IDC-Studie mit interessantem Ergebnis

Bin ich schon in der Cloud?

07.06.2010 von Holger Eriksdotter
Einer IDC-Studie zufolge nutzen fast 60 Prozent der europäischen Unternehmen IT-Dienste aus der Wolke. Allerdings gab die Hälfte der befragten CIOs auch an, keine Cloud-Services einzusetzen. Ein widersprüchliches Resultat.
Ist ein IT-Manager, der sich vor einer Dekade für eine Miet-Software entschied, ein Pionier des Cloud Computing?
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Es gibt Unternehmen, die seit der ersten Welle von Software as a Service (SaaS) vor rund zehn Jahren Software-Mietlösungen einsetzen. Was damals SaaS, oder eher noch ASP (Application Service Providing) hieß, wird heute dem Cloud Computing zugeschlagen. Ist also ein CIO, der sich vor einer Dekade für eine Miet-Software entschied, etwa CRM als Bestseller der SaaS-Angebote, eigentliche ein Pionier des Cloud Computing?

Oder BPO (Business Process Outsourcing): Seit einigen Jahren, jedenfalls lange vor dem Hype um Cloud Computing, gab es schon das Auslagern ganzer Geschäftsprozesse an einen spezialisierten Dienstleister, wie etwa Lohn- und Gehaltsabrechnung oder HR und Recruiting. Oft werden die Dienste nach Anzahl der Transaktionen abgerechnet – oder wie man heute sagen würde: nach Nutzung. Beide Services – SaaS wie BPO – weisen wesentliche Kriterien auf, die heute für das Cloud Computing gelten. Also auch der BPO-Nutzer ein Cloud Computing Pioneer?

Würde man den SaaS oder BPO-Anwender fragen, ob er Cloud Computing einsetzt, wie würde er wohl antworten? Offenbar haben zumindest einige Anwender Schwierigkeiten mit der neuen Begriffswelt. Wie anders wäre es zu erklären, dass nach einer neuen Studie von IDC 60 Prozent der CIOs bereits Cloud-Services nutzen, aber 50 Prozent behaupten, sie hätten keine Cloud-Lösungen im Einsatz.

Diese Zahlen hat IDC-Analystin und Vice President European Services, Marianne Kolding, auf der Feier zum Anlass des 40-jährigen Bestehens des Markforschungsunternehmens am 25. Mai in London vorgetragen, berichtet unsere amerikanische Schwesterpublikation CIO.com.

Sie berief sich dabei auf eine neue IDC-Umfrage unter 657 europäischen IT-Entscheidern. „Bei eher generellen Fragen sagten die CIOs, dass sie kein Cloud Computing einsetzen. Das Ergebnis änderte sich aber, wenn wir nach spezifischen Produkten gefragt haben“, sagte Kolding.

Sie bot als Erklärung an, dass einigen CIOs offenbar nicht bewusst ist, dass es sich bei einigen der von ihnen eingesetzten Technologien tatsächlich um Cloud Computing handelt.

Marianne Kolding, IDC Vice President European Services: "Einigen CIOs ist offenbar nicht bewusst, dass es sich bei einigen der von ihnen eingesetzten Technologien tatsächlich um Cloud Computing handelt."
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Diese Sicht verrät den Standpunkt der Anbieter und Marktbeobachter. Denn man kann den CIOs sicher nicht unterstellen, dass sie nicht wissen, was in ihren Unternehmen vor sich geht. Der Blickwinkel der IDC-Expertin ist offenbar nicht der der Anwender. In der Botschaft schwingt mit, dass zumindest einige CIOs das Konzept des Cloud Computing nicht verstanden hätten – jedenfalls nicht in der Weise, die ihnen Hersteller und Markt-Auguren nahelegen. Aber es gibt auch eine andere Lesart – nämlich die Weigerung der Anwender, sich rückhaltlos auf den Hype um Cloud Computing und die PR-Sprache der Anbieter einzulassen.

Ist der langjährige SaaS-Anwender der wahre Cloud-Pionier?

Zurück zum Beispiel SaaS: Warum soll ein langjähriger SaaS-Nutzer heute sagen, dass er Cloud-Anwender ist? Auch die Analysten von der Experton Group weisen in einer Umfrage unter 150 deutschen Anwendern vom Ende letzten Jahres darauf hin, dass nach wie vor große Unklarheit im Hinblick auf die Bezeichnung von IT-Service-Modellen besteht. So wurden von 38 Prozent der Befragten die Verträge für IT-Services dem Label SaaS zugeordnet, gefolgt von ASP (26 Prozent), ITaaS (23 Prozent) und On Demand (13 Prozent).

„Miet- und Servicemodelle für IT werden unter ganz unterschiedlichen Bezeichnungen angeboten. Das Label Cloud Computing wurde von den Befragten gar nicht vergeben. Es hat zwar bereits am deutschen Markt Einzug gehalten, die Umsetzung erfolgte aber bisher eher rudimentär“, folgern die Experton Analysten.

Unabhängig von der Bezeichnung ist die Zahl der Lösungen und Einsatzgebiete für ITaaS/SaaS (IT as as Service/Software as a Service) nach Einschätzung der Experton Group deutlich gestiegen. „Für immer mehr Anwendungsbereiche werden Lösungen in einem „… as a Service“ -Nutzungsmodell angeboten. Der Reifegrad einzelner Themen beziehungsweise Funktionalitäten für ITaaS ist unterschiedlich“, schreiben die Analysten.

Den höchsten Reifegrad besäße CRM. Die höchste Wachstumsdynamik zeichne sich bis 2011 für Entwicklungsplattformen, Nischenlösungen und IT-Security und Infrastructure as a Service ab. Die Experton Group erwartet, dass der ITaaS-Markt in Deutschland von 436 Millionen Euro in 2009 auf 1220 Millionen Euro im Jahr 2012 ansteigen wird.

Harter Kern von Cloud-Verweigerern

Nach den Worten von IDC-Analystin Kolding gibt es allerdings einen harten Kern von Cloud-Verweigerern: Etwa ein Drittel der Befragten gab an, dass es auch in den nächsten fünf Jahren keine Cloud-Services nutzen wollen. Insgesamt gebe es aber Anzeichen für ein moderates Wachstum. Angeführt werde die Einkaufsliste der CIOs von Virtualisierungs-Technologien, dicht gefolgt von Sicherheits-Management und Ausgaben für Storage an dritter Stelle.

Vollkommen abgerutscht auf der CIO-Prioritäten-Liste ist das Thema Green IT: „In den letzten Jahren wurde viel über Green IT und Innovation geredet. Heute sind IT-Entscheider nur noch daran interessiert, wenn sich darüber hinaus gehende Effekte erreichen lassen – wie etwa Kosteneinsparungen“, sagte Kolding in London.