Was aus dem Spruch der Kanzlerin wurde

Haben wir es geschafft, Frau Merkel?

27.07.2020
"Wir schaffen das." So versuchte Kanzlerin Merkel vor fünf Jahren, die Bevölkerung auf eine positive Grundhaltung zu den Flüchtlingen einzuschwören. Heute gibt es für sie neue Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt.
Für Bundeskanzlerin Angela Merkel war klar: "Wir schaffen das!"
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Chaos in Deutschland. Auf einen strapaziösen Sommer folgt ein turbulenter Herbst. Jeden Monat erreichen viele Zehntausend Schutzsuchende das Land. Die Behörden kommen nicht hinterher mit der Registrierung und Unterbringung. Im August 2015 sagt Angela Merkel einen Satz, der positiv auf die Einstellung in der Bevölkerung zu den Flüchtlingen wirken soll. Mit ihrem beschwörenden "Wir schaffen das" provoziert sie aber auch viele. Wie ist der Stand der Integration heute - vor allem auf dem Arbeitsmarkt?

Am Ende waren 2015 deutlich mehr als 800.000 Asylbewerber nach Deutschland gekommen. Nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik waren es innerhalb eines Jahres so viele. Im davorliegenden Rekordjahr 1992 waren es nur halb so viele Schutzsuchende. Die Flüchtlinge aus einem Kriegsgebiet - etwa in Syrien - waren aber oft wenig vorbereitet auf die Migration.

Andere Anforderungen in Deutschland

Mitgebrachte Qualifikationen und Fähigkeiten passten oft wenig zu den Anforderungen in Deutschland. Deutsch konnten viele bei der Ankunft nicht. "Geflüchtete haben aus vielen Gründen schlechtere Voraussetzungen für die Integration in den Arbeitsmarkt, das Bildungssystem und andere gesellschaftliche Bereiche als Migrantinnen und Migranten, die auf anderen Wegen nach Deutschland gekommen sind, etwa über Erwerbsmigration oder Familiennachzug", schreibt der Arbeitsmarktforscher Herbert Brücker in einer aktuellen Studie.

Die Bundesregierung sieht Deutschland in der Migrationspolitik heute "besser sortiert als 2015", wie Arbeitsminister Hubertus Heil sagt. Nach teils erbittertem Streit zwischen CDU und CSU und zwischen Union und SPD sind Gesetze für leichtere Abschiebungen, für bessere Integration und für Fachkräfteeinwanderung auf den Weg gebracht worden.

Integration der erwerbsfähigen Flüchtlinge unterschiedlich

Tatsächlich fällt die Bilanz nach fünf Jahren gemischt aus. Die Integration auf den Jobmarkt hakt, klappt aber auch oft gut. Ungefähr die Hälfte der erwerbsfähigen Flüchtlinge, die heute in Deutschland sind, hat einen Job. Wiederum die Hälfte davon arbeitet auf Fachkräfteniveau, sagt Daniel Terzenbach, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg.

Deutschland liegt laut BA bei der Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt besser als andere Länder. Es gebe jedoch deutliche Unterschiede bei den Betroffenen, sagt Terzenbach. Frauen seien schwieriger zu integrieren. Ein Grund: Traditionelle Rollenmuster - zuständig sind sie laut dem BA-Vorstandsmitglied oft für die Kinder, für die Familienarbeit. Deswegen nähmen sie oft nicht in ausreichendem Maße an Integrations- und Qualifizierungskursen teil.

Arbeitsmarkt-Aufnahmefähigkeit war größer

Der Eintritt in den deutschen Arbeitsmarkt gelang für diese Ankömmlinge aber unterm Strich besser, als bei den Flüchtlingen im Zuge der Balkankriege in den 1990er Jahren, betont Brücker in seiner Studie für das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Denn: Die Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes war zuletzt einfach größer.

Es gibt aber bis heute teils deutliche Hürden, was die rechtliche Stellung von Asylbewerbern betrifft. Viele, die in Deutschland bleiben dürfen, bekommen nur zeitlich befristeten Schutz. Von den 1,36 Millionen Geflüchteten, die zum Jahreswechsel in Deutschland anerkannt waren, hatten laut Statistischem Bundesamt 80 Prozent nur Schutz auf Zeit erhalten.

Der Gedanke dahinter: Wer vor Krieg oder Verfolgung in seinem Herkunftsland flieht, soll in Deutschland Aufnahme finden - aber eben so lange die Gefahr besteht und nicht dauerhaft. Insbesondere CDU/CSU fürchten, andernfalls Anreize für Migranten zu schaffen, sich auf den Weg nach Deutschland zu machen.

Kritiker bemängeln indes, dass das auch Gruppen betrifft, die absehbar nicht ohne Gefahr für Leib und Leben in ihr Herkunftsland zurückkehren können - etwa Syrer. Die unsichere Zukunft in Deutschland erschwert Betroffenen die Integration und schreckt potenzielle Arbeitgeber ab. Auch die Hürden, Angehörige nachzuholen, sind höher.

In diesen Monaten haben es Geringqualifizierte auf dem Jobmarkt oft besonders schwer. Sie verlieren in der Krise leichter ihren Job, wie Terzenbach sagt. Flüchtlinge sind stark betroffen. Denn: "Keine formale Qualifikation und schlechte Sprachkenntnisse - insbesondere wenn diese beiden Merkmale zusammenkommen, führt das häufiger zum Arbeitsplatzverlust", so der BA-Mann. (dpa/rs)