Reden, zuhören, entwickeln

Ein Tag im Leben eines IT-Beraters

05.05.2011 von Alexandra Mesmer
Was macht eigentlich ein IT-Berater den ganzen Tag? Wir haben Accenture-Consultant Clemens Blamauer begleitet.
Foto: Clemens Blamauer, Accenture

8.00 Uhr: Im Großraumbüro sind noch viele der Schreibtische leer, Clemens Blamauer und Melanie Kehr nutzen die Stille des Morgens, um sich auszutauschen. Für den IT-Berater und die Projektleiterin ist es das erste von vielen Meetings im Laufe des Tages, aber die einzige Gelegenheit, gemeinsam den aktuellen Stand des Projektes zu überprüfen: Seit über einem Jahr passt das Accenture-Team die Standardsoftware an die Anforderungen des Kunden im Bereich Accounting an. Ein komplexes Unterfangen, da hier die unterschiedlichsten Transaktionen korrekt verbucht und gesetzliche Vorgaben der einzelnen Länder berücksichtigt werden müssen. "Das System muss hochperformant sein, da pro Tag über 100.000 Transaktionen verbucht werden müssen", beschreibt der Wirtschaftsinformatiker.

8:30 Uhr: Blamauer, der im Beraterteam für die Entwickler verantwortlich ist und selbst die Architektur für einige Kernkomponenten entworfen hat, klickt sich rasch durch die Powerpoint-Folien. Wie komplex die Softwarearchitektur ist und wie vielfältige Prozesse sie abbilden muss, lässt die verästelte Grafik erkennen, die nicht mehr viel Platz auf der Folie lässt. Ein kurzer Blick auf die E-Mails. Blamauer atmet auf, keine Meldungen über kritische Bugs, die in den nächsten Stunden bearbeitet werden müssten.

9:00 Uhr. Am Empfang holt Blamauer die beiden Accounting-Spezialistinnen Aparna und Bakul ab. Die jungen Inderinnen aus dem Delivery-Center von Accenture in Mumbai sind für drei Monate nach München gekommen. Blamauer, der bereits während des Studiums in einem EU-weiten Forschungsprojekt gearbeitet hat, ist froh, dass die Kolleginnen vor Ort sind: "Verteilte virtuelle Teams sind eine Herausforderung. Man arbeitet mit Menschen aus anderen Kulturen zusammen, bevor man sie persönlich kennengelernt hat. Am Telefon gibt es kein Feedback durch Gesten oder Mimik. Man ist ganz auf die Sprache angewiesen, und in der Regel ist Englisch ja für keinen der beiden Gesprächspartner die Muttersprache."

IT-Berater Clemens Blamauer (Mitte) arbeitet mit Kollegen aus Indien, der Slowakei, Großbritannien und Australien zusammen - gute Englischkenntnisse sind deshalb selbstverständlich.
Foto: Clemens Blamauer, Accenture

Reden, zuhören, erklären, in den nächsten Stunden wird Blamauer mehr Englisch als Deutsch sprechen, seine Kollegen kommen aus Indien, der Slowakei, Großbritannien und Australien. Selbst mit den Beratern aus Frankfurt redet Blamauer oft Englisch, um die anderen nicht auszuschließen. Für den Österreicher Blamauer ist Englisch inzwischen selbstverständlich. Selbst in seinem Notizbuch, in das er bei jedem Gespräch, jedem Meeting und jedem Telefonat schreibt, findet sich kein einziger deutscher Satz mehr.

Meetings, Meetings, Meetings...

Ohne Notizbuch geht gar nichts: Die Fragen und Ergebnisse zahlreicher Meetings müssen festgehalten werden.
Foto: Accenture

10.10 Uhr: Das erste Meeting mit dem Kunden an diesem Mittwoch. Um keine Zeit zu verlieren, bleiben die Berater im Großraumbüro und ziehen sich hinter die nächste Trennwand zurück. Jeder hat ein Notizbuch oder einen Block vor sich liegen und eine Wasserflasche mitgebracht. Der Projekt-Manager auf Kundenseite kommt ohne Umschweife zum Thema. Für den nächsten Software-Rollout verschiebt sich die Deadline um zwei Monate, er fragt alle Anwesenden nach dem Status der Arbeitspakete: Wie weit ist die Programmierung der Komponenten fortgeschritten? Gibt es offene Punkte in der Spezifikation, die noch abgeklärt werden müssen? Gibt es schon Testfälle von der Fachabteilung für den ersten Systemtest Anfang Mai? Während der IT-Projekt-Manager die wichtigsten Ergebnisse der Besprechung zusammenfasst, schlägt Blamauer sein Notizbuch zu und rollt mit dem Bürostuhl ein Stück zurück. Bereit zum Aufbruch. Der nächste Termin drängt.

