Psychologie

Welche Eigenschaften den Gesamteindruck prägen

08.04.2014 von Andreas Zeuch
Probanden schätzten ihre Performance besonders gut oder schlecht ein - auf Grundlage eines willkürlichen Feedbacks. Andreas Zeuch über den Halo-Effekt.
Andreas Zeuch ist freiberuflicher Berater, Trainer, Coach und Speaker.
Foto: Dr. Andreas Zeuch

Während des ersten Weltkrieges untersuchte der amerikanische Psychologe Edward Thorndike die Beurteilung von Untergegebenen durch ihre Offiziere und kam zu einem folgendem Ergebnis: Die Offiziere schlossen von äußerst spärlichen positiven Eigenschaften auf einen alles in allem positiven Gesamteindruck.

Wenn zum Beispiel ein Soldat in den Augen des beurteilenden Offiziers gut aussah und vorbildlich saubere Stiefel trug, dann schrieb er diesem Soldaten ohne weitere Prüfung positive Kompetenzen wie gute Schießfertigkeiten, Ausdauer und Mut zu. Letztendlich hatte der Offizier von dem Soldaten einen guten Gesamteindruck, nur aufgrund seines Aussehens und seiner sauberen Schuhe.

Wenige Eigenschaften "überstrahlen“ somit die Wahrnehmung des Beurteilenden und führen zu einem falschen Gesamteindruck. Umgekehrt führt der Teufelseffekt dazu, von wenigen schlechten Eigenschaft auf einen schlechten Gesamteindruck zu schließen. Der Begriff Halo-Effekt stammt dabei vom griechischen Wort halos, dem Lichthof, der in manchen Vollmondnächten rund um den Mond herum sichtbar ist.

Fehleinschätzungen bei Bewerbern und Unternehmen

Diese Verzerrung der Wahrnehmung und Beurteilung bedeutet ein handfestes Risiko: Nicht nur einzelne Personen können falsch eingeschätzt werden, sondern auch ganze Teams oder sogar Unternehmen. Das Fatale: Die gefühlte Beurteilung einer Person wird schnell zur vermeintlichen Intuition.

Das kann bei einer Bewerberin in Ihrer Firma passieren, der auf Grund ihrer Pünktlichkeit und einer sympathischen Ausstrahlung auch gleich die für die Stelle nötige Kompetenz zugetraut wird. Natürlich kann man mit dieser Einschätzung richtig liegen, aber es könnte sich genauso um den Halo-Effekt handeln. Die Professionalisierung von Intuition bedeutet deshalb auch, sich Klarheit darüber verschaffen, wie anfällig wir für den Halo- und Teufelseffekt sind.

Professor Phil Rosenzweig hat die negativen Auswirkungen des Halo-Effekts hinsichtlich einer wichtigen unternehmerischen Frage untersucht: Wovon hängt die Leistung eines Unternehmens ab? In den Bestseller "Auf der Suche nach Spitzenleistungen" oder "Immer erfolgreich" finden sich diverse Rezepte, die angeblich zu dauerhaften Spitzenleistungen führen oder ewig währendem Erfolg.

Das Problem bei der Identifizierung dieser Erfolgsfaktoren lag jedoch darin, dass die Autoren bei der Datenerhebung den Halo-Effekt nicht beachtet haben oder ihn ignorierten. Ein Großteil der Studiendaten stammte aus Zeitungsberichten und Interviews mit Manager der untersuchten Firmen. Nun neigen Menschen und somit auch Manager dazu, erfragte Verhaltensweisen rückblickend aus der Perspektive einer erfolgreichen Performance besonders positiv einzuschätzen.

Falsche Selbsteinschätzungen

Ein intelligentes Experiment des amerikanischen Professors Barry Staw verdeutlicht diesen Trugschluss: Versuchspersonen hatten die Aufgabe, aus Daten künftige Umsätze und Gewinne einzuschätzen. Hinterher erhielten die Probanden eine zufällige Rückmeldung, ob Sie besonders gut oder schlecht geschätzt hatten. Faktisch waren die Schätzungen der Gruppen im Mittel gleich gut oder schlecht. Anschließend wurden die Versuchspersonen zu Kriterien der Gruppenarbeit befragt. Die Teilnehmer der Gruppen, die angeblich besonders präzise schätzten, erinnerten sich an eine gute Zusammenarbeit, Kommunikation und Motivation, während die anderen Teilnehmer das Gegenteil von ihrer Gruppenarbeit berichteten.

Die meisten Versuchspersonen erlagen offensichtlich dem Halo- oder Teufelseffekt: Aufgrund eines zufälligen Feedbacks, das eine gute oder schlechte Performance vorgaukelte, schlossen die Befragten auf positiv oder negativ ausgeprägte Eigenschaften und Verhaltensweisen in der Gruppe. Kurze Zeit später wiederholte Professor Kirk Downey dieses Experiment mit zwei Unterschieden: Die Versuchspersonen kannten sich bereits vorher von gemeinsamer Arbeit und hatten mehr Zeit zur Lösung der Aufgabe. Die Ergebnisse waren fast identisch. Das Experiment von Staw wurde somit bestätigt. Zweimal mehr zeigte sich, dass Menschen von einer angeblichen Leistung auf andere Eigenschaften schließen.

Die Aussagen der für die genannten Bestseller befragten Manager sind also reichlich fraglich. Durch die großartige Leistung ihrer Unternehmen angefeuert, schätzten Sie die erfragten Kriterien bei sich als besonders positiv ein.

Nomen est Omen

Ein erfahrungsbasierter Halo- oder Teufelseffekt konnte im Jahr 2009 in einer Umfrage der Universität Oldenburg gefunden werden. Die Forschungsgruppe um Frau Professorin Astrid Kaiser wertete 500 Fragebögen aus und kam zu folgendem Ergebnis: Vornamen führen bei Lehrern zu verallgemeinerten Vorannahmen über ihre Schüler.

Die Lehrerinnen und Lehrer schätzten Kinder freundlicher und leistungsfähiger ein, die Charlotte, Sophie, Alexander oder Simon hießen. Kindernamen wie Chantal, Mandy, Angelina oder Justin wurden hingegen mit Leistungsschwäche und Verhaltensauffälligkeit assoziiert. Die Befragten hatten tatsächlich entsprechende positive oder negative Erfahrungen gemacht, schlossen aber unzulässigerweise von ihren Erfahrungen nur auf der Grundlage des Namens auf mögliche positive oder negative Eigenschaften und Leistungsfähigkeit.

Von wegen Namen seien bloß Schall und Rauch. Der Gipfel des Vorurteils ist folgender Kommentar in einem Fragebogen: "Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose!"

Andreas Zeuch promovierte in Erwachsenenbildung über das Training professioneller Intuition. Er arbeitet seit dem Jahr 2003 als freiberuflicher Berater, Trainer, Coach und Speaker mit dem Schwerpunkt unternehmerischer Entscheidungen und Management-Innovation.