Wo CIOs sich treffen

Erfolgreich vernetzt

02.05.2005
Die Hilfe muss schnell kommen, genau aufs Problem passen und vertraulich sein. Das erwarten CIOs von Netzwerken. Die meisten Vereinigungen erfüllen diese Wünsche nur unzureichend.

Ein gutes Netzwerk hat der Ergo-Versicherungsgruppe viel Geld gespart. Als die Riester-Rente Anfang 2002 startete, mussten die Versicherungsunternehmen ihre Kommunikation mit der staatlichen Zulagestelle organisieren. Weil individuelle Lösungen zu komplex und zu teuer geworden wären, suchten die Versicherungsunternehmen eine gemeinsame Lösung. Branchenprobleme diskutieren regelmäßig rund 20 ITVorstände der Versicherungswirtschaft im Ausschuss für Betriebswirtschaft und IT des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Torsten Oletzky, Vorstand für IT, Kundenservice und Betriebsorganisation der Ergo-Versicherung, lobt den Austausch in diesem Kreis: "Für mich als Jüngeren ist es sehr wertvoll, so geballt auf einem Platz IT-Kollegen aus der Branche zu treffen."

Andere CIOs hätten auch gern ein solches Netzwerk. Ihren Wunsch nach guten Kontakten zu Kollegen belegt unsere Online-Umfrage im April. In nur zwei Wochen antworteten 276 Teilnehmer auf die Fragen zu ihren Peer-to-Peer-Gewohnheiten. Erste Erkenntnis aus der Umfrage: Fast 80 Prozent der Teilnehmer nutzen Netzwerke wie Anwendervereinigungen, kommerziell organisierte Veranstaltungen und nicht kommerzielle Anwenderkreise. Allerdings besuchen nur etwas mehr als 20 Prozent der IT-Manager diese Veranstaltungen öfter als einmal im Jahr. Und ein Drittel der Umfrageteilnehmer kennt zwar Netzwerke, geht aber nie hin.

Für die Veranstalter ist dieses Ergebnis ein Schlag ins Gesicht. Obwohl die meisten CIOs großen Bedarf am Networking haben, lockt das bestehende Angebot sie kaum aus ihren Büros. Hersteller, kommerzielle Anbieter oder auch Medien schaffen es trotz ihrer zahlreichen Einladungen zu Events aller Art nur schlecht, den Bedürfnissen der IT-Professionals gerecht zu werden. Die Gastgeber dürfen sich dabei auch nicht hinter der einfachen Erklärung verstecken, wie sie der IT-Vorstand von Ergo liefert - für Oletzky ist Zeitmangel der wesentliche Grund für die Abwesenheit von CIOs: "Wenn ich auf zu viele Veranstaltungen gehen würde, käme ich nicht mehr zum Managen. Ich gehe nur auf ein bis zwei Veranstaltungen im Jahr, ich wähle sie sehr selektiv aus."

Sponsoren stören am meisten

Nett gesagt. Ähnlich höflich verhalten sich die meisten CIOs, wenn sie direkt auf die Teilnahme an Veranstaltungen angesprochen werden.

Allerdings hat unsere Umfrage drei weniger schmeichelhafte Gründe aufgedeckt, warum IT-Chefs zu Hause bleiben. Auf die Frage "Gibt es Nachteile, die Sie an derzeit existierenden Netzwerken" bemängelten die Befragten vor allem:

1. Einflussnahme durch Sponsoren

2. Irrelevante Informationen in Mails und Vorträgen

3. Zu wenig Austausch mit anderen IT-Anwendern

Punkt 1 belastet dabei jeden zweiten CIO. Um die Preise der Events im Rahmen zu halten, greifen die Veranstalter häufig auf Sponsoren zurück, die ihre Botschaften mehr oder minder gekonnt unter die Teilnehmer von Networking-Events streuen - oder hämmern. Das stößt auf wenig Gegenliebe. So kritisierten 49 Prozent der Befragten in unserer Umfrage, dass Sponsoren zu stark Einfluss auf Veranstaltungen nehmen. Beispiel Thomas Engel: Als CIO und Mitglied der Konzernleitung des Schweizer Logistikkonzerns Kühne + Nagel hält er sich bei der Teilnahme an Großveranstaltungen besonders deshalb zurück, weil er dort zu sehr von Verkäufern belagert wird. "Ich sehe zwar ein, das so was gesponsort werden muss," sagt Engel, "aber manchmal ist es einfach zu viel."

Veranstaltungen fehlt die Substanz

Die Belästigung durch Werbebotschaften wäre noch zu ertragen, wenn deren Inhalte das Interesse der CIOs treffen würden. Dies ist allerdings auch nicht der Fall. Auf Platz zwei der größten Übel bestehender Netzwerkveranstaltungen folgen in unserer Umfrage "irrelevante Informationen" mit 48 Prozent. "Es fehlt manchen Veranstaltungen die Substanz", beklagt Engel. Oft seien die Informationen auf einem so hohen Level angesiedelt, "dass es schwierig wird, den Praxisbezug wiederzufinden".

