Keine Standards und Metriken

Cloud Computing nicht ausgereift

29.04.2010 von Holger Eriksdotter
Cloud-Modell stecken noch in den Kinderschuhen. Die As-a-Service- Angebote sind so unterschiedlich, dass die Identifikation geeigneter Services die Verantwortlichen vor enorme Herausforderungen stellt. Analyse und gründliche Planung sind unabdingbar, damit Cloud-Services nicht zur Kostenfalle werden.
"Bis 2012 werden die Unternehmen mehr Geld für den Aufbau eigener Private Clouds als für die Angebote von Public Cloud Anbietern ausgeben", vermutet Gartner-Analyst Tom Bittman.

Reifegrad und Funktionsumfang der Modelle und Lösungen sind ebenso unterschiedlich wie ihre Bezeichnungen: Von ITaaS (IT as a Service), IaaS (Infrastructure as a Service) und PaaS (Platform as a Service) bis SaaS (Software as a Service), ASP (Application Service Providing), On-Demand- oder Cloud Computing reichen die als Mietmodell angebotenen IT-Dienstleistungen.

Nach einer Umfrage der Markforscher von der Experton Group unter 150 deutschen Unternehmen ist der Einsatzgrad von „...as a Service“-Nutzungsmodellen in deutschen Anwenderunternehmen zurzeit noch relativ gering, wird aber in den kommenden Jahren erheblich zunehmen. Viele Unternehmen befänden sich derzeit noch im Planungs- und Vorplanungsstadium.

Kaum verwunderlich, dass dem ersten Einsatz von Cloud-Diensten in der Regel umfangreiche Planungs- und Analysephasen vorausgehen. Denn so einfach wie Strom aus der Steckdose lassen sich IT-Dienste eben doch nicht beziehen. Es fehlt an Standards und Metriken, das Modell Cloud Computing steckt noch in den Kinderschuhen und ist bei weitem nicht ausgereift.

"Cloud ist keine One-size-fits-all-Lösung", sagt Chris Wolf, Analyst bei der Burton Group. Anbieter arbeiteten mit jeweils unterschiedlichen, oft proprietären Technologien. Für den Anwender sei es deshalb unabdingbar, sich selbst sehr gut mir der Materie auszukennen, wenn er die Kontrolle behalten will. Hinzu kommt, dass Cloud Computing ein relativ junger Markt ist und die Kundenbasis selbst der großen Provider noch recht schmal ist.

Dabei stehen vor allem große Unternehmen vor einer doppelten Herausforderung: Auf der einen Seite werden sie die interne IT-Infrastruktur dynamisieren und in Richtung Utility-Computing umbauen müssen, auf der anderen Seite müssen sie ein Sourcing-Konzept entwickeln, das Legacy-Systeme, die eigene „Private Cloud“ und externe Services aus der „Public-Cloud“ miteinander verknüpft.

Geld fließt zunächst in die Private Cloud

Nach Einschätzung von Tom Bittman, Vice President bei Gartner, wird bis 2012 mehr Geld in den Aufbau eigener Clouds als in die Angebote von Public-Cloud-Anbietern fließen. "Größere Unternehmen werden weiterhin eine IT-Organisation haben, die IT-Ressourcen intern verwaltet und einsetzt, darunter auch Private Clouds. IT-Organisationen werden auch die Verantwortung für das IT Service Sourcing übernehmen und bestimmen, wann externe Anbieter eingesetzt, wann interne Ressourcen genutzt werden und wann beides für spezielle Services zum Einsatz kommt“, schreibt der Gartner-Analyst in seinem Cloud Computing Blog.

Ohne strategisches Konzept und gründliche Vorbereitung, da sind sich die Fachleute einig, kann der Einstieg in das Cloud Computing nicht nur die angepeilten Ziele verfehlen, sondern auch zur Kostenfalle werden. Denn trotz aller unbestreitbarer Vorteile des Utility-Computing erfordert die Nutzung von Cloud-Diensten zunächst erhebliche Anfangsinvestitionen: Anwendungen und Systeme müssen in Hinblick auf ihre Auslagerungsfähigkeit analysiert und betriebswirtschaftlich kalkuliert werden, Schnittstellen müssen definiert, Prozesse neu gestaltet und gegebenenfalls Teile der IT-Organisationen umstrukturiert werden.

