG), Bernd Sauer (Allgeier Experts), Igor Radisic (Horváth & Partner).
Am Roundtable nahmen teil (v.l.n.r.): Rolf Kleinwächter (Capgemini), Marcel Buchner (Tech Mahindra), Jörg Hild (PwC), René Funke (Maturity) Christiane Pütter (IDG), Gerhard Haberstroh (DXC Technology), Hans Königes (IDG), Bernd Sauer (Allgeier Experts), Igor Radisic (Horváth & Partner).
Foto: IDG

Haberstrohs Forderung illustriert den Wandel und die Komplexität des Themas. Zwar hängt die Wahl des Dienstleisters immer noch in erster Linie vom Preis-Leistungs-Verhältnis ab, wie 40 Prozent der Befragten angeben. Doch wer über Sourcing spricht, redet auch über Themen wie Agilität und Change, Automatisierung und Standardisierung. Die Experten kamen zu folgenden Ergebnissen:

1. Regionale Nähe und deutsche Sprache sind erwünscht - Anwender fremdeln mit Offshore

"Dass in Ausschreibungen 'deutsche Sprache' steht, ist nicht selten", weiß Sauer (Allgeier Experts). Und das gelte nicht nur für den Mittelstand. Geht es um regionale Nähe, ende der Horizont manches Kunden schon an den Stadttoren von Hamburg oder München. Offshore sei für deutsche Anwender nur bedingt eine Alternative.

Wer sich für Offshore entscheidet, begründet das meist mit erhofften Kostenvorteilen. Doch das Management sucht auch andere Wege. Automatisierung ist einer davon. Ein weiterer: am fernen Firmenstandort lokale Brückenköpfe installieren. Oder eigene Delivery-Center aufbauen. Hild (PwC) erklärt jedoch: "Bevor ich einem Kunden das empfehle, würde ich zweimal hinsehen. Denn oft hat der Kunde ja gar nicht den erforderlichen Marktzugang, um Personal zu finden." Schließlich ist die Fluktuation an den dortigen Standorten hoch, sprich auch dort sind knappe Ressourcen ein wichtiges Thema - damit schließt sich der Kreis zu Haberstrohs Forderung nach Partnerschaften zwischen Wettbewerbern.

2. Die Crux mit der Agilität

Das Festhalten an Deutsch hat einen weiteren Grund, und der lässt sich mit der vielzitierten Agilität umschreiben. Rund jeder fünfte Studienteilnehmer (19 Prozent) zielt mit Sourcing auf mehr Agilität in der IT-Bereitstellung ab, knapp jeder Vierte (23 Prozent) will eine adaptive IT (IT der mehreren Geschwindigkeiten) umsetzen. "Dafür müssen die Experten aber vor Ort sein und eine gemeinsame Sprache sprechen", betont Sauer (Allgeier Experts). Was Capgemini-Manager Kleinwächter auch verstehen kann: "Zusätzlich zu den neuen Methoden sollen die Teams dann auch noch in einer anderen Sprache kommunizieren, das ist schon eine Herausforderung!"

Ohnehin sieht die Runde das angesagte Thema sehr pragmatisch. Am Ziel, das ganze Unternehmen agiler zu machen, zweifelt niemand. Doch wer IT-seitig mit DevOps und Scrum arbeitet, der muss die Verantwortlichkeiten für die Ergebnisse klären. Über kurz oder lang wollen Controller und CEO wissen: "Wo geht das Geld hin?" Radisic (Horváth & Partner) weiß, dass sich operative Fragen anschließen: Wie vertragen sich agiles Arbeiten und Werkverträge? Wie managt man Abhängigkeiten? Auch die Frage nach der Vergütung ist ungeregelt, ergänzt Buchner (Tech Mahindra). Er bestätigt: "Da gibt es noch keine Standards!" Am Ende wolle der Kunde zwar agil arbeiten, aber konservativ einkaufen - und eben doch wieder bekannte Rollen und Tagessätze sehen.

3. Cloud ist nicht nur eine Kostenfrage

"Im Vergleich der Run- und der Change-Kosten wollen viele Unternehmen Fifty-Fifty erreichen", beobachtet Funke (Maturity). Faktisch aber, da sind sich die Branchenkenner einig, schlagen die Kosten für Run und Maintain nicht selten mit 70 bis75 Prozent zu Buche. Der Weg in die Cloud soll den Personalkostenanteil verringern. Das Unternehmen will sich "Heerscharen von Mitarbeitern, die nur Systeme am Monitor überwachen, sparen", meint Hild (PwC).

