Auswahlverfahren

Speed-Dating der Startups beim Rhön-Klinikum

01.02.2017 von Horst Ellermann
Einer der größten Krankenhaus-Konzerne Deutschlands stellt sich für die Zukunft auf. Der für Startup-Innovationen zuständige Vorstand Jens-Peter Neumann erzählt, mit welcher Strategie er dazu weltweit auf der Jagd nach dem besten Know-how ist.
  • Vorstand Peter Neumann gibt Einblick, wie das Rhön-Klinikum Startups auswählt
  • 80 Ärzte und Wissenschaftler haben den Bedarf definiert
  • Von 200 Startups schafften es fünf auf die Short-List
  • Anfang 2016 gründete der Konzern eigens die Rhön-Innovations GmbH

Jens-Peter Neumann ist ein Spezialist für Speed-Datings geworden. Der glücklich verheiratete 57jährige hat sich in den letzten zehn Monaten über 200 Startups genauer angesehen und mit über 100 davon Gespräche geführt. In Tel Aviv, im Silicon Valley oder in Bad Neustadt. "Wir brauchen weltweiten Input für unsere Technologien, das Potenzial der digitalen Startups ist dafür eine riesengroße Chance und für die Zukunft unverzichtbar", sagt Neumann.

Erst seit Kurzem ein Inkubator und Investor in Startups

Die Branche der großen privaten Klinikbetreiber hat sich in Deutschland erst seit Kurzem als Inkubator und Investor in Startups hervorgetan. Aber der Zug beginnt dort immer schneller zu rollen und Neumann ist früh aufgesprungen. Wie er strategisch und über mehrere Prozess-Stufen die erste Handvoll relevanter Startups für Kooperationen und Investments unter Hunderten Kandidaten ausgewählt hat, dazu gibt er gerne Einblick.

"In zwei der Startups haben wir jetzt investiert, mit den anderen drei sind wir in sehr konkreten Verhandlungen kurz vor dem Abschluss", sagt Jens-Peter Neumann, Vorstand Finanzen und IT bei der Rhön-Klinikum AG.
Foto: Rhön-Klinikum AG

Jens-Peter Neumann ist hauptamtlich Vorstand der Rhön-Klinikum AG in Bad Neustadt, die in Deutschland zu den Top 5 der privaten Krankenhaus-Betreiber gehört. Und dort für Finanzen zuständig. Diese Verantwortung ist an sich herausfordernd genug: Das Gesundheitssystem in Deutschland ist von vielen staatlichen Regulationen abhängig, hier ist es eine Herkulesaufgabe, Krankenhäuser profitabel zu führen.

Rhön-Klinikum gründete eine Innovations-Tochter

Zum Unternehmen gehören unter anderem die beiden privatisiertenUniversitäts-Kliniken in Gießen und Marburg, in denen medizinische Exzellenz das Aushängeschild ist. Dem Konzern reicht es deshalb nicht, wenn innovative Medizintechnik-Anbieter oder IT-Dienstleister in den Krankenhäusern ihre Leistungen erbringen. Der Klinikbetrieb an sich und die Heilmethoden müssen ständig auf den neuesten Stand gebracht werden. "Technologie-Führerschaft ist dabei die Erfolgsformel", sagt Vorstand Neumann. Hier müssen zur Ergänzung der eigenen Ressourcen möglichst auch technologische Start-ups ran. Und dazu wurde Im März 2016 die Rhön-Innovations GmbH gegründet. Mit Jens-Peter Neumann als Geschäftsführer.