Experton-Analyste Carlo Velten: "Die meisten großen IT-Abteilungen werden versuchen, den internen Betrieb auf privaten Clouds laufen zu lassen, eventuell ergänzt durch externe Cloud-Applikationen oder -Facilities."

Sollen die IT-Dienstleistungen von mehreren Cloud-Providern bezogen und mit der eigenen Enterprise-Cloud integriert werden, erhöht das den Verwaltungsaufwand noch weiter. Cloud Computing in großem Stil könnte deshalb die aus dem klassischen IT-Outsourcing bekannten Management-Probleme sogar noch verschärfen.

„Es gilt zu verstehen, welche Auswirkungen groß ausgelegte Service Computing Umgebungen haben, und dann eine entsprechende Implementierungsstrategie aufzusetzen, die auch Roadmaps für die Kultur und die Skills, die für Rechenzentrumsmitarbeiter, aber auch für betriebswirtschaftliche und operative Supportsystemprozesse erforderlich sind, umfassen“, sagt Carlo Velten, Senior Advisor bei der Experton Group.

„Manche Organisationen setzen zwar externe Clouds ein, doch die meisten großen IT-Abteilungen werden versuchen, den internen Betrieb auf privaten Clouds laufen zu lassen, eventuell ergänzt durch externe Cloud-Applikationen oder -Facilities. Doch ein solcher Wechsel erfordert neue Prozesse und Personal für den Betrieb mit anderen Fähigkeiten und Skills als bisher üblich“, sagt Velten.

Cloud-Provider notwendig

Gefragt ist dabei auch die fundierte Unterstützung durch die Cloud-Provider: „Die meisten Provider, die Forrester analysiert hat, bereiten ihren Kunden entweder den Weg für den Einsatz von Cloud Services oder liefern solche, unter Umständen auch gesammelten Services unterschiedlicher Anbieter direkt aus“ sagt Forrester-Analyst Paul Roehrig. Unternehmen müssten sich darüber im Klaren sein, ob sie einen speziellen Service-Provider für Implementierung und Management dieser Dienste benötigen, oder das mit internen Kapazitäten und Know-how bewerkstelligen können.

Chris Curran, CTO beim amerikanischen Consulter Diamond Management & Technology, rät Unternehmen, die das Auslagern von Anwendungen und Services in die Cloud planen, sich folgende Fragen stellen:

Geringe Nutzungsentgelte täuschen über tatsächliche Kosten hinweg

Für eine realistische Kostenkalkulation sei es unabdingbar, sich nicht von den oft erstaunlich geringen Nutzungsentgelten von Cloud-Services blenden zu lassen, sondern sich einen Überblick über die tatsächlich anfallenden Kosten zu verschaffen: „Man sollte sich schon genug Zeit nehmen, um die Gesamtkosten für Migration, Implementation, Integration, Redesign der IT-Architektur und -Prozesse, Anpassung der Support-Prozesse und Schulung der Mitarbeiter zu kalkulieren“, sagt Curran.

Engpässe bei Personal und Prozessen in den Griff bekommen

Bei dem Umstieg auf Cloud-Architekturen und -Services geht es aber nicht nur um Kosten: „Die IT-Verantwortlichen müssen zunächst einmal die Engpässe beim Personal und bei den Prozessen in den Griff bekommen, die im Zusammenhang mit Service Computing Umgebungen entstehen. Erst dann können neue Technologien voll und effektiv eingeführt werden“, resümiert Experton-Analyst Velten.

Jetzt gelte es, in Zusammenarbeit mit strategischen Anbietern Pilotprojekte aufzusetzen, mit denen man Erfahrungen sammeln und lernen kann. „Der Beschleunigungspunkt im Hinblick auf die Implementierung der nächsten Processing-Welle wird noch drei bis vier Jahre auf sich warten lassen“, vermutet Velten. Bis dahin würden die meisten Unternehmen Cloud Computing sehr selektiv – zum Beispiel als vertikale SaaS-Angebote – oder eher taktisch, etwa wegen geforderter schneller Markteinführungszeiten, einsetzen.