Neuer "Digital-Index" von D21

Alt und arm surft nicht gern

03.05.2013 von Johannes Klostermeier
Mit einer neuen Kennzahl will die Vereinigung D21 den Digitalisierungsgrad abbilden. Der Grad steigt mit dem Haushaltsnettoeinkommen und sinkt mit dem Alter.

Deutschland sei mit der Kennzahl 51,2 von 100 möglichen Punkten in der digitalen Welt grundsätzlich angekommen, sagt die Vereinigung D21. Vorgestellt wurden die Daten der 13. Ausgabe des (N)onliner Atlas in Berlin von Robert Wieland, Vizepräsident der Vereinigung und Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts TNS Infratest.

Mit über 30.000 Interviews ist die Befragung Deutschlands umfangreichste Studie zur Nutzung, Nichtnutzung und Nutzungsplanung des Internets, sagt die Vereinigung.

Robert Wieland, Vizepräsident von D21 und Geschäftsführer von TNS Infratest.
Foto: D21

Der jetzt erstmals veröffentlichte Index beruht auf vier Säulen: Der „Digitale Zugang" umfasst den Zugang zum Internet und das jeweilige Endgerät, die Breitbandnutzung sowie die Hardwareausstattung der Bevölkerung in Deutschland. Dazu gibt es noch weitere Unterindizes, in der Säule „Digitale Offenheit" erreicht die deutsche Gesellschaft 53,9 Punkte. Der "Subindex" umfasst laut D21 die Einstellung der Bevölkerung zu digitalen Themen und spiegelt die Offenheit für Neuerungen und die Ängste und Befürchtungen in der digitalen Welt wider.

Der Bereich „Digitale Kompetenz" fasst das inhaltliche Wissen zu digitalen Themen, der technischen Kompetenz sowie der Medienkompetenz zusammen und liegt bei 50,3 Punkten. Die „Digitale Nutzung" gibt Auskunft über die Nutzungsintensität und Nutzungsvielfalt der Deutschen am Computer und im Internet. Hier liegt die Kennzahl bei 40,3 Punkten.

„Mit dem D21-Digital-Index führen wir eine neue Währung zur Messung des Status-quo der digitalen Gesellschaft in Deutschland ein. Diese neue Messgröße erlaubt es, in nur einer Kennzahl den Digitalisierungsgrad Deutschlands und seiner Bundesländer abzubilden. Entscheider aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft haben damit die Chance, neue Programme und Initiativen zielgruppenspezifisch auszurichten", sagte Robert Wieland.

Sabrina Ortmann, Karin Bickelmann, Robert Wieland, Hans-Joachim Otto und MdB Reinhard Brandl (v.li.) bei der Vorstellung der Studie.
Foto: D21

Der D21-Digital-Index misst auch den Digitalisierungsgrad von Bevölkerungsgruppen. Männer weisen mit 55,2 Punkten einen deutlich höheren Indexwert auf als Frauen, die 47,4 Punkte erreichen. Menschen mit abgeschlossenem Studium erreichen 61,3 Punkte. Die Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen erreicht einen Indexwert von 64,7 Punkten. Bürger mit Hauptschulabschluss erzielen einen Index von 41,0 Punkten.

Hohe Nutzung bei Nettoeinkommen über 3000 Euro

Ablesbar sei auch, dass der Digitalisierungsgrad in Deutschland auch mit dem Haushaltsnettoeinkommen steigt. Haushalte mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 3000 Euro oder mehr erreichen einen Indexwert von 63,9 Punkten. Dieser Index ist nahezu doppelt so hoch gegenüber Haushalten mit einem monatlichen Einkommen von unter 1000 Euro (35,2 Punkten). Bürger über 70 Jahren weisen mit 26,6 Punkten einen niedrigen Indexwert auf.

„Der Index zeigt aber auch den Digitalisierungsgrad für jedes Bundesland. Drei Bundesländer liegen dabei über dem Bundesdurchschnitt von 51,2 Punkten: Nordrhein-Westfalen mit 57,7 Punkten, Bremen mit 52,8 Punkten und Schleswig-Holstein mit 52,3 Punkten.

