Verschiedene Wege zu mehr Agilität

Forscher identifizieren verschiedene Typen von Digital Labs

13.12.2017 von Nils Urbach
Im Rahmen der digitalen Transformation müssen sich unternehmenseigene IT-Bereiche neu aufstellen, um innovativer und reaktionsfähiger zu werden. Oft entstehen Digital Labs - allerdings in sehr unterschiedlichen Ausprägungen, wie Wissenschaftler herausgefunden haben.

Um Stabilität und Flexibilität in der IT gleichermaßen zu gewährleisten, wurden Ansätze für eine organisationale Neugestaltung vorgeschlagen - von der bimodalen über die trimodale bis hin zur multimodalen IT. Durch den Aufbau einer oder mehrerer agiler IT-Einheiten soll dabei die Flexibilität der IT sichergestellt werden. Offen bleibt aber die Frage nach der konkreten Ausgestaltung agiler IT-Einheiten.

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Ein Forschungsteam der Projektgruppe Wirtschaftsinformatik des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik FIT hat sich dieses Themas angenommen. Auf Basis von Interviews mit 16 hochrangigen IT-Führungskräften (oft CIO-Level) unterschiedlicher Unternehmen entwickelte das Team eine Taxonomie mit sieben Dimensionen. Sie beschreiben die unterschiedlichen Facetten der organisatorischen Verankerung agiler IT-Einheiten.

Die sieben Gestaltungsoptionen agiler IT-Einheiten

Die sieben Gestaltungsoptionen agiler IT-Einheiten.
Foto: Fraunhofer FIT

Die Grafik zeigt auf der linken Achse sieben Dimensionen der Taxonomie. Für sie gibt es - rechts daneben - jeweils zwei bis vier charakteristische Ausprägungen. Diese wurden von den Forschern in den Experteninterviews identifiziert und validiert. Die Dimensionen adressieren verschiedene Aspekte der organisatorischen Verankerung agiler IT-Einheiten, beispielsweise ihre inhaltliche Ausrichtung, ihre Zuständigkeiten, ihre Mitarbeiter oder ihre Integration in die IT-Infrastruktur.

Diese Taxonomie hat das Forschungsteam genutzt, um mittlerweile 13 agile IT-Einheiten unterschiedlicher Unternehmen einzuordnen. Durch die Auswahl der zutreffenden Ausprägungen in jeder Dimension gelang es, sowohl bestehende, als auch geplante agile IT-Einheiten zu charakterisieren. Im Folgenden soll der Vergleich von drei dieser agilen IT-Einheiten beispielhaft zeigen, welche Ausgestaltungsvarianten es in der Praxis gibt.

Beispiel: Digital Lab in der regulierten Finanzbranche

Digital Lab bei einem Finanzdienstleister.
Foto: Fraunhofer FIT

Eines der befragten Unternehmen aus dem Finanzsektor (siehe Grafik) baut derzeit eine agile IT-Einheit auf, um trotz der branchentypischen Regulierung innovative Ideen und Lösungen für Kunden zu kreieren und sich damit vom Wettbewerb abzuheben. Die agile IT-Einheit wird in Form einesDigital Labs umgesetzt. Es fokussiert sich darauf innovative Lösungen prototypisch zu entwickeln und diese spätestens dann an die traditionelle IT zu übergeben, wenn erste lauffähige Produkte (Minimum Viable Products = MVPs) existieren.

In diesem Fall ist das Digital Lab permanent in der Organisation verankert und wird von der Unter-nehmens-IT verantwortet, in deren unmittelbarer Nähe es auch untergebracht ist. Das Personal wird teilweise aus der bestehenden IT-Abteilung und den Fachbereichen, teilweise aber auch extern durch Neueinstellungen rekrutiert. Eine Besonderheit dieser agilen IT-Einheit besteht darin, dass sie einer eigenen Governance unterliegt und zudem aufgrund regulatorischer Anforderungen technisch komplett von der bestehenden IT abgekapselt ist.

Beispiel: Digital Lab in einem Produktionsunternehmen

Digital Lab in einem Produktionsunternehmen.
Foto: Fraunhofer FIT

Ein Unternehmen aus der Produktionsbranche baut derzeit ebenfalls eine agile IT Einheit in Form eines Digital Labs auf. Wie im zuvor genannten Fall stand auch hier das Motiv im Vordergrund, innovativer zu werden und neue Märkte zu erschließen. So verwundert es also nicht, dass dieses Digital Lab ähnlich verankert ist wie das in der vorgenannten Bank.

Allerdings gibt es einen grundlegenden Unterschied: Das Produktionsunternehmen baute sein Digital Lab als eine separate Abteilung auf, für die eigens eine neue Niederlassung eröffnet wurde. Außerdem ist dieses Lab technisch teilweise integriert, wodurch eine deutlich schnellere und einfachere Übergabe von MVPs und Prototypen an die bestehende IT-Organisation möglich ist. Tatsächlich war dies auch leichter zu realisieren als im ersten Beispiel, weil die externen Regularien in Produktionsunternehmen nicht so restriktiv sind wie in der Finanzbranche.

Beispiel: Digital Unit in einem ITK-Unternehmen

Digital Lab in einem IKT-Unternehmen.
Foto: Fraunhofer FIT

Andere agile IT-Einheiten, die untersucht wurden, sind organisatorisch völlig anders verankert als die beschriebenen. So stand beispielsweise ein ITK-Unternehmen, das unter anderem Cloud-Lösungen für Unternehmenskunden bereitstellt, vor der Herausforderung, besonders schnell auf sich ändernde Kundenanforderungen reagieren zu können. Die aufzubauende Digital Unit verfolgte somit das Ziel, schnell Individuallösungen zu entwickeln und diese den Kunden bereitstellen zu können(s. Abb. 4).

Daher ist die Digital Unit nicht nur auf das Entwickeln innovativer neuer Produkte fokussiert, sondern auch maßgeblich an deren Vermarktung beteiligt. Die Digital Unit wurde als permanent existierende, separate Abteilung gestaltet. Da sie das Ziel verfolgt, marktreife Produkte zu gestalten, muss diese Einheit - anders als die zuvor beschriebenen - die unternehmensweite Governance einhalten. Es existiert eine vollständige technische Integration. Die Digital Unit ist auf dem Gelände des Unternehmens angesiedelt und bezieht ihre personellen Ressourcen aus den traditionellen IT- und Fachbereichen.

Archetypen agiler IT-Einheiten

Die Forscher möchten nun weitere agile IT-Einheiten analysieren, Profile erstellen und so Archetypen bilden, um so Best Practices und Handlungsempfehlungen herauszuarbeiten. Ihr Ziel ist es, zu einem besseren Verständnis agiler IT-Einheiten beizutragen. Entscheider, die einer solchen Unit vorstehen oder sich an der Konzeption beteiligt haben, sind eingeladen, sich an der fortlaufenden Umfrage zum Thema zu beteiligen.

Die Beantwortung des Fragebogens nimmt etwa 15 Minuten in Anspruch. Gerne bieten die Autoren an, Fragen zu ihrem Forschungsthema und der Umfrage zu beantworten. Das Forscherteam freut sich auf Ihre Nachricht unter der E-Mail-Adresse sim@fit.fraunhofer.de.