10.40 Uhr: Die Konferenzschaltung nach Indien steht. Blamauer entschuldigt sich für die Verspätung und sagt, dass er den Anruf kurz halten will. Softwareentwickler Godwin, seit Kurzem im Accenture-Team, antwortet, ja, er habe die Dokumente erhalten, aber noch keine Fragen dazu. Blamauer telefoniert mehrmals in der Woche mit Godwin: "Wenn die Leute so weit weg sind, muss man den Kontakt eng halten." Auch der indische Entwickler wird bald nach München fliegen, um drei Monate vor Ort gemeinsam mit dem Team zu arbeiten. Blamauer erklärt ihm seine Aufgaben und will ihm später noch eine Zusammenfassung des Gesprächs per Mail schicken. Über das Visum können die beiden nicht mehr reden, Blamauer muss in die nächste Besprechung.

11:10 Uhr: Zum wöchentlichen Meeting wechselt das Accenture-Team in einen Besprechungsraum, Godwin aus Indien ist per Telefon zugeschaltet. Test-Managerin Julia Bernhardt leitet das Treffen, in dem das Team die Gelegenheit nutzt, sich gegenseitig auf den neusten Stand zu bringen. Auch sie führt straff durch die volle Agenda, Blamauer wirft Anmerkungen, Fragen ein und streicht in seinem Notizbuch die Punkte durch, die er erledigt hat. Zum Ende der Besprechung kündigt Blamauer den nächsten Termin an. Bis 17 Uhr sollen alle Entwickler die Meldungen überprüfen, die im Bug-Tracking-System aufgelaufen und an sie adressiert sind. Morgen steht eine Besprechung mit dem Kunden zum Thema an, da will der 31-Jährige über alle Bugs informiert sein und im Idealfall auch schon etliche gelöst haben. Alle nicken zustimmend, einige werden aber diese Deadline nicht einhalten können, da wie so oft Unvorhergesehenes dazwischen kommt.

12:00 Uhr: Wieder zurück an seinem Schreibtisch sieht Blamauer auf dem großen Display des Telefons, dass einige Anrufe eingegangen sind. Auch sein Mail-Account hat sich wieder gefüllt, pro Tag erhält er etwa 20 Mails, die er bearbeiten muss. Er ist froh darüber, dass es nicht mehr sind. Nach Meetings sind Mails die größten Zeitfresser für den Berater. Normalerweise programmiert Blamauer mindestens die Hälfte seiner Arbeitszeit, heute allerdings blieb dafür noch kein Raum. Um in die Tiefen des Codes einzutauchen, braucht der passionierte Entwickler Ruhe, und die tritt im Großraumbüro oft erst abends ein, wenn viele der Schreibtische verlassen sind. Seine Leidenschaft gehört nicht allein der Allerweltsprache Java, auf der die eingesetzte Standardsoftware basiert. Ihn reizen vor allem die Möglichkeiten von domänenspezifischen Sprachen (DSL). Damit ist es möglich, Befehle in wenigen Zeilen abzubilden, wofür man in Java 100 braucht. Das bringt Vorteile: Je kürzer der Code, desto übersichtlicher ist er und desto schneller die Fehlersuche. Und, was noch wesentlicher ist: Domänenspezifische Sprachen orientieren sich an der Domäne des Kunden, sie erleichtern die Kommunikation zwischen Technikern und Business erheblich. "Wenn ich den Leuten aus dem Business Java Code zeige, schalten sie ab. Meine domänenspezifische Sprache hingegen verwendet die Begriffe aus dem Fachbereich - damit verstehen sie, was ich programmiere, und sind in der Lage, frühzeitig Fehler zu entdecken oder Verbesserungsvorschläge einzubringen." Das Design der Applikationen ist für ihn essentieller Teil seines Beraterjobs: " "Der Kunde hat die Expertise in der Domäne seiner Branche, ich im Softwaredesign. Als großes Beratungshaus stemmt Accenture viele große IT-Projekte und führt komplexe IT-Systeme zusammen. Deshalb ist auch das Change-Management unser Geschäft."

12:35 Uhr: Der sonnige Frühlingstag lockt die Berater zum gemeinsamen Mittagessen ins Freie. Nicht immer bleibt Zeit für Hirschgulasch oder Penne mit Pilzen wie heute, manchmal muss auch eine belegte Semmel reichen. Doch etwas Zeit, sich über Dinge abseits des Arbeitslebens auszutauschen, bleibt immer.

