Ungleichgewicht

Wie männlich ist das Internet?

23.04.2017
Ein Großteil aller Wikipedia-Autoren ist männlich. Auch die beliebtesten Blogs werden immer noch von Männern geschrieben. Ein Münchner Workshop will das ändern.
Wie männlich ist das Internet?
Wie männlich ist das Internet?
Foto: Jack Frog - shutterstock.com

Paul Auster und Siri Hustvedt sind ein Schriftstellerpaar aus New York. Beide sind als Literaten weltbekannt, beide schreiben Romane, die von der Kritik hochgelobt werden. Trotzdem hat Austers deutscher Wikipedia-Artikel über 100 Zeilen, Hustvedts gerade mal 10.

Das ist ein Ungleichgewicht, das sich auf Wikipedia überall finden lasse, sagen Mitarbeiterinnen des Projekts "Platform" aus München. Und sie führen das auf einen besonderen Umstand zurück: Ein Großteil der Wikipedia-Autoren ist männlich. Am 1. April veranstalteten sie daher einen öffentlichen Editier-Workshop, um Wikipedia mit Texten über Künstlerinnen zu füllen. Vor allem Frauen waren dazu aufgerufen.

Es gibt verschiedene Studien, die einen Frauenanteil zwischen 6 und 23 Prozent ausweisen, wie Wikipedia-Sprecher Jan Apel sagt. Das ist nur ein Beispiel für die Dominanz männlicher Autoren im Netz. Blogcharts zeigen, dass auch die meist geklickten deutschen Blogs von Männern geschrieben werden. Ganz oben liegen meist der Fußball-Blog "comunio" oder "Grenzwissenschaft Aktuell", dessen Herausgeber Andreas Müller über Ufos, Verschwörungstheorien und Ähnliches schreibt.

"Im Netz und auf Veranstaltungen beobachte ich oft, dass es die Männer sind, die mit ihrer Arbeit erfolgreich und sichtbar sind", sagt die Journalistin und Bloggerin Mareice Kaiser. Auf "Kaiserinnenreich.de" schreibt sie unter anderem über Inklusion und Feminismus.

Auch in den sozialen Netzwerken sind die beliebtesten Nutzer Männer. Das ist umso erstaunlicher, weil Frauen die Plattformen mehr nutzen als Männer. Bei Facebook liegen weibliche Nutzerinnen mit ein paar Prozentpunkten vorn. Laut ARD/ZDF-Onlinestudie 2016 nutzen 38 Prozent der Männer und 42 Prozent der Frauen mindestens einmal wöchentlich Facebook. Trotzdem haben Männer dort die meisten Likes. Mario Götze, Thomas Müller und Mesut Özil liegen in den Rankings vorne.

Auch unter den zehn meistabonnierten deutschen Youtube-Kanälen sind nur zwei Frauen. "BibisBeautyPalace" hat knapp 4,5 Millionen, "DagiBee" rund 3,4 Millionen Abonnenten - allerdings mit ziemlich klischeebeladenen Themen. Sie sprechen über Schminke, ihren Alltag, oder erläutern, wie man in seinen BH eine Geheimtasche einnähen kann.

"Frauen haben im Internet eher mit seichten Themen Erfolg", sagt Laura Lang, eine der Veranstalterinnen des Workshops. Also mit "Themen, die stereotypisch weiblich besetzt sind und mit Mode, Kosmetik, Rezepten oder dem (weiblichen) Körper und Selbstoptimierung zu tun haben."

Cécile Schneider, die im Onlinemarketing arbeitet und am Workshop beteiligt ist, erzählt von den "negativen Konsequenzen", die Frauen im Internet hingegen häufig erleben, "wenn sie zu politischen oder kontroversen Themen Stellung beziehen".

Sie verweist auf eine Studie des britischen "Guardian". Demnach sind von zehn Autoren, die auf ihrer Seite seit 2006 die meisten Hasskommentare empfangen haben, acht weiblich.

Das Internet ist "eben ein Abbild unserer Welt und unserer Gesellschaft", sagt Kaiser. "Also werden auch die Strukturen abgebildet, die es in unserer Gesellschaft gibt. Und da bekommen Frauen noch immer weniger Lohn als Männer und sind immer noch zu wenig in Führungspositionen." (Voisa Forster, dpa/ib)

Kommentare zum Artikel

Rolf Hermann

Punkt 1: Wieso setzt sich Frau Hustvedt oder jemand aus ihrem Verlag nicht einfach hin und editiert den Wikipedia-Eintrag nach ihrem Gusto? Muss man zwingend darauf warten dass irgendein Unbekannter von allein darauf kommt? Nach wie vor kann jeder mit einem Internetanschluss Wiki-Autor werden.

Punkt 2: Männer schreiben nun mal mehr über Männerthemen, eben weil es in der Natur der Sache liegt. Genauso reden Frauen lieber über Frauenthemen. Wenn Frauen nun (aus welchem Grund auch immer) weniger Lust haben, auf Wikipedia Artikel zu verfassen, sollte man dann nicht akzeptieren dass das in der Natur der Sache liegt?

Punkt 3: Wenn DagiBee, Sophia Thiel und Bibis wasweissich die meistgeklickten Channels auf Youtube sind, sollte man nicht vergessen dass sich hier zum größten Teil die 12-16jährigen mit ihren pubertären Figur- und Hautproblemchen rumschlagen. Aber ist das ein pauschaler digitaler Fingerprint für Doppel-X-Agenten?

Punkt 4: "Demnach sind von zehn Autoren, die auf ihrer Seite seit 2006 die meisten Hasskommentare empfangen haben, acht weiblich." Liegt das daran dass sie weiblich sind, oder dass sie eventuell mit kontroversen Ansichten zu politischen Dingen Stellung beziehen? Wer viel schreibt, läuft auch Gefahr viel Prügel zu beziehen, ganz gleich ob Männlein oder Weiblein.

Scheint, als störe es die Autorin des Artikels einfach, dass Frauen weniger vertreten sind, aus welchem Grund auch immer. Und wenn sich die Frauen selbst nicht drum kümmern (vermutlich weil sie selbst keinen Bock drauf haben), dann muss man das mittels eines Editier-Workshops manuell und künstlich nachbessern.

Ist das Ganze eher ein Vorwurf an die dominanten Männer, oder an die faulen Frauen? Ich bin mir noch nicht ganz schlüssig...

Und dann vollzieht man irgendwie in einem Satz den Hammelsprung zu weniger Lohn und weniger Führungsposition. Weil wegen Wikipedia und Youtube.

Ich werfe einfach mal die Begriffe Kausalität, Korrelation und Koinzidenz in den Raum.

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