Vorhaben explodieren

Zu viele Projekte bringen CIOs ins Schwitzen

Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.
Viele Unternehmen ertrinken derzeit in einer Flut von IT-Projekten. Damit wächst auch die Menge der Vorhaben, die nicht zu Ende geführt werden können. Personalengpässe sind für dieses Scheitern nur ein Grund von vielen.
Es besteht eine große Gefahr sich zu verzetteln: CIOs müssen viele Projekte gleichzeitig managen. Das eine oder andere Projekt kommt dann nie zum Abschluss.
Es besteht eine große Gefahr sich zu verzetteln: CIOs müssen viele Projekte gleichzeitig managen. Das eine oder andere Projekt kommt dann nie zum Abschluss.
Foto: Elnur - shutterstock.com

"Es laufen zu viele Projekte und Initiativen gleichzeitig, weshalb die Prioritäten in der Umsetzung auf anderen Projekten liegen" - dass aus diesem Grunde Vorhaben vorzeitig abgebrochen werden, glauben 58 Prozent der von Lünendonk befragten 141 CIOs, CDOs, Finanzchefs und IT-Manager aus Deutschland. In der Umfrage, die Mehrfachnennungen zuließ, räumten zudem 47 Prozent ein, dass ihr Business Case irgendwann nicht mehr funktioniert habe. Projekte kamen demnach nicht zum Abschluss, weil der Umsetzungsaufwand zu groß wurde.

Fehlendes Fach- und Technologie-Know-how im Unternehmen ist der dritte wichtige Grund, warum Projekte nicht ans Ziel gelangen (40 Prozent). Die Lünendonk & Hossenfelder GmbH aus Mindelheim präsentierte diese Zahlen anlässlich eines Pressegesprächs zum Thema "Der Markt für IT-Beratung und IT-Service in Deutschland", in dessen Vorfeld zwei Umfragen vorgenommen worden waren - eine unter IT-Service-Anbietern, die andere bei den genannten IT-Entscheidern.

Doppelte und dreifache Projektzahlen

In der Anwender-Umfrage zeigte sich, dass nur 13 Prozent der Betriebe keine Zunahme von IT-bezogenen Projekten erwarten. Ein Plus von bis zu einem Drittel kalkulieren derzeit die meisten Umfrageteilnehmer ein (45 Prozent), einen Anstieg um zwei Drittel immer noch 21 Prozent. Und sogar eine Verdoppelung (14 Prozent) oder Verdreifachung (sechs Prozent) scheint etlichen Befragten wahrscheinlich.

Um schneller und besser zu werden, setzen die Betriebe auf agileagile Methoden. Deren Anteil in IT-Projekten hatte 2018 noch knapp 30 Prozent betragen, in diesem Jahr soll er bereits bei 38,2 Prozent liegen. Agile- und DevOps-Konzepte kommen vor allem in der klassischen IT-Anwendungsentwicklung zum Einsatz: Hier sehen 30 Prozent der Befragten einen "sehr starken" und weitere 30 Prozent einen "eher starken" Anteil. Auch bei der Modernisierung von Altanwendungen (16/40), der Entwicklung von Prototypen und Minimum Viable Products (MVPs) für neue digitale Lösungen (11/33) oder der Entwicklung neuer Softwarereleases (15/24) wächst der agile Anteil signifikant. Alles zu Agile auf CIO.de

Business-Anwendungen haben Vorrang

Befragt nach ihren Investitionsplänen für 2019, sagen 64 Prozent der Anwender, ein Rollout von neuen Business-Anwendungen stehe für sie im Vordergrund. Dabei spielt nicht zuletzt SAP S/4HANA eine wichtige Rolle. "Stark" sollen auch die Investitionen in die Automatisierung fachlicher Kernprozesse, etwa durch Softwareroboter (RPA), ausfallen (59 Prozent), ebenso die Automatisierung von IT-Prozessen (50 Prozent) sowie die Modernisierung der IT-Landschaft inklusive der Migration von Legacy-Anwendungen (45 Prozent).

Vielleicht weniger groß als von manchen Marktbeobachtern erwartet ist der Umfrage zufolge das Interesse an neuen Cloud-Plattformen wie AWS oder Azure (31 Prozent) oder auch an der Orchestrierung von On-Premise- und Cloud-Lösungen (Hybrid und Multi-Cloud). Nur 21 Prozent interessiert dieses Thema "stark".

Die Befragten waren auch aufgefordert, zur Digitalkompetenz in ihren Unternehmen Stellung nehmen. Immerhin 39 Prozent sagten, das diesbezügliche Know-how sei im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, die anderen 61 Prozent sehen weder Fort- noch Rückschritte. Insgesamt bezeichnen 57 Prozent ihre Digitalkompetenz als "mittel", 36 Prozent stufen sie "hoch" ein und nur sieben Prozent bescheiden sich mit dem Urteil "gering".

Blöd, wenn's nicht skaliert

Zur Präsentation der Studienergebnisse hatte Lünendonk einige IT-Dienstleister eingeladen. Unter ihnen war Ronald GeigerRonald Geiger, Geschäftsführer von Sycor, der eine plausible Erklärung für die eher verhaltene Selbsteinschätzung der Anwender-Unternehmen hatte. Demnach sind viele Unternehmen kreativ in der Initiierung digitaler Projekte, stoßen aber an ihre Grenzen, wenn Sie Neues in der Fläche einführen oder ausrollen wollen. "Firmen haben Probleme zu skalieren, also neue Themen mit ihrem Kerngeschäft zu verknüpfen". Profil von Ronald Geiger im CIO-Netzwerk

Frank Wallner, Geschäftsführer von BridgingIT sieht das ähnlich: "Es besteht die Gefahr, dass eine ursprünglich gute Idee sich dann nicht mehr rechnet, wenn das Ganze skalieren soll." Ein Problem sei das mitunter einseitige Skillset in Projekten: Oft brauche es technisches, fachliches und methodisches Wissen sowie am besten Mitarbeiter, die über alles verfügten. In der Realität sei das kaum anzutreffen.

Dieter Loewe, Chief Client Officer und Geschäftsführer bei NTT Data, ergänzte, dass manche Vorhaben in der Umsetzung viel mehr Zeit bräuchten, als zu Beginn veranschlagt. Dabei gehe es nicht nur um technische, sondern auch um organisatorische Themen: Gewachsene Silolandschaften stünden Veränderungen im Wege und seien nicht so einfach aus der Welt zu schaffen.

Zur Startseite