Teamarbeit ist alles

Persönlicher Austausch ist für Blamauer (Mitte) gerade im Zeitalter von Internet und Mail eine Voraussetzung für den Erfolg.
Foto: Clemens Blamauer, Accenture

13:30 Uhr: Zwischen den Schreibtischen der Accenture-Berater ist immer Bewegung, keiner verschanzt sich hinter seinem Bildschirm, immer wieder stecken zwei Entwickler die Köpfe zusammen. Persönlicher Austausch ist für Blamauer gerade im Zeitalter von Internet und Mail eine Voraussetzung für den Erfolg. In den Meetings fehlt der Laptop. "Ohne PC kann man sich besser auf das Wesentliche konzentrieren."

15:00 Uhr: Ein weiterer Telefontermin, um die unmittelbaren Schritte zur Einführung des nächsten Software-Releases abzustimmen, dann das nächste Meeting. Blamauer entschuldigt sich bei Projektleiterin Kehr, dass er nicht teilnehmen kann. Er muss sich noch mit den aufgelaufenen Fehlern beschäftigen. Auch wenn die Fachabteilung das Problem in das Bug-Tracking-System schreibt, hakt Blamauer gern nach und erfragt am Telefon wichtige Infos.

16:20 Uhr: Business Analyst Ivan rollt seinen Stuhl an Blamauer Schreibtisch. Der Slowake ist im Accenture-Team die Schnittstelle zur Fachabteilung des Kunden, er übersetzt deren Anforderungen in technische Konzepte, die die Programmierer schließlich umsetzen. Die Anforderungen sind anfangs noch recht allgemein und entwickeln sich erst, darum ist es auch Blamauer Aufgabe, das Softwaredesign möglichst flexibel zu halten. Gleichzeitig muss es skalierbar sein, damit die Performance stimmt. Die beiden schauen gebannt auf den Bildschirm, im Testbetrieb ist ein Fehler aufgetaucht, Blamauer klickt sich durch die Codezeilen im Debugger, er kann ihn nicht rekonstruieren. Kurze Ratlosigkeit. Auch Entwickler Markus vom Schreibtisch gegenüber zuckt mit den Schultern. Ist es vielleicht ein Bug in der Standardsoftware und damit ein Fall für den Hersteller? Ein Kollege vom Schreibtisch nebenan horcht auf, er arbeitet beim Softwarehersteller und wird sich um den Fall kümmern.

17:34 Uhr: Die Sonnenrollos im Großraumbüro fahren automatisch hoch, die Schreibtische der Berater sind noch besetzt. Blamauer beginnt seine Tour von Entwickler zu Entwickler, um offene Punkte im Bug-Tracking-System zu besprechen. Einige Fehler stuft er ihrer Dringlichkeit hoch, andere lösen sich, und Blamauer kann wieder einen Punkt mehr in seinem Notizbuch durchstreichen. Zwischendurch gibt es Pausen, denn noch nicht jeder Entwickler hat Zeit gefunden, sich einen Überblick über seine Bugs zu verschaffen. Blamauer öffnet sein Framework und vertieft sich in die Domänenspezifische Sprache. Dass die Abende für die Berater an sehr vollen Tagen wie dem heutigen manchmal länger werden, zeigen zwei Pizzaschachteln, abgelegt und vergessen auf einem Schrank im Großraumbüro.

