Hybrid-Technologie

Der heimlicher Gewinner der Diesel-Misere

07.03.2017
Ein Dieselauto kaufen? Angesichts der Debatte um den Selbstzünder dürfte mancher Konsument bei dieser Frage ins Grübeln kommen. Hybridautos hingegen gelten als umweltfreundlich - und werden nun beim Autosalon in Genf beworben.
Mini Cooper S E Countryman ALL4: Das erste Plug-in-Hybrid-Modell der britischen Automarke kommt im Juni 2017 auf die Straßen.
Foto: BMW Group

Langsam, aber sicher raus aus der Nische: Binnen weniger Jahre ist die Nachfrage nach Hybridautos in Deutschland deutlich gestiegen. Lag ihr Anteil an neu zugelassenen Autos 2015 hierzulande nur bei 0,9 Prozent, so sind es inzwischen immerhin schon 1,9 Prozent - der Wert hat sich also mehr als verdoppelt. Das geht aus Zahlen des Center Automotive Research (CAR) an der Universität Duisburg-Essen hervor. Der rasante Anstieg werde weitergehen, ist sich dessen Chef Ferdinand Dudenhöffer sicher.

Beim Autosalon in Genf sind Hybridautos in dieser Woche ein großes Thema. Sie sind aus Dudenhöffers Sicht ein Gewinner des Abgasskandals. "Ohne Dieselgate würde der Hybrid vor sich hinschlummern", sagt der Professor. Die Logik dahinter: Die Nachfrage nach Dieselautos werde sinken - und so dürften auch Autobauer verstärkt Hybride als Alternativen anbieten. "Hybride werden schneller steigen und den Ausstieg aus dem Diesel begleiten", so Dudenhöffer. Und Autoexperte Peter Fuß von der Beratung EY sagt: "Die Dieseldiskussion wird den Hybridverkauf sicherlich ankurbeln."

Die Autos mit Benzin-Verbrennungsmotor und einem Elektroantrieb an Bord gelten in der Branche als wichtige Brückentechnologie hin zur Elektromobilität. "Die Autokonzerne können ihren Kunden die Vorteile der Elektromobilität aufzeigen, zugleich aber weiter die gewohnte Verbrennungstechnologie nutzen", sagt Berater Fuß. Der Verkauf dieser Autos helfe den Konzernen zudem, ihren Flottenausstoß an klimaschädlichem Kohlendioxid (Co2) zu senken und EU-Vorgaben zu erfüllen - ein enorm wichtiger Faktor für die Firmen, so der Experte.

Aus Verbrauchersicht machten Hybride vor allem bei häufigen Stadtfahrten Sinn, wenn viel Bremskraft in Energie umgewandelt wird. Im Vergleich zu reinen Elektroautos sei es zudem positiv, dass man nicht auf spärlich vorhandene Stromladesäulen angewiesen ist.

Zu den Autobauern, die nun stärker auf Hybrid setzen, gehört Porsche. Die VW-Tochter stellt beim Genfer Branchentreff die Limousine Panamera in einer neuen Hybridversion vor. Porsche-Chef Oliver Blume spricht von einem "klaren Bekenntnis zur Elektromobilität".

Oder geschieht das nur auf Druck des Gesetzgebers? "Natürlich helfen uns Hybridautos bei der Erfüllung gesetzgeberischer Vorgaben zum CO2-Flottenausstoß", sagt Blume. "Aber unsere Triebfeder ist eine andere: Diese Technologie ist nachhaltig und umweltschonend, zugleich ermöglicht sie eine sehr sportliche Fahrweise mit Zusatzbeschleunigung dank E-Antrieb." Allzu große Meriten hat Porsche bisher noch nicht bei der Technologie - 2016 war nur etwa jeder 200. Porsche auf deutschen Straßen eine Hybridversion (0,5 Prozent).

Damit ist der Sport- und Geländewagenbauer im Vergleich zu anderen deutschen Herstellern keineswegs hinten dran - 165405 Hybridautos waren Anfang 2017 laut Kraftfahrtbundesamt in Deutschland zugelassen, was einem Anteil von 0,36 Prozent des Pkw-Bestandes entspricht. Zum Vergleich: Der Anteil von reinen Elektroautos liegt nur bei 0,07 Prozent (34000 Fahrzeuge).

Mit großem Abstand Marktführer ist Toyota - der japanische Konzern setzt im Gegensatz zu deutschen Wettbewerbern schon seit Jahrzehnten auf die Hybridtechnologie. Sehr präsent auf deutschen Straßen sind Toyota-Prius-Taxis - meistens handelt es sich hierbei um normale Hybride, bei denen sich der E-Motor bei Bremsvorgängen auflädt. Die Elektroreichweite liegt hier nur bei drei Kilometern. Bei sogenannten Plug-Ins, also Fahrzeugen mit Stromaufladung per externem Kabel, sind es etwa 50 Kilometer.

Dass es beim Verkauf von Hybridautos zuletzt aufwärts ging, lag auch an der staatlichen Kaufprämie von 3000 Euro pro Plug-In-Auto. Sie gelten als Elektrofahrzeug und spielen damit eine Rolle beim Ziel der Bundesregierung, 2020 eine Million Elektro-Autos auf deutschen Straßen zu haben. Laut Kraftfahrtbundesamt stieg der Hybridbestand in Deutschland 2016 um gut ein Viertel (26,8 Prozent).

Berater Fuß attestiert Daimler, VW und BMW eine deutlich gestiegene Investitionsbereitschaft für Elektroantriebe und damit auch für Hybridfahrzeuge. "Das ist keineswegs nur ein grünes Feigenblatt, sondern ein immer wichtigerer Geschäftszweig", sagt der Berater. "Die deutschen Autobauer holen sukzessive auf - wenngleich Toyota angesichts einer 20-jährigen Hybrid-Erfahrung natürlich länger am Markt präsent ist." Kritisch sieht Fuß, dass die aufwendige Technik manch Fahrzeug um zehn Prozent schwerer mache und damit den Benzinverbrauch erhöhe.

Das Hybridinteresse ist keineswegs überall rege beim Genfer Branchentreff. Ein Autobauer, der bislang gar nicht auf diese Technologie setzt, ist Alfa Romeo. Chef Reid Bigland verweist darauf, dass in Europa nur ein bis zwei Prozent des Marktes auf Hybride und Stromer entfallen. "Derzeit fokussieren wir uns auf die verbliebenen 98 Prozent des Marktes." Die eigenen Automodelle seien zu Hybridversionen aufrüstbar. "Aber wir brauchen eine etwas höhere Nachfrage, um einzusteigen", sagt Bigland.

Die Dieselmisere - ist das Rückenwind für den Hybrid-Marktführer Toyota? "Der Trend wird negativ sein für Diesel, das ist offensichtlich", sagt Karl Schlicht, Vizechef von Toyota Europa. "Das mag eine Krise für manchen Hersteller sein, wir hingegen liegen auf Kurs." In Europa hatten 2016 knapp 40 Prozent der verkauften Toyota-Autos einen Hybridantrieb.

Und wie lang geht die hybride Aufholjagd am Markt weiter? Noch einige Jahre, doch das Ende sei absehbar, meint Professor Dudenhöffer. "Um das Jahr 2025 wird der Hybrid seinen Höhepunkt überschritten haben - dann werden die richtigenElektroautos dominieren." (dpa/rs)