Wie Startups 2017 sehen
Startups zum Jahreswechsel 2016/2017
Startups wollen im kommenden Jahr wachsen. Fachlich nennen sehen sie 2017 so unterschiedliche Themen wie Künstliche Intelligenz und 3D Druck, Brand Experience und Mitarbeiter-Qualifizierung auf der Agenda.
Catharina van Delden, Innosabi
“2017 geht das Wachstum von Innosabi voraussichtlich weiter. Es soll aber weiterhin kontrolliert und aus eigener Kraft möglich sein. Dazu müssen wir im neuen Jahr auch Strukturen aufbauen, die nicht nur wie bisher mit 30 Mitarbeitern funktionieren, sondern zukünftig vielleicht auch mit 50", sagt die CEO des Crowdsourcing-Spezialisten Innosabi.
Manfred Tropper, Mantro
"Wir begleiten viele verschiedene Unternehmens-Inkubatoren und Innovationsprojekte in den unterschiedlichsten Industrien. Was sie 2016 alle beschäftigt hat, war die Frage wie sie ihre Teams aufbauen. Glücklicherweise sind fast alle mittlerweile an dem Punkt angekommen, dass Ideen an sich nichts wert sind - sondern das Teams, das die Idee zum Laufen bringen soll", so die Einschätzung des Mantro-Gründers Manfred Tropper.
Stephan Kühr, 3yourmind
Stephan Kühr von 3yourmind, einem Berliner Startup, das den passenden 3D Druck-Anbieter vermittelt, sagt: "In 2016, 3D Printing became an indispensable part of production cycles and major players are all planning for larger integrations of the technologies. In 2017, we will look to expand our offering to Asian and further develop our partnerships in the US. "
Nicolas Dittberner, Udacity
"Zwei Drittel der Unternehmen in Deutschland nutzen nun digitale Lernmöglichkeiten für ihre Mitarbeiter, allerdings setzen erst 36 Prozent auf flexible, webbasierte Lernprogramme. Sobald Unternehmen die betriebliche Weiterbildung ihrer bestehenden Fachkräfte als Strategie zur Vermeidung von Fachkräftemangel erkennen, kann der digitale Wandel kommen", sagt Nicolas Dittberner, Country Manager DACH von der virtuellen Bildungsplattform Udacity (Kalifornien)
Felix van de Sand, Cobe
Felix van de Sand hat sich mit seiner Agentur Cobe auf Nutzerexperience spezialisiert. In puncto Internet of Things (IoT) steht für 2017 Folgendes an: „Im Sinne eines nahtlosen Markenerlebnisses müssen sich Unternehmen ab sofort Gedanken darüber machen, auf welche Art und Weise ihre Produkte mit Konsumenten interagieren. Denkt man zum Beispiel an einen internetfähigen Kühlschrank oder ein Smart Home System, stellen sich Fragen wie: In welcher Tonalität spricht das Gerät?“
Marko Müller, Innovation-Radicals
"Dieses Jahr war ein Schaltjahr im wahrsten Sinne des Wortes – einen Gang nach oben. Bei mir und Innovation-Radicals ging’s drum Neues auszuprobieren und mit Prototypen zu experimentieren. Wir wollten herausfinden, worin wir gut sind und was uns antreibt", sagt Marko Müller, Gründer der Innovation-Radicals.

80 Ärzte und Wissenschaftler definierten den Bedarf

"Im ersten Schritt haben wir uns ein internationales Experten- und Partner-Netzwerk geschaffen", sagt Neumann. Also eine Vernetzung mit Spezialisten, die bei der Identifizierung und Beurteilung von Startups Erfahrung haben. Von Inkubatoren bis Venture Capital Firmen. Neumann: "Zusätzlich haben wir auf der fachlichen Seite rund 80 Ärzte und Wissenschaftler herangezogen, die unseren Bedarf definiert haben." Auf dieser Basis haben Neumann und seine Leute die bisher über 200 Startups identifiziert, die in die Anforderungsprofile von eHealth bis zu neuen innovativen Medizinprodukten passen könnten.

In Runde kamen 76 von 200 Startups

Im zweiten Schritt wurden 104 passgenauere Startups genauer unter die Lupe genommen. "Während in anderen Bereichen wie im eCommerce zunächst nur die Due Diligence eine Rolle spielt, mussten wir natürlich schauen, ob es für die Anwendungen schon klinische Studien und relevante wissenschaftliche Grundlagen gab", sagt Neumann. So konnten dann nur noch 76 Technologien im nächsten Schritt von den internen Spezialisten der Rhön-Klinikum AG sowie von Industrie-Partnern, die für die Zusammenarbeit im Krankenhaus-Betrieb unerlässlich sind, unter die Lupe genommen werden. Neumann: "Wichtig war und ist dabei auch, ob die Lösung eines potenziellen Partners aus Europa, den USA oder Israel wirklich mit dem Deutschen Gesundheitswesen und seinen Regulationen kompatibel ist."

20 Startups im Finale

Final blieben bisher 20 Startups und deren Technologien für einen eingehenden Praxis-Test in den Rhön-Kliniken übrig. Nach deren Auswertung, weiteren Verhandlungen und Due Diligence waren es bisher noch fünf Startups auf der Short-List. Darunter ein Entwickler von nicht-invasiven (also nicht in den Körper eingepflanzten) Sensoren zur Messung spezieller Herzfunktionen. Ein anderes Startup macht es durch eine Datenbank möglich, Patienten auf sie zugeschnittene Videos mit den Einnahmeempfehlungen für ihre Medikamente an die Hand zu geben - eine wichtige Funktion, denn der Behandlungserfolg wird häufig durch falsche Anwendungen der Patienten gefährdet.

Seit 2006 gehört das Universitätsklinikum Marburg zur Rhön-Klinikum AG.
Foto: Rhön-Klinikum AG

"In zwei der Startups haben wir jetzt investiert, mit den anderen drei sind wir in sehr konkreten Verhandlungen kurz vor dem Abschluss", sagt Neumann. Und er verrät: "Weitere neue Startups sind in der Pipeline, das ist ein kontinuierlicher Prozess geworden."