work
Robert Laube, Director und Service Line Lead Business Intelligence für Avanade Deutschland, Österreich und Schweiz, drei Kinder:
"Ich habe E-Mails von meinem Mobiltelefon verbannt. Auch nehme ich mir, wann immer möglich, die Zeit, morgens mit meinen Kindern zu frühstücken und sie in die Schule und den Kindergarten zu bringen."
Yasmine Limberger, Group Manager Personalmarketing für Avanade Deutschland, Österreich und Schweiz, ein Kind:
"Ich will vor allem das Gefühl haben, dass es meiner Tochter gut geht, ich aber auch als Teilzeitführungskraft einen guten Job mache. Außerdem benötige ich auch ein wenig Luft für persönliche Dinge. Das bedarf einer exakten Terminplanung. Man darf Dinge nicht liegenlassen, sondern muss seine Prioritäten zeitnah abarbeiten und immer alles im Blick behalten."
Petra Kaltenbach-Martin, Service Line Lead Dynamics CRM für Avanade Deutschland, Österreich und Schweiz, ein Kind:
"Es ist schwierig, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Bisher klappt es aber mit viel Organisation. Beispielweise nutze ich die Schlafzeiten meines Kindes, um Dinge abzuarbeiten. Zudem muss man viel Energie und Motivation für Kind und Beruf mitbringen. Dennoch ist es schön, beide Welten zu verbinden."
Hans-Peter Lichtin, Country Director Avanade Schweiz, zwei Kinder:
"Die gemeinsame Zeit mit meiner Familie versuche ich so bewusst wie möglich zu nutzen. Es gibt Tage, da kann ich durchaus mit meiner Familie frühstücken und auch zu Abend essen. Das Wochenende verbringe ich mit meiner Familie."
Dominik Steiner, Business Development Executive Avanade Schweiz, Zwillinge:
"Aus meiner Sicht ist es enorm wichtig, dass man lernt, sich persönlich abzugrenzen und sich Freiräume schafft oder auch spontane Freiräume mal für sich nutzt. Ich versuche von Zeit zu Zeit früh nach Hause zu gehen und so den Abend mit der Familie zu genießen und arbeite dann liegen gebliebene Arbeit am Abend nach - etwa wenn meine Kinder im Bett sind. Oder ich frühstücke mit den Kindern und bringe sie dann in die Tagesstätte. An einem solchen Tag beginne ich dann eben eine Stunde später zu arbeiten."
Eva Steiger-Duerig, HR & Recruiting Consultant bei Avanade, zwei Kinder:
"Wir haben die Kinderbetreuung sehr gut organisiert. Zudem habe ich das Glück, dass die Stadt Zürich ein gutes Kinderbetreuungsangebot hat und mein Mann sich auch an der Kinderbetreuung mitbeteiligt. Dennoch ist das Betreuungsangebot in Zürich auch mit sehr hohen Kosten verbunden."
Carmen Egelhaaf, Senior Marketing Specialist Avanade, ein Kind:
"Abends schreibe ich mir eine Checkliste, was privat am nächsten Tag alles organisiert und erledigt werden will: Lebensmittel einkaufen, aufräumen, Hemden und Blusen zur Reinigung bringen, Geburtstagskarte an Tante Irmgard schreiben, Geschenk für das Patenkind besorgen etc., damit ich nach der Arbeit gleich durchstarten kann. Unsere Putzfrau trägt viel dazu bei, dass ich von einigen Haushaltsaufgaben entlastet bin und möglichst viel Zeit mit meinem Sohn verbringen kann. Und ein Netzwerk von Freunden (da keine Oma in der Nähe) hilft aus, wenn mein Sohn krank ist oder Kindergartenferien zu überbrücken sind."
Andrea Cebulsky, Director Legal Europe Avanade, zwei Kinder:
"Sicherlich ist auch das Reisen manchmal eine Herausforderung - ich bin fast immer mindestens ein- bis zweimal die Woche unterwegs. Ein-Tages-Reisen sind noch zu managen. Problematischer wird es, wenn man für ein paar Tage weg muss, dann muss auch mal die Oma mithelfen. Da ist es dann wichtig, dass man frühzeitig planen kann, insbesondere weil mein Mann die Woche auch unterwegs ist. Der Terminkalenderabgleich mit vier Familienmitgliedern ist manchmal eine Herausforderung für sich."

Warum Berater?

Foto: Clemens Blamauer, Accenture

Clemens Blamauer ist nicht zufällig IT-Berater geworden. Nach seinem Wirtschaftsinformatikstudium an der TU in Wien und der Mitarbeit in einem europäischen Forschungsprojekt über semantisches Geschäftsprozess-Management hat er sich eine Auszeit gegönnt: Sieben Wochen Wandern auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela, Feldwege statt Netzwege, Nachdenken zwischen zwei Lebensabschnitten, Impulse durch Begegnungen mit anderen Wanderern. Danach entschied er sich gegen eine wissenschaftliche Karriere: "Die theoretische Arbeit ist gut und wertvoll, aber ich bin nicht nur an Prototypen, sondern vielmehr an praktischen Ergebnissen interessiert." Stattdessen wollte er Software entwickeln, in Teams und Projekten arbeiten. Das internationale Umfeld, die Zusammenarbeit mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und die Tätigkeit für Unternehmen mit großen, professionellen Projekten kristallisierten sich für ihn als weitere Eckpfeiler heraus. Diese hat Blamauer bei Accenture wiedergefunden, und trotz des herausfordernden Tagesgeschäfts ein neues Steckenpferd für sich entdeckt: Als Trainer gibt er sein Wissen über Java und interkulturelle Zusammenarbeit an neue Mitarbeiter weiter. Zwei Wochen im Jahr widmet er sich - wie alle Accenture-Berater - der eigenen Weiterbildung: Ihn interessieren aber weniger neue Programmiersprachen - "die kann ich mir selbst am besten beibringen", als Schulungen in Sachen Soft Skills und Führung. Anfang Mai zum Beispiel besucht er ein Seminar über Coaching und Motivation der Mitarbeiter am Arbeitsplatz.