Schmerzen, Schlafstörungen, Zynismus

Burnout-Job Projektmanager

27.11.2018 von Christoph Lixenfeld
Eine breit angelegte Studie hat sich mit dem Gesundheitszustand von Projektmanagern beschäftigt. Die Ergebnisse der TU München sind erschreckend.
Überforderte Angestellte sollten sich Hilfe holen, bevor sie ausbrennen.
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Dass der Job nicht gesund ist, wissen natürlich alle, die ihn ausüben. Und auch wer ein paar Projektmanager kennt, hat schon mitgekriegt, unter welchem Druck diese Berufsgruppe steht. Eine Studie des Centrums für Desease Management der TU München hat jetzt untersucht, welche Faktoren Projektmanagern den meisten Stress verursachen und wie viele von ihnen wie stark leiden. Fragen zu ihrer Gesundheit beantwortet hatten 965 Projektmanager, 71 Prozent aus Deutschland, 24 aus Österreich und 5 Prozent aus der Schweiz. Knapp zwei Drittel der Teilnehmer waren männlich.

Klischees werden erfüllt

Die Antworten liefern eine Bestätigung fast aller gängigen Klischees. Das fängt schon mit der Arbeitszeit an: Die Befragten arbeiten durchschnittlich 47,4 Stunden pro Woche, was schlicht bedeutet, dass rechnerisch eine Sechs-Tage-Woche der Normalfall ist. Gesund ist das offenbar nicht: 56 Prozent der Antwortenden sind wegen körperlicher und 18 Prozent wegen psychischer Beschwerden in Behandlung. 64 Prozent haben in den zwölf Monaten vor der Befragung trotz Krankheit gearbeitet. 22 Prozent schätzen ihren Gesundheitszustand als weniger gut oder schlecht ein, 27 Prozent finden ihre Lebensqualität weniger gut oder schlecht.

Die Ursachen teilen die Autoren in zwei Gruppen ein:

Eine explosive Mischung: Gerade Perfektionisten, die nicht loslassen können, sind burnoutgefährdet, sagt Hans-Joachim Maar, Partner bei der Personalberatung Rochus Mummert.

Zudem können Menschen mit extrem hohen Ansprüchen an sich selbst schlecht nein sagen, weil sie stets glauben, alles schaffen zu können und zu müssen. Entsprechend übergewichtet ist die Arbeit im Verhältnis zum Privatleben: Mehr als 60 Prozent der im Rahmen der Studie Befragten gaben an, nie oder nur manchmal bei der Arbeitszeitplanung auf ihre familiären und privaten Interessen Rücksicht zu nehmen.

Offenbar gilt das sogar für den Urlaub, jene Zeit des Jahres, deren Sinn geradezu darin besteht, durch Abschalten und Loslassen der Arbeit neue Energie zu tanken: Laut einer aktuellen Umfrage des Branchenverbandes Bitkom sind drei von vier Angestellten, die über Weihnachten und Neujahr Urlaub haben, telefonisch in dieser Zeit für Kollegen oder Kunden erreichbar, mehr als jeder Zweite per Mail.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Jede Sekunde für die Arbeit nutzen: Verbissener Perfektionismus ist oft der erste Schritt zum Burnout.
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Dieser Befund passt zu einem Ergebnis der aktuellen Gehalts- und Karrierestudie der Deutschen Gesellschaft für Projektmanagement (GPM). Bei dieser Untersuchung der Situation von über 900 Projektmanagern und -managerinnen zeigten sich lediglich 47,5 Prozent der männlichen und 43 Prozent der weiblichen Befragten mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zufrieden. Der Unterschied könnte daher rühren, dass Männer in dieser Position mehr arbeiten - auch das ist ein Ergebnis der Befragung durch die GPM. Vielleicht setzten Männer aber auch andere, ungesündere Prioritäten.

Wer nie abschaltet, gefährdet in jedem Fall seine Gesundheit. Nach Ansicht des Centrums für Desease Management sind 35 Prozent aller Projektmanager burnoutgefährdet, und zwar Männer und Frauen im gleichen Maße. Fragt sich natürlich, was dagegen hilft.

Sich selbst ändern ist leichter als andere

"Fangen Sie bei sich selbst an, denn es ist leichter, sich selbst zu ändern, als die Mitmenschen und das Umfeld", schreiben die Autoren der Studie. Womit? Abschalten, entspannen, "die inneren Antreiber bearbeiten", das Sozialleben pflegen, auf gesunden Schlaf achten, Sport und Bewegung in den Alltag einbauen. Alles leichter gesagt als getan.

Nicht untersucht wurde bisher die spannende Frage, ob die hohe Belastung wenigstens zu besseren Ergebnissen führt. Werden Projekte im Ergebnis besser, wenn die Verantwortlichen 50 Stunden und mehr pro Woche geschuftet und sich dabei maximal gestresst hatten? Übertriebener Perfektionismus, das ist aus der Forschung bekannt, führt eher zu Depressionen als zu optimalen Ergebnissen.

Was Projektmanager erfolgreich macht

Welche Eigenschaften aber machen Projektmanager erfolgreich? Mit dieser Frage setzt sich eine weitere Studie auseinander, die die GPM gemeinsam mit dem IQP - Privat-Institut für Qualitätssicherung in Personalauswahl und -entwicklung - aus Berlin durchgeführt hat. Demnach unterscheiden sich Projektmanager von anderen Berufsgruppen besonders dadurch, dass sie überdurchschnittlich risikofreudig und teamfähig sind.

Bei der Antwort auf die Frage, welche Eigenschaften es zum Erfolgreichsein braucht, sind vor allem zwei Detailergebnisse spannend.

Kein Privatleben
Wer kein Leben außerhalb des Büros hat, misst dem Job eine übertriebene Bedeutung zu.
Immer erreichbar
Auch im Urlaub Mails lesen? Wer sich erholen will, räumt den Job mal für zwei Wochen ganz raus aus dem Kopf. Der Chef will Sie erreichen können? Geben Sie ihm ("Für den äußersten Notfall") die Handynummer ihrer Frau. Er wird nicht anrufen ...
Nicht schlafen
Gesunder Schlaf ist der Schlüssel zu Wohlbefinden, Ausgeglichenheit und guter Arbeit. Wer mehr als eine Woche am Stück keine Ruhe findet, sollte sich helfen lassen.
Tschaka, Tschaka!
Seit dem letzten Motivationsseminar sind Sie mehr denn je davon überzeugt, dass Sie IMMER ALLES schaffen können. Sie sind auf dem richtigen Weg. Zum Burnout.
Nie gestresst wirken wollen
Sicher, ausrasten ist nicht gut. Aber sicher gesünder, als ständig entspannt wirken zu wollen, obwohl Sie keine Nacht mehr ruhig schlafen können.
Zu wenig Bewegung
Nehmen Sie sich nicht vor, dreimal pro Woche joggen zu gehen. Nehmen Sie sich gar nichts vor, und tun Sie es stattdessen einfach ab und zu.
Die Probleme lange ignorieren
Alle wollen wir leistungsfähig sein. Schaffen wir das nicht mehr, bezeichnen wir das meist als temporäres Problem, das von selbst wieder verschwindet. Das wird es nicht.
Immer ja sagen
"Müller, Sie schaffen das doch bestimmt bis Freitag, die Präsentation für den Kunden xy noch dazwischenzuschieben?" Versuchen Sie es bei solchen Ansagen einfach mal mit einem schlichten Nein. Spätestens beim dritten Mal wundern Sie sich, wie leicht das geht.