Bayern und Hessen erreichen mit 51,2 Punkten den Bundesdurchschnitt und liegen gemeinsam auf dem vierten Platz. Elf Bundesländer bleiben unter dem Wert des Deutschland-Index. Schlusslichter sind Mecklenburg-Vorpommern mit 44,1 Punkten und Sachsen-Anhalt mit 40,5 Punkten.

Abgesehen von der neuen Kennzahl zeigt die aktuelle Erhebung, dass die Internetnutzung in Deutschland bei 76,5 Prozent liegt und der der Zuwachs von Onlinern damit auch 2013 stagniert. In den letzten beiden Jahren ist die Zahl der Internetnutzer lediglich um jeweils 0,9 Prozentpunkte pro Jahr gestiegen.

23,5 Prozent, das sind rund 16,5 Millionen Bundesbürger, sind laut D21 nicht Teil der digitalen Welt. Nach wie vor ist Deutschland nach Geschlecht, Altersgruppen und Bildung digital gespalten. „Nicht einmal jede zweite Frau über 50 Jahren nutzt das Internet. Dies verdeutlicht den Nachholbedarf für Deutschland und die Notwendigkeit für zielgruppenspezifische Maßnahmen zur Erschließung bisheriger Offliner", kommentierte Robert Wieland.

Die Internetnutzung in Deutschland liegt bei 76,5 Prozent, der Zuwachs von Onlinern stagniert.
Foto: D21

In diesem Jahr habe es in den bisher wenig erreichten Gruppen aber deutliche Zuwächse bei der Internet- und der Breitbandnutzung gegeben: Betrachte man die Internetnutzung nach Geschlecht, so sei der Zuwachs bei den weiblichen Befragten mit 1,3 Prozentpunkten mehr als dreimal so groß wie bei den männlichen mit 0,4 Prozentpunkten. Erfreulich sei laut D21 auch die Entwicklung bei den Älteren: Bei den 50- bis über 70-Jährigen sieht D21 Zuwächse zwischen 2,0 und 3,3 Prozentpunkten.

Gründe gegen den Internet-Gebrauch

16,5 Millionen Deutsche verzichten auf das Internet – als häufige Gründe hierfür werden Datenschutz- und Sicherheitsbedenken genannt: Mit 67,5 Prozent sind Datenschutzbedenken der häufigste Grund für die Nichtnutzung, Sicherheitsbedenken haben 59,1 Prozent der Nichtnutzer.

Mangelnde Erfahrung mit dem Computer ist ein weiterer Grund, der die Nichtnutzer von der Nutzung abhält (58,5 Prozent). 44,1 Prozent sehen grundsätzlich keinen Nutzen oder Vorteil im Internet. 33,0 Prozent der Nichtnutzer haben niemanden, der ihnen das Internet erklärt. 28,6 Prozent geben zwar an, das Internet bereits genutzt zu haben, verzichten aber bewusst darauf. 55,9 Prozent der über 50-Jährigen sehen altersbedingt keinen Sinn in der Internetnutzung.

Auch gibt es bei D21 wieder eine Einteilung in sechs unterschiedliche Nutzertypen. Hierfür hat D21 die Bevölkerung anhand der Bereiche „Zugang und Kompetenz" sowie „Offenheit und Nutzung" untersucht und in ähnliche Gruppen unterteilt. Die sechs Nutzertypen werden dabei wie folgt charakterisiert.

In 6 Nutzertypen kategorisiert

Die sechs verschiedenen Nutzergruppen des Internet nach D21.
Foto: D21

1. Der „außenstehende Skeptiker" (28,9 Prozent) ist durchschnittlich 63 Jahre alt und stellt somit den ältesten der sechs Nutzertypen dar. Diese eher weibliche Nutzergruppe verfügt über eine niedrige formale Bildung. Gleichzeitig sind rund 70 Prozent nicht (mehr) berufstätig. Entsprechend gering ist das monatliche Einkommen. Nur jede fünfte Person nutzt aktuell das Internet. Es werden kaum Vorteile in der Internetnutzung gesehen. Hinsichtlich der Endgeräte ist diese Gruppe eher schlecht ausgestattet. Ausnahme: Rund 80 Prozent besitzen einfache Handys.