Doch rund um Cloud Computing gibt es mehrere Hebel. So erkennen fast drei von zehn Studienteilnehmern (29 Prozent) die Notwendigkeit, IT-basierte Innovationen zu liefern. "Hier besteht eine Chance für Service Provider", kommentiert Kleinwächter (Capgemini), "sie können eine echte Bindung zu den Kunden aufbauen!" Dem aber stehen nicht selten alte Anwendungslandschaften im Weg, die die Innovationsfähigkeit bremsen, sagt Buchner (Tech Mahindra): "Wer mit 30 Jahre alten Mainframe-basierten Anwendungen arbeitet, und das in Programmiersprachen, die heute nicht mehr gängig sind, der braucht dann eben doch wieder die Heerscharen vor den Monitoren…"

Ein anderer Aspekt dreht sich um Standardisierung. "Viele Firmen haben die Standardisierung ihrer Services, Systeme und Applikationen verpasst", überlegt Funke. "Durch Cloud Computing wollen sie das nachholen!" Einen "verdeckten Grund für Outsourcing" nennt das der Maturity-Manager.

4. Security bleibt ein "ongoing process"

Eines der auffallendsten Ergebnisse der "Studie Sourcing 2018" bezieht sich auf die das Thema Sicherheit. Hatten in einer vergleichbaren Vorjahresbefragung noch 37 Prozent Security als Top IT-Thema genannt, sind es jetzt mit 29 Prozent deutlich weniger. Das habe nichts mit sinkendem Sicherheitsbewusstsein zu tun, kommentiert die Runde. Security bleibe ein "ongoing process". Gerade vor dem Gang in die Cloud klärten Entscheider die Sicherheitsfragen ab. "Nicht so einfach zu beantworten ist allerdings die Frage, ob IT-Eigenproduktion in Unternehmen wirklich sicherer ist als Cloud. Wir haben mit der Sicherheit in Cloud-Projekten sehr gute Erfahrungen gemacht", merkt Haberstroh (DXC Technology) an.

Ein anderer Aspekt der Sicherheit bezieht sich auf die juristische Seite der Zusammenarbeit mit Dienstleistern und Freelancern. Nach wie vor spielt das Thema Scheinselbständigkeit eine wichtige Rolle in Unternehmen. Und zeitigt teils hilflose Folgen. Kleinwächter (Capgemini) kennt Kunden, die vom Dienstleister Miete für das Arbeiten vor Ort verlangen. PwC-Mann Hild bringt es so auf den Punkt: "Da hat der Gesetzgeber ein Monster geschaffen, das überhaupt nicht auf die IT passt."

5. Automatisierung steht (noch) im Hintergrund

Überrascht zeigt sich die Diskussionsrunde darüber, dass Automatisierung in der Liste der wichtigsten IT-Themen erst auf dem neunten Platz rangiert. Das entspricht 20 Prozent der Nennungen. Hier müssten die Anbieter mehr pushen, so die Experten einhellig. "Besonders im Finanzwesen ist der Automatisierungswunsch durch Robotics hoch", beobachtet Radisic (Horváth & Partner). Seine Prognose: "In fünf Jahren wird es kaum noch Bedarf an Sachbearbeitern in der Buchhaltung geben - analog werden die operativen Tätigkeiten im Controlling wegfallen."

Fazit: Sourcing bleibt ein Thema mit vielen Facetten ...

... und einem negativen Klang. Bisher jedenfalls. "Der Begriff Outsourcing wird in Deutschland negativ bewertet", beobachtet Buchner (Tech Mahindra). Als Alternative schlägt er "Remote Services" vor oder "Out-Tasking". Aus der Runde kommen weitere Vorschläge, darunter "Zusammenarbeits-Modelle" oder "Liefermodelle, um die digitale Transformation zu unterstützen". Wie auch immer das Kind nun heißen mag - Radisic kommentiert: "Ich hoffe, dass IT-Dienstleister endlich raus aus der Kostenspirale kommen und als Partner gesehen werden!"

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