Dies ist besonders tragisch, da mehr als drei Viertel aller Umfrageteilnehmer es als wichtig oder sehr wichtig bezeichneten, Fachinformationen zu bekommen. Dieser Wunsch liegt vor allen anderen Bedürfnissen, die ein Netzwerk abdecken sollte. Er wird nur noch von einer Forderung übertroffen: "Ein Netzwerk sollte Kontakte zu CIOs in Deutschland herstellen" hielten 79 aller Befragten für wichtig oder sehr wichtig.

Doch auch in diesem Punkt werden die CIOs enttäuscht. 30 Prozent der Umfrageteilnehmer bemängeln, dass sie sich in Netzwerken zu wenig mit IT-Anwendern austauschen können. Roland Gosebruch, CIO des Münchener Luxusdamenmode-Herstellers Escada, geht deshalb kaum noch auf Treffen. Die Agenda der Veranstalter bietet ihm zu wenig Zeit für persönliche Gespräche. Auch trifft er auf Großveranstaltungen wegen des breiten Spektrums von Themen und Besuchern nur selten einen Gesprächspartner, den gerade die gleichen Fragen und Probleme bewegen. Gosebruch hilft sich deshalb lieber selbst: Als er vor mehr als zwei Jahren bei Escada anfing, knüpfte er vor allem in der Modebranche Kontakte. "Innerhalb einer Branche spricht man die gleiche Sprache und arbeitet an ähnlichen Themen", sagt er.

Die überwältigende Mehrheit der Netzwerker unter den Teilnehmern unserer Umfrage nutzt informelle persönliche Kontakte, um das Defizit der Veranstalter auszugleichen: Mehr als 80 Prozent tauschen sich mehr als ein Mal im Jahr mit ehemaligen Kollegen und langjährigen Bekannten aus. Für Kühne+Nagel-CIO Engel sind persönlich aufgebaute Netzwerke die wichtigste Informationsquelle: Personen, die er seit vielen Jahren aus der Branche kennt, mit denen er früher mal zusammengearbeitet oder die er auf Veranstaltungen getroffen hat. "Mit bekannten Leuten diskutiere ich auch heikle Fragen, kann mich kritisch äußern und weiß, dass es vertraulich bleibt", sagt Engel. "Wenn ich ein Problem lösen will, nutze ich meist persönliche Netzwerke, weil das am schnellsten geht."

Frühere Kollegen denken ähnlich

Auch IT-Vorstand Oletzky besorgt sich Informationen über informelle Kanäle. So zum Beispiel von seinen alten McKinsey-Kollegen, die heute unter anderem IT-Vorstände bei der Post und der Postbank sind. "Meine ehemaligen Kollegen haben einen ähnlichen Hintergrund wie ich und kommen aus der gleichen Denkschule. Deshalb haben sie einen ähnlichen Blick auf die Probleme, was die Lösungsfindung erleichtert."

Der frühere IBM-Mitarbeiter Gosebruch geht etwas anders vor. Branchen- und IT-Kenntnis hält er bei persönlichen Beziehungen für wichtig, formale Kriterien jedoch gar nicht: "Es ist mir ehrlich gesagt gleichgültig, ob jemand CIO ist oder nicht. Ich gehe nicht nach Amt und Hierarchie." Vielmehr orientiert sich Gosebruch an Menschen, die er für kompetent und vertrauensvoll hält. Denn Personen wechselten im Laufe des Arbeitslebens zwar ihre Positionen, aber ihre menschlichen und fachlichen Eigenschaften blieben die gleichen. "Wenn man solche Kontakte über Jahre aufbaut, dann bekommt man eine Basis, auf der man vertrauensvoll und erfolgversprechend arbeiten kann", resümiert er.

Gosebruch spricht aus Erfahrung, denn als er nach langen Jahren in den USA nach Deutschland zurückkehrte, verhalfen ihm die lang gepflegten Kontakte zu ersten Aufträgen als freier Berater. Später fand er durch sie auch eine neue Anstellung. "Gute Jobs findet man fast nur noch über Netzwerke", sagt der Escada-CIO, der sich gerade in den Ruhestand zurückzieht. "Für jüngere Kollegen ist das die beste Gelegenheit, erste Kontakte zu knüpfen und bekannt zu werden."

US-CIOs nur gut bei Einzellösungen

Ab Herbst will Gosebruch selbst wieder sein "Old Buddy Network" spielen lassen, wenn er in seinen Altersruhesitz nach Florida zieht. Die US-Kollegen interessieren ihn dabei weniger. US-CIOs hätten ganz andere Probleme als CIOs aus Deutschland. US-Unternehmen stünden deutlich stärker unter dem Diktat, in jedem Quartal gute Geschäftszahlen liefern zu müssen. So unterlägen auch die IT-Manager dem Quartalsdruck. "Deswegen setzen US-CIOs zwar oft sehr gute Einzellösungen ein, die sind aber oft nicht integriert. Das Denken in Quartalen lässt vielen CIOs keine Zeit, umfassende integrierte Lösungen wie ein ERP-Komplettsystem einzuführen", so Gosebruch.

