Trend zur Heimarbeit

Es zählt nur das Ergebnis

03.02.2015 von Ferdinand Knauß
Nach Microsoft folgt auch der Zuliefererkonzern Bosch dem Trend zur Befreiung der Arbeit von Raum und Zeit. Zählen soll nur das Ergebnis.
  • Nach Microsoft hat auch Bosch das mobile Arbeiten erleichtert.
  • Was sich Konzerne vom Home Office versprechen.

Es gibt sie immer noch. Jene Chefs, die auf die Bitte nach Heimarbeit antworten: "Aber dann sehe ich ja gar nicht mehr, was du machst!" Doch solche Führungsmethoden nach dem Vorbild von Gefängnisaufsehern werden seltener.

Nach Microsoft hat auch Bosch seinen Mitarbeitern das mobile Arbeiten von zu Hause oder wo auch immer sie wollen erleichtert. Beim Automobilzulieferer zieht aber auch umgekehrt das private Leben ins Büro ein.

Was ohnehin für die meisten Büroarbeiter selbstverständlich ist, wird von Bosch offiziell erlaubt: die private Nutzung von E-Mail, Internet und Telefon am Arbeitsplatz. Auch private Reisen oder Einkäufe können nun ohne Heimlichtuerei am Dienst-PC gebucht werden.

Vor wenigen Monaten gab Microsoft bekannt, dass die Anwesenheitspflicht für seine Mitarbeiter im Büro vollständig abgeschafft ist. Schon 1998 hatte der Software-Konzern die die festen Arbeitszeiten abgeschafft. Mitarbeiter dürfen ihre Arbeit künftig wann und wo sie wollen verrichten. Für die Mitarbeiter in Deutschland wird der "Vertrauensarbeitsort" in einer Betriebsvereinbarung verbindlich geregelt.

Tipps für den Umgang mit Heimarbeitern
Technik
Heimarbeiter müssen voll arbeitsfähig und angebunden sein. Arbeitgeber sollten dafür die benötigten Notebooks und elektronische Zugänge zur Verfügung stellen.
Alternative
Machen Sie Ihren Mitarbeitern deutlich, dass Home Office für gewisse Aufgaben und zu gewissen Zeiten möglich ist, aber keinesfalls eine regelmäßige Präsenz im Büro ersetzen kann. Nicht für Heimarbeit geeignet sind alle Tätigkeiten, die eine ständige Abstimmung mit anderen Kollegen notwendig machen.
Regeln
Eindeutige Regelungen helfen bei der Steuerung von Gruppen, in denen Mitarbeiter sowohl im Büro als auch im Home Office arbeiten. Kommunizieren Sie die Regeln offen an alle Teammitglieder. So beugen Sie möglichen Vorurteilen gegenüber einer vermeintlichen Besserstellung eines Mitarbeiters vor.
Klare Ziele
Damit effizientes Arbeiten von zu Hause aus möglich ist, sollten bereits vorab klare Ziele und Ergebnisse bestimmt werden: Welche Aufgaben soll der Mitarbeiter bis zu welchem Termin zu Hause erledigen?

Heimarbeit in der einen oder anderen Form ermöglichen die meisten Firmen. Bei Siemens darf jeder Büromitarbeiter einen Tag pro Woche zuhause arbeiten. Beim Chemiekonzern BASF trat 2013 eine Betriebsvereinbarung zum Mobilen Arbeiten in Kraft, wonach bedarfsorientiert Mitarbeiter an einem anderem Ort als ihrem Büroplatz arbeiten können.

Bosch will, so heißt es in einer Pressemitteilung, "den Wandel von der Präsenzkultur hin zu mehr Flexibilität und Ergebnisorientierung weiter voranbringen" und "die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben" stärken. Mit dem Konzernbetriebsrat wurden dazu zwei neue Konzernbetriebsvereinbarungen erarbeitet, die für die Bosch-Beschäftigten in Deutschland gelten sollen.

Er sei "von den Vorteilen flexibler Arbeitsmodelle überzeugt", begründet Christoph Kübel, Geschäftsführer und Arbeitsdirektor bei Bosch die neuen Regeln. "Die freie Wahl von Arbeitsort und -zeit steigert die Zufriedenheit der Mitarbeiter, liefert bessere Arbeitsergebnisse und stärkt die Kreativität."

Bislang mussten bei Bosch Vorgesetzte einzeln genehmigen, wenn ein Mitarbeiter vorübergehend an einem anderen Standort oder von zuhause aus arbeiten wollte. Jetzt haben Mitarbeiter grundsätzlich einen Anspruch darauf - sofern die berufliche Aufgabe es zulässt.

Die Personalchefin von Microsoft Deutschland, Elke Frank, glaubt, dass Anwesenheit im Büro "nichts über die Qualität der Leistung von Mitarbeitern" aussage, wie sie das Magazin "Impulse" zitiert. Entscheidend für Microsoft sei nicht der Ort der Arbeit, sondern nur das Ergebnis.

Was unzählige arbeitspsychologische Studien zeigen, ist offenbar allmählich in den Köpfen der Personalmanager angekommen: Unter den wachsamen Augen eines kontrollwütigen Vorgesetzten und zwischen dem Geschnatter der Großraumkollegen kann man nur schlecht konzentriert an einem Projekt arbeiten oder kreative Ideen haben. "Wer in Ruhe arbeiten will, arbeitet von zu Hause", sagt Frank.