Startup mit intelligent vernetztem Defibrillator

Die erste Startup-Beteiligung ist seit September 2016 Inovytec aus Israel, ein seit 2011 bestehender Entwickler von Erstversorgungs-Lösungen bei medizinischen Notfällen. Dessen handliche und leicht bedienbare Defibrillatoren sind überall außerhalb des Krankenhauses leicht einsetzbar - nicht nur an Bahnhöfen - und sind so intelligent vernetzt, dass sie nach der Aktivierung durch Ersthelfer den eintreffenden Sanitätern sofort alle wichtigen Körperfunktions-Daten des Patienten anzeigen und diese gleichzeitig an die Notaufnahme im Krankenhaus übermittelt, die sich auf die Weiterbehandlung vorbereiten kann. Für die Rhön Klinikum AG ist dieses System ein wichtiger Baustein, um die Versorgung auf dem Lande zu optimieren und die Krankenhäuser besser auf die Aufnahme von Notfallpatienten vorzubereiten.

Jens-Peter Neumann erklärt an diesem Beispiel, warum es sich auf der anderen Seite auch für die Startups lohnt, eine Partnerschaft mit seinem Unternehmen einzugehen, das in der Regel nur Minderheitsbeteiligungen von bis zu 20 Prozent anstrebt: "Nach dem Einstieg stellten wir dem Startup natürlich unser Know-how zur Verfügung und platzieren Experten dort im Advisory Board. Zudem kann ein solches Unternehmen wie Inovytec vom Einsatz seiner Technologie in der Praxis bei uns profitieren und mit dieser Expertise weitere Kunden akquirieren. Wir streben also eine Win-Win-Situation an!"

Startup-Trends 2017
Trend 1: KI und Machine Learning Startups
Künstliche Intelligenz und Machine Learning werden 2017 zu einem noch spannenderen Thema für Technologie-Startups.
Trend 2: Chatbot Startups
Chatbots können Unternehmen helfen, Kosten beispielsweise im Kundendienst zu senken.
Trend 3: Cybersecurity Startups
Das Thema Cyber Security ist ein Wachstumsfeld, das auch für immer mehr Startups interessant wird.
Trend 4: Digitale Transformation und die Cloud
Die digitale Transformation wird nicht länger als ein Projekt oder eine Initiative angesehen, sondern als strategischer Imperativ für das Business, beobachtet IDC.
Trend 5: Augmented Reality und Virtual Reality Startups
Das Spiel Pokémon Go hat Augmented Reality (AR) für viele Benutzer greifbar gemacht.
Trend 6: Marihuana-Startups
Die Legalisierung von Marihuana in vielen US-Bundesstaaten führt zu einem Boom einschlägiger Startups, die innovative Technologien setzen.
Trend 7: Innovative Wearables
Gadgets wie die intelligente Sonnenbrille Spectacles von Snap könnten Wearables zu massentauglichen Produkten machen.
Trend 8: Intelligente Dinge
Intelligente Devices am Schnittpunkt von IoT und Künstlicher Intelligenz bieten auch Marktchancen für Startups.

Israel ist Hauptregion

Nach den bisherigen Erfahrungen, hat Neumann eine ganz klare Haupt-Zielregion für seine Akquisitionen identifiziert: Israel. Hier ist er aktuell in Vorverhandlungen mit der Jerusalem Development Authority, viele gemeinsame Lösungen bis hin zu einem Inkubator vor Ort sind denkbar. Dafür hat der Klinik-Manager bereits einiges lokales Know-how und auch Kontakte gesammelt. Allerdings würde er zusätzlich gerne auf Erfahrungen von CIOs zurückgreifen, die schon lange mit Firmen in Israel zusammenarbeiten oder dort Inkubator-Erfahrung haben.

Welche Ziele hat Neumann noch - außer dem erfolgreichen Speed-Dating? "Rhön-Innovations soll eine Marke für Innovationen im Gesundheitsbereich, in eHealth und IT-Exzellenz werden. Im europäischen Markt und auch in Israel und langfristig in den USA. Wir sind kein Weltkonzern, aber wir liefern hervorragende Laborbedingungen für innovative Startups und haben flache Strukturen bei den Verhandlungen!" So flach, dass Neumann schon bald wieder unterwegs sein wird, zum nächsten Speed-Dating.

Unternehmen | Rhön-Klinikum AG

Die Rhön-Klinikum AG ist ein Krankenhauskonzern mit fünf Standorten und rund 5300 Betten, der sich auf versorgungsnahe Spitzenmedizin mit direkter Anbindung an Universitäten und Forschungseinrichtungen konzentriert.

Dank einer höheren Zahl behandelter Patienten stiegen der Umsatz in den ersten 9 Monaten 2016 um 6,4 Prozent und der Gewinn um gut ein Drittel. Für 2016 wird ein Umsatz von 1,17 bis 1,2 Milliarden Euro und einem operativen Ergebnis vor Abschreibungen von 155 bis 165 Millionen Euro erwartet.

Das Unternehmen setzt als einer der ersten Krankenhausbetreiber seit Oktober 2016 die webbasierte elektronische Patientenakte – kurz WebEPA – ein. Sie soll Haus-, Fach- und Klinikärzte miteinander vernetzen und somit eine bestmögliche Versorgung der Patienten gewährleisten.