Wenn er Recht hat, dann könnte dies eine Erklärung sein, warum in unserer Umfrage die Teilnehmer wenig Interesse an Kontakten zu US-Kollegen zeigten. Nur rund ein Viertel hält den Austausch mit IT-Managern aus den USA für wichtig oder sehr wichtig. Dagegen suchen fast 80 Prozent der Befragten Kontakte zu CIOs in Deutschland. Etwa die Hälfte wünscht sich immerhin noch, auf Treffen mit CIOs aus Europa ins Gespräch zu kommen. Gosebruch nennt einen zweiten Grund, warum das Interesse an US-Managern gering sein könnte: "Wegen der hohen Fluktuation ist es kaum möglich, Kontakte zu pflegen. Ich weiß nicht, wie oft es mir passierte, dass ich jemanden nach zwei, drei Monaten wieder anrief und mir gesagt wurde, er arbeite nicht mehr im Unternehmen."

Umso wichtiger wäre ein Netzwerk, das auch diesen Wandel mitverfolgt. In Amerika etabliert sich eine derartige Institution gerade: Im April 2004 startete eine Vereinigung amtierender IT-Vorstände aus Anwenderunternehmen. Der "CIO-Council" zählt inzwischen mehr als 230 Mitglieder, die sich ihre Mitgliedschaft jährlich rund 17000 Dollar kosten lassen. Für diese Summe ist gewährleistet, dass das Büro die Daten der Mitglieder pflegt und Anfragen diskret an die richtigen Adresse vermittelt. Außerdem organisieren die Mitarbeiter Branchentreffen und Taskforces, die sich mit speziellen Problemen beschäftigen. Sie leiten regelmäßige Telefonkonferenzen ein, führen - falls gewünscht - Protokoll und pflegen die Website des Council.

Rund 17 000 Dollar kostet die Mitgliedschaft

Ergo-Vorstand Oletzky hielt es bislang schlicht für zu aufwändig, Kontakte in den USA aufzubauen: "Ich habe mich darum noch nicht gekümmert, weil ich die Antworten auf meine Fragen auch von meinen hiesigen Kontakten bekomme", erklärt Oletzky. Aber natürlich schaue er auch über den Tellerrand. Wenn ihm ein Anbieter ein interessantes Projekt in den USA vorstelle, dann lasse er sich den Kontakt dahin eben vermitteln.

Doch nicht alle CIOs haben die Macht oder das Geld, sich die wertvollen Kontakte knüpfen zu lassen. 17 000 Dollar sind nicht wenig, und andere CIO-Netzwerke wie das Executive Program von Gartner kosten sogar weitaus mehr. Das weiß auch CIO Engel, der sich schon mehrfach überlegt hat, solch einem Zirkel beizutreten. Doch ihn schreckt der Preis. "Bisher bekomme ich auch auf anderen Wegen alle Informationen, die ich brauche", stellt der CIO fest, der damit die gängige Strate-gie aller sparsamen IT-Manager fährt. Über 70 Prozent unserer Umfrageteilnehmer würden maximal 5000 Euro im Jahr für ein Netzwerk ausgeben. Alles andere scheint gegenüber dem Vorstand schwer vermittelbar.

Folglich suchen viele IT-Manager ihr Heil in selbstorganisierten, nicht kommerziellen Netzwerken wie dem "CIO-Circle", der sich 2001 erstmals in den Räumen der CIO-Redaktion getroffen hat. Der kleine Kreis ist inzwischen von damals zehn Teilnehmern auf über 400 Mitglieder angewachsen. Die mehrheitlich mittelständischen IT-Anwender treffen sich immer noch ohne institutionalisierte Hilfe: Es gibt kein Büro und kein organisiertes Matching. Reihum lädt jeder Teilnehmer seine Arbeitsgruppe in unregelmäßigen Abständen zu sich ins Unternehmen. Immer wieder diskutieren sie auf der Jahreshauptversammlung, ob dieser Graswurzelansatz auch weiterhin trägt. Wie zuletzt im April in Darmstadt kommen die meisten überein, dass es eigentlich schön und kuschelig ist, so wie es ist. Die meisten Circle-Mitglieder scheuen nicht die viele Zeit und Arbeit, die sie in die Organisation von Treffen, Webauftritt und Sonderveranstaltungen investieren.

Auch Oletzky von Ergo ist mit seinen Netzwerken insgesamt zufrieden - jedenfalls fast: "Ich habe, was ich brauche, um mich zu organisieren. Manches Mal hätte ich gerne noch konkretere Benchmarks, um die Leistungsfähigkeit der eigenen Organisation in bestimmten Bereichen besser beurteilen zu können. Hier mangelt es den vorhandenen Angeboten oft an der Vergleichbarkeit der Daten."