Home Office: Regeln für Mitarbeiter
Nach Feierabend abschalten
Feierabend und Ferien gelten auch bei flexiblen Arbeitsplatzmodellen.
Eignung prüfen
Eigene Eignung für flexible Arbeitsmodelle kritisch überprüfen.
Selbstbewusstsein entwickeln
Auch bei flexiblen Arbeitsplatzmodellen hat der Arbeitgeber keinen Anspruch auf ständige Rufbereitschaft.
Verantwortung übernehmen
Der Mitarbeiter übernimmt mehr unternehmerisches Denken und sollte sich seiner Verantwortung gegenüber dem Arbeitgeber bewusst sein.
Klare Ziele setzen
Flexible Arbeitsmodelle sind kein Abstellgleis, aber sie erfordern mehr Durchsetzungswillen und Präsenz, um sich weiter zu entwickeln.
Richtig kommunizieren
Die eigenen Aufgaben, Prozesse und Termine klar kommunizieren.
Arbeitsrhythmus neu definieren
Den eigenen Rhythmus finden: Der Arbeitsrhythmus sollte an die eigene Produktivität und die persönlichen Bedürfnisse angepasst werden, ohne dabei die Prozesse im Team zu missachten.
Mit Kollegen austauschen
Networking ist Pflicht: Die virtuelle Präsenz entbindet den Mitarbeiter nicht von seinen Aufgaben als Teammitglied, dazu zählen nicht nur die reinen Jobkriterien, sondern auch die Sozialkompetenz.
Sorgfältig arbeiten
Gerade bei virtuellen Teams ist professionelles Wissensmanagement mit einem eindeutigen Ablagesystem Pflicht.
Sich selbst managen
Flexible Arbeitszeit und Arbeitsplatzmodelle verlangen ein hohes Maß an Selbstorganisation, das nicht jeder aufbringt.

Trennung von Beruf- und Privatleben

Als Kehrseite der Freiheit fürchten manche, dass Arbeit und Freizeit vollständig ineinander übergehen. Bei Bosch zumindest hat der Betriebsrat daher bei den neuen Regelungen auf eine klare Trennung von Beruf- und Privatleben geachtet. "Jeder Mitarbeiter legt deshalb zum Beispiel Pausenzeiten und Zeiträume fest, in denen er ungestört bleiben will", sagt Bosch-Betriebsratschef Löckle. Die Arbeitszeiten werden auch zuhause erfasst und begrenzt.

Dass die Arbeit zuhause möglicherweise für den einen oder anderen ganz eigene Probleme mit sich bringt, vor allem wenn da Kinder und andere Quellen der Ablenkung sind, bestreiten auch die Apostel einer neuen Arbeitswelt wie die Buchautoren Cali Ressler und Jody Thompson nicht.

Ihr Programm ROWE - "Results only work environment" - heißt ja gerade, dass eben die Resultate der Arbeit im Vordergrund stehen sollen. So wenig wie die Anwesenheit im Büro bedeutet der Schreibtisch zuhause unbedingt und für jeden die produktivste Lösung. Ein den persönlichen Vorlieben und Bedürfnissen entsprechendes Büro kann für den einen ein ebenso guter Arbeitsort sein - wie der Platz im Kaffeehaus für den anderen. (Wirtschaftswoche)

Home Office: Regeln für Unternehmen
Klare Vereinbarungen treffen
Flexible Arbeitsmodelle erfordern klare Vereinbarungen. Nur wenn die Rahmenbedingungen transparent und Erwartungen eindeutig formuliert sind, kann daraus eine vertrauensvolle neue Arbeitskultur entstehen.
Nutzung freistellen
Nicht für jeden Mitarbeiter eignet sich Arbeiten im Home-Office: Jedem Mitarbeiter sollte freigestellt sein, diese Angebote im Unternehmen zu nutzen.
Mitarbeitern vertrauen
Als Arbeitgeber sollte man seinen Mitarbeitern vertrauen und "loslassen" können.
Mitarbeiterleistung messen
Die Leistung von Mitarbeitern muss objektiv definiert und gemessen werden.
Führung nicht vernachlässigen
Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn: Auch Mitarbeiter ohne permanente Anwesenheit brauchen Führung.
Fürsorgepflicht ernst nehmen
Arbeitgeber haben eine Fürsorgepflicht gegenüber den Mitarbeitern. Diese gelten auch und insbesondere für flexible Arbeitsplatzmodelle.
Neue Meetingkulturen schaffen
Bei aller Flexibilität: Neue Meetingkulturen erleichtern effiziente und effektive Arbeitsprozesse innerhalb der Teams.
Gemeinschaftsgefühl stärken
Den direkten Austausch fördern, sich gegenseitig schätzen - und so die Zusammenarbeit und das Gemeinschaftsgefühl stärken.
Mitarbeiter willkommen heißen
Mitarbeiter müssen sich im Unternehmen willkommen fühlen und haben ein Anrecht auf einen Arbeitsplatz.
Unternehmenskultur überprüfen
Neue Arbeitsstrukturen können nur erfolgreich sein, wenn sie mit der Unternehmenskultur, der Philosophie und den Unternehmenszielen vereinbar sind.