2. Der „häusliche Gelegenheitsnutzer" (27,9 Prozent) ist eher weiblich, im Schnitt 44 Jahre alt und verfügt über eine niedrige bis mittlere formale Bildung. Jeder Zweite dieser Gruppe geht aktuell keiner bezahlten Tätigkeit nach, über 50 Prozent leben in einem Haushalt mit drei und mehr Personen. Obwohl über 98 Prozent das Internet nutzen, ist diese Gruppe nur oberflächlich mit neuen Technologien vertraut – die mit Abstand häufigste Online-Anwendung ist die Internetrecherche. Beliebter ist vor allem das Fernsehen, über das öffentlich-rechtliche Nachrichten oder Dokumentationen angesehen werden.

3. Auch der „vorsichtige Pragmatiker" (9,5 Prozent) ist eher weiblich und im Schnitt 43 Jahre alt. Rund 80 Prozent der Personen sind berufstätig, wobei das Einkommen eher im mittleren bis niedrigen Bereich liegt. Bei der Internetnutzung agiert dieser Nutzertyp sehr bedacht, um seine persönlichen Daten zu schützen. Als Informationsquellen werden die klassischen Medien wie regionale Tageszeitungen sowie Radionachrichten bevorzugt.

4. Der „reflektierte Profi" (15,4 Prozent) ist im Schnitt 41 Jahre alt, eher männlich, gut ausgebildet und verfügt über ein hohes monatliches Einkommen. Das Internet, mit dem er sich vorausschauend und kritisch auseinandersetzt, nutzt er vor allem über sein Notebook. Häufig recherchiert er dabei im Internet, aber auch auf Preisvergleichsseiten. Hier ist der höchste Anteil an Onlineshoppern im Vergleich. Auch Büroprogramme sind weit verbreitet.

Der „passionierte Onliner" ist überwiegend männlich. Genau wie der „smarte Mobilist".
Foto: Vodafone D2 GmbH

5. Der „passionierte Onliner" (15,0 Prozent) ist überwiegend männlich, im Schnitt 37 Jahre alt, hat eine hohe Bildung, ist beruflich engagiert und sehr an Internet- und Technologiethemen interessiert. Dieser Typ kann sich ein Leben ohne Internet nicht vorstellen. Das Internet spielt nicht nur im Berufs-, sondern auch im Privatleben eine wichtige Rolle - entsprechend gibt es hier den höchsten Anteil an Breitbandnutzern. Neue mobile Produkte wie Tablets stoßen auf hohe Resonanz. Häufig genutzte Anwendungen sind neben den gängigen Anwendungen auch Online-Banking sowie das Lesen von Blogs und Foren.

Der "smarte Mobilist" ist 16 Stunden am Tag per Smartphone online

6. Der „smarte Mobilist" (3,2 Prozent) ist eher männlich und durchschnittlich 32 Jahre alt. 79 Prozent sind berufstätig; gleichzeitig ist der Anteil der Schüler mit 13,1 Prozent am höchsten. Charakteristisch ist, dass jeder in dieser Gruppe ein Smartphone besitzt. Dieses wird durchschnittlich 16 Stunden am Tag eingesetzt. Entsprechend der Ausstattung gibt es hier den höchsten Anteil an mobilen Internetnutzern. Soziale Netzwerke sind selbstverständlich. Als Informationsmedium wird vor allem das Internet gesehen.

Der (N)onliner Atlas dokumentiert die Internetnutzung in Deutschland im 13. Jahr. Seit 2001 misst er die Anzahl der Nutzer in Deutschland. Kern des Index ist eine repräsentative Befragung mit 3819 Interviews unter der deutschen Wohnbevölkerung ab 14 Jahre durch TNS Infratest. Die Umfrage wurde vom 7. Dezember 2012 bis 13. März 2013 telefonisch durchgeführt im Rahmen des TNS-Bus (computergestützte Telefoninterviews CATI). „Onliner" sind Nutzer des Internets, unabhängig von Ort und Grund der Nutzung. „Nutzungsplaner" sind „Nichtnutzer mit der Absicht, innerhalb der nächsten zwölf Monate das Internet zu nutzen". „Offliner" sind Nichtnutzer ohne Nutzungsplanung.

Unterstützt wurde die Studie vom Bundeswirtschaftsministerium, dem IT-Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung, der Initiative Onlinerland Saar, Wolters Kluwer, der Deutschen Telekom, dem Fraunhofer-Verbund IuK-Technologie, dem Institute for Public Information Management (ipima), dem Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit und Texas Instruments.