Kampf ums Rechenzentrum der Zukunft

HP gegen Cisco

23.06.2010 von Riem Sarsam
Zwischen IT-Universalist HP und Netzwerkspezialist Cisco ist ein offener Kampf ausgebrochen. Beide Konzerne beanspruchen die führende Rolle im Rechenzentrum der Zukunft für sich. Im Grunde liegen ihre Positionen gar nicht so weit auseinander.
Giorgio Nebulon, Senior Research Analyst, IDC: "HP wird jetzt versuchen, über den Preis Marktanteil zu gewinnen. So wird auch Cisco gezwungen sein, seine Preise anzupassen."

"Wann es begonnen hat, lässt sich gar nicht genau sagen", erzählt Giorgio Nebuloni, Senior Research Analyst bei IDC. Dass da zwei große Player heftig aneinandergeraten, zeichnete sich spätestens im Frühjahr vergangenen Jahres ab. Damals kündigte Cisco ein neues Server-Portfolio namens UCS an und ging damit auf Konfrontationskurs gegen die angestammten Server-Anbieter. Denn UCS ist kein weiteres Netzwerkprodukt, sondern ein Server-Blade mit unterschiedlichen Funktionen. Das Kürzel steht für Unified Computing System.

Einfach als Blade möchte es Cisco selbst allerdings nicht beschreiben. Für den Konzern ist es mehr: "UCS ist eine Architektur", sagt Patrick Schmidt, Leiter Data Center und Virtualisierung, Cisco D-A-CH-Region. "Wir kombinieren x86-Server mit Netzwerkkomponenten, Virtualisierungslösungen und einem Storage Access und haben dies unter einem einheitlichen Hardware-Management zusammengeführt."

In Zukunft weniger Aufwand

In dieser Architektur soll nicht weniger als die Lösung für das Rechenzentrum der Zukunft stecken. Schon heute zeichnet sich ab, dass es zu einem Wandel in der Schaltstelle der IT kommen muss. Die Datenmenge explodiert, die zunehmende Vernetzung zwischen Unternehmen wie zwischen den Rechenmaschinen nimmt stetig zu. Datenzentren werden in wenigen Jahren noch mehr als heute aus virtualisierten Servern und Speichern bestehen. Das aber bedeutet mehr Aufwand für die Verwaltung von Kapazitäten und Komponenten. "Werden diese in einer Maschine zusammengefasst, lässt sich auch das Management wieder vereinfachen", beschreibt Schmidt die Cisco-Logik.

HP

Viel Umsatz, wenig Gewinn

Börsenwert

90,77 Milliarden Dollar (12. Mai 2010)*

Mitarbeiter

321 000

Umsatz 2009

114,6 Milliarden Dollar

Gewinn 2009

7,7 Milliarden Dollar

*Quelle: Comdirect

cisco

Wenig(er) Umsatz, viel Gewinn

Börsenwert

119,12 Milliarden Dollar (12. Mai 2010)*

Mitarbeiter

63 800

Umsatz 2009

36,1 Milliarden Dollar

Gewinn 2009

6,1 Milliarden Dollar

*Quelle: Comdirect

Darüber hinaus verheißt Cisco mit UCS eine Reduzierung von Server-Ressourcen. Denn schon beginnt das nächste Experiment mit der Virtualisierungstechnik – die Nutzung virtueller Desktops. Mit der Migration auf Windows 7 beispielsweise bietet sich in vielen Unternehmen dieser Schritt an. Die von Cisco entwickelte Large Memory Extension soll den Weg zur sparsamen Nutzung von Infrastruktur weiterführen. "Damit lassen sich drei- bis viermal so viele Desktops wie bei herkömmlichen Produkten virtualisieren", behauptet Cisco-Manager Schmidt. So viel zu den Versprechungen, die Cisco mit dem neuen Gerät macht.

Dass da zwei große Player heftig aneinandergeraten, zeichnete sich spätestens im Frühjahr vergangenen Jahres ab.
Foto: Harald Lange - Fotolia.com

"HP hatte vielleicht eine Ahnung, dass Cisco diesen Schritt tun wird", sagt IDC-Analyst Nebuloni. Nichtsdestotrotz löste die Ankündigung von UCS heftige Reaktionen bei der Nummer eins im EMEA-Server-Markt aus. In aller Öffentlichkeit bliesen HP-Manager zur Jagd auf Cisco, getreu dem Motto: "Wenn ihr auf unser Gebiet vordrängt, halten auch wir uns nicht mehr zurück." Will heißen: HP stärkt seine Bemühungen im Bereich Netzwerktechnik. Das lange Jahre gut funktionierende Neben- und Miteinander der beiden Konzerne ist damit vorerst beendet. Wer beim Kauf von HP-Servern nach Netzwerkkomponenten fragt, wird sicherlich nicht mehr auf die Produktpalette von Cisco verwiesen. Zumindest lohnt es sich für den Verkäufer nicht mehr, denn Marktgerüchten zufolge hat HP die Vertriebsprovisionen für dieses Geschäft gestrichen.

Außerdem hat der IT-Universalist eine eigene Netzwerk-Division, mit der er bislang allerdings recht bescheiden in Erscheinung getreten ist. Es handelte sich in erster Linie um sogenannte Edge-Produkte, die am Rand des Netzwerks ihre Dienste tun. Auf diesem Gebiet nahm die Netzwerksparte HP Curve - wenn auch mit gebührendem Abstand zu Cisco - immerhin Platz zwei auf dem Weltmarkt ein.

Zu wenig jedoch für einen Schlag gegen den Platzhirschen. Erst Ende 2009, als HP den Kauf des Netzwerkspezialisten 3Com verkündete, konnte die nächste Runde im Streit mit Cisco eingeläutet werden. "Die Firmen wollen sich von einem Netzwerkparadigma losreißen, in dem ein einziger Hersteller den Ton angibt", schoss David Donatelli, oberster HP-Manager für Unternehmens-Server und Netzwerkgeräte, gegen Cisco. Diese vermeintliche Befreiung des Kunden lässt sich HP auch was kosten: Der derzeit weltweit größte IT-Konzern legt 2,7 Milliarden Dollar für seine Netzwerkambitionen auf den Tisch. "Mit der Technik und dem Know-how von 3Com können wir die nächste Generation der Networking-Infrastruktur bauen, die vom Netzwerkrand bis zum Herzen des Rechenzentrums reicht", erklärte Donatelli.

Auch da taucht sie also auf: die Zukunft im Rechenzentrum. Auch wenn man sich gerade spinnefeind gibt, in einem wichtigen Punkt sind sich die beiden und auch die anderen Player am Markt einig: Die Konvergenz zieht in die Datenzentren ein. Server, Netzwerk und Storage werden zunehmend verzahnt und sollen von einer Software gemanagt werden können, die mit sämtlichen Komponenten umzugehen weiß. Für die Sicherheit wird selbstverständlich auch gesorgt werden.

Teuer, träge und komplex

Das bedeutet nicht nur ein Umdenken für Provider oder den CIO als Betreiber von Rechenzentren. Auch an den Geschäftsmodellen der IT-Anbieter kann das nicht spurlos vorübergehen. "Man könnte in eine Situation geraten, in der man nicht mehr von einem Server-Markt getrennt von Networking spricht", prognostiziert IDC-Analyst Nebuloni.

Verschiedene Faktoren haben diese Entwicklung vorangetrieben. Teuer, träge und nicht zuletzt komplex – auf diese wenig schmeichelhafte Beschreibung reduzieren Marktbeobachter das Bild der heutigen Rechenzentrumstechnologie. Teuer kann sich in diesen Zeiten kein CIO leisten, träge will es das Business nicht, und Komplexität verhindert Innovationen. Ergo: Der Druck auf den CIO steigt. Statt stückweise nachzujustieren, denkt er über grundlegend neue Konzepte für das Rückgrat seiner IT nach.

Drei Trends werden eine wichtige Rolle spielen

  1. Virtualisierung und Konsolidierung von Hard- und Software, um die Aus- und Belastung in den Griff zu bekommen,

  2. Cloud-Services, um mehr Flexibilität zu erhalten, und

  3. Reduzierung der Zahl der Lieferanten, um die Kosten und den Verwaltungsaufwand zu verringern.

Auf diese Entwicklung müssen alle großen Anbieter reagieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben, nicht nur Cisco und HP. Die IT-Konzerne müssen alles aus einer Hand anbieten können, denn ihre Kunden sind es leid, für jedes einzelne Teil Verhandlungen mit unterschiedlichen Partnern führen müssen. Mit Akquisitionen, Partnerschaften und Allianzen kämpfen die Hersteller also um die Vormachtstellung im modernen Rechenzentrum. Der Gewinner, so die stille Hoffnung, verfügt letztlich auch über den Schlüssel zur Macht am gesamten IT-Markt. Denn die Vernetzung wird in der Welt von morgen in- und außerhalb von Rechenzentren die zentrale Rolle spielen.

Ein guter Grund für den offenen Disput? Für die Streithähne scheint die richtige Zeit dafür gekommen. "In den nächsten zwölf Monaten werden wir angreifen, wie wir es noch nie getan haben", zitierte das "Handelsblatt" Cisco-Chef John Chambers im Oktober vorigen Jahres. Kaum vier Wochen später folgte die 3Com-Reaktion von HP. Endgültig wurde das Tuch zwischen beiden zerschnitten, als Cisco Anfang dieses Jahres die Vertriebspartnerschaft mit HP kündigte. Mittlerweile ist die Übernahme von 3Com bewilligt. HP gibt nicht nur seine künftige Strategie mit Netzwerkprodukten (alles für jeden) bekannt, sondern schwingt bei der Gelegenheit auch ganz gezielt die Marketing-Keule. Der Konzern wirbt im Rahmen der Produktvorstellung mit einem eigenen "Cisco-freien" Rechenzentrum.

Beide Konzerne versichern, dass all das Hickhack nur im Sinne ihrer Kunden geschehe. Doch es geht selbstverständlich auch um das eigene Überleben. Denn betrachtet man die Märkte, in denen sich HP und Cisco bislang bewegten, so reißt deren Entwicklung den Kapitalmarkt nicht unbedingt zu wilden Fantasien hin. Laut IDC gingen im vergangenen Jahr die ausgelieferten Server-Stückzahlen um 18,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Die Einnahmen der Hersteller schrumpften gar um 18,9 Prozent. Im Raum EMEA war die Situation mit einem Umsatzminus von 26,2 Prozent sogar noch schlimmer. Darunter hatte auch HP heftig zu leiden.

"Auch Cisco braucht zusätzliches Geschäft", ergänzt IDC-Analyst Nebuloni. Die Konzentration auf Networking – also nur Switches und Router – ist längst einer breiter angelegten Strategie gewichen. Ein Beispiel dafür ist das Business mit Videoconferencing, aber auch der Eintritt in den Consumer-Markt mit der Digital-kamera Flip. "Cisco will sich in weiteren Märkten ausbreiten, weil es die Margen für die Wall Street nicht erreichen kann. Es wird schwer sein, weiterhin die Wachstumsraten der Vergangenheit zu erzielen." Die zunehmende Virtualisierung in der x86-Welt kam da wie gerufen. "Die Vernetzung innerhalb des Rechenzentrums wird immer wichtiger, damit gibt es mehr Traffic zwischen den Servern."

