Proteus und Cardinal

Amazon führt autonome Lagerroboter ein

24.06.2022
"Proteus" kann Dinge aufheben, abstellen und transportieren. Amazon will den Roboter dazu nutzen, größere Boxen durch seine Lager zu bewegen.
Proteus - der Amazon-Roboter für die Lagerwirtschaft.
Foto: Amazon

Vor zehn Jahren übernahm Amazon den Robotics-Spezialisten Kiva, eine Investition, die sich immer mehr auszahlt. Jetzt hat der Online-Händler mit Proteus einen mobilen Roboter vorgestellt, der Warenbehälter und Container durch die Lagerhallen lotst und sich dabei im Umfeld der Mitarbeiter umsichtig und sicher bewegt. Der Roboter fährt autonom und unterscheidet sich damit von früheren Modellen, die auf Spuren manövrierten oder in einem separierten Bereich eingesetzt werden mussten.

Proteus verfüge über "fortschrittliche Sicherheits-, Wahrnehmungs- und Navigationstechnologie", heißt es bei Amazon. Ein Video zeigt, wie der Roboter mit einem grünen Licht vor sich her leuchtet, während er sich fortbewegt. Tritt ein Mensch in den Lichtstrahl, hält Proteus an und setzt seine Fahrt erst fort, nachdem sich die Person entfernt hat.

Amazon will mit weiteren Robotersystemen seine Lagerautomatisierung vorantreiben. Bei "Cardinal" handelt es sich beispielsweise um einen Roboterarm, der Pakete mit einem Gewicht von bis zu 25 Kilogramm heben und bewegen kann. Amazon wird ihn ab nächstem Jahr in seinen Lagerhäusern einsetzen. Mithilfe von Computervision kann der Roboter einzelne Pakete finden und herausheben, auch wenn sie sich in einem Stapel befinden.

KI-System ersetzt Barcode-Scanner in den Lagern

Amazon arbeitet zudem an einer Technologie, mit der Mitarbeitende keine Handscanner für das Erfassen von Barcodes mehr brauchen. Stattdessen nutzen die Beschäftigten ein automatisiertes Kamerasystem, das die Pakete erkennt, ohne dass Etiketten eingescannt werden müssen. Wie das genau funktioniert, teilt Amazon nicht mit, offenbar handelt es sich um die Kombination einer Kamera mit Software für maschinelles Lernen. "The Verge" fühlt sich an Amazons "Just-Walk-Out-Technologie" erinnert, die eine zentrale Rolle in Amazons kassenlosen Supermärkten spielt.

Bei Amazon heißt es, man sei nicht darauf aus, Menschen durch Roboter zu ersetzen. In den Lagern weltweit würden mittlerweile mehr als eine halbe Million robotergetriebene Einheiten eingesetzt. In den letzten zehn Jahren sei aber der Personalstand um rund eine Million Menschen gewachsen. Es sei nie um die Entscheidung Technologie oder Mensch gegangen, sondern immer um das Zusammenspiel von Mensch und Maschine.

Allerdings steht genau dieses Zusammenspiel oft in der Kritik, da der Einsatz von Robotern die Art und Weise, wie in den Lagern gearbeitet wird, stark verändert und den Stresslevel sowie die Unfallrisiken deutlich erhöht. Wenn Roboter das Arbeitstempo vorgeben, können Menschen schnell an ihre Leistungsgrenzen getrieben werden.

Überdurchschnittlich viele Unfälle in Amazon-Lagern

Amazon behauptet indes, dass Roboter zur einer erhöhten Arbeitssicherheit beitrügen. Beispielsweise werde der Roboterarm Cardinal dort eingesetzt, wo die Beschäftigten sonst schwere Pakete heben und drehen müssten, eine Bewegung, die zu Verletzungen führen könne. Der mobile Roboter Proteus könne Menschen beim manuellen Bewegen schwerer Objekte entlasten.

Im Raum steht allerdings auch der Bericht des Strategic Organizing Center (SOC), in dem es heißt, dass Amazon 2021 mehr als 34.000 ernsthafte Verletzungen in seinen Lagern verzeichnet habe - mehr als doppelt so viele, wie in den Lagerhäusern aller anderen US-Unternehmen zusammen. Die Verletzungsquote sei allein zwischen 2020 und 2021 noch einmal um 20 Prozent gestiegen. Hintergrund sei, dass Amazon seine Monitoring-Systeme und den Arbeitsdruck Ende 2020 nach der ersten Corona-Welle erhöht habe. Derzeit beschäftigt Amazon rund ein Drittel aller Lagerarbeiter in den USA, vereint aber rund die Hälfte aller registrierten Verletzungen in Lagern auf sich. (hv)