Probleme wegen Einkommensunterschieden

Neid bei Gehältern

02.05.2012 von Bettina Dobe
Menschen unter 45 fühlen sich eher angespornt, erst ab 45 wird man neidisch auf höheres Einkommen. Das ergab eine Studie des HWWI und britischen Forschern.
Glücklich trotz niedrigerem Gehalt - das gilt zumindest für die Unter-45-Jährigen.
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Eigentlich haben Gehaltsunterschiede einen negativen Effekt: Neid kommt auf, wenn man sieht, dass andere mehr verdienen. Vor allem, wenn sie in ähnlichen Positionen arbeiten. Ein Team aus deutschen und britischen Forschern untersuchte den Zusammenhang zwischen Gehalt und Lebenszufriedenheit. Max F. Steinhardt vom Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) und Kollegen aus St. Andrews kamen zu dem überraschenden Ergebnis: Bei Unter-45-Jährigen ist das höhere Einkommen der Peer-Guppe eher ein Ansporn.

Gehaltsunterschiede können also einen positiven Effekt haben. So betrachten viele das höhere Einkommen anderer eher als Ziel, das es zu erreichen gilt. Forscher sprechen hier auch vom "Tunneleffekt": Das persönliche Wohlbefinden ist positiv, auch wenn das eigene Gehalt niedriger ist.

Bei 45 Jahren liegt die Grenze

Menschen unter 45 Jahren, so die Studie, sind beruflich und privat flexibler und rechnen sich für die Zukunft im Job noch viele Möglichkeiten aus. Vergleichen sie sich mit anderen, sehen sie noch Chancen, dieses Gehalt auch selbst zu erreichen. Die Forscher sprechen vom "erwarteten" Gehalt über die gesamte Laufbahn.

Die Jüngeren ärgern sich also nicht zwangsläufig, wenn sie gehaltsmäßig schlechter abschneiden. Im Gegenteil: Auf ihre generelle Lebenszufriedenheit wirkt sich das Gehalt nicht sonderlich aus - wenn es nicht zu weit nach unten ausschert.

Damit widerlegten die Wissenschaftler die These, dass mehr Gehalt auch mehr Glück bedeutet. Das gilt nur für die Älteren, also die über-45-Jährigen. Denn ab diesem Alter gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen Gehalt und Glück, auch wenn Ältere mehr verdienen als Jüngere.

Das Alter macht den Unterschied

Ab 45 Jahren beeinträchtigt ein niedrigeres Gehalt die Lebenszufriedenheit.
Foto: Daniel Mock - Fotolia.com

Bei Älteren wirkt sich weniger Gehalt, wie erwartet, negativ aus. Die Rente rückt näher und man rechnet sich beruflich weniger Chancen aus. Die Aussicht auf Erfolg sinkt nach eigener Einschätzung. Wenn dann Gleichaltrige mehr verdienen, glauben die über 45-Jährigen nicht mehr daran, diese Einkommensstufe selbst zu erreichen. Die Folge: Neid kommt auf, der aber keinen positiven Effekt mehr hat.

Bisherige Studien zum Verhältnis von Gehalt und Glück hatten diesen Effekt nicht erkannt, da alle Altersgruppen zusammen genommen wurden. Für die Studie benutzten die Forscher Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) und werteten die Daten von etwa 10.000 Deutschen aus. Für Großbritannien wurden auch etwa so viele Datensätze herangezogen. Die Wissenschaftler kamen zu ähnlichen Ergebnissen für Westdeutschland und Großbritannien. In Ostdeutschland wichen die Werte allerdings etwas ab.

Unterschiede zwischen Ost und West

Die Forscher untersuchten Ost- und Westdeutschland separat, denn: Ostdeutsche Haushalte weisen häufiger Arbeitslosigkeit auf und haben weniger Geld zur Verfügung als westdeutsche. So war im Osten der Effekt der unterschiedlichen Gehälter deutlich geringer als im Westen. Für Großbritannien allerdings kamen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis: Für Jüngere ist die Neiddebatte kein Thema.

Insgesamt gesehen ergibt sich also, dass das Gehalt im Verhältnis zu andere zumindest bei Jüngeren sich nicht übermäßig auf das persönliche Wohlbefinden auswirkt. Wie aber die Forscher anmerken, altert unsere Gesellschaft zusehends. Es wird also mehr Ältere geben, die mit ihrem Gehalt unzufrieden sind. Das bedeutet, dass in Zukunft die Lebenszufriedenheit der Gesellschaft im Ganzen stagniert - oder vielleicht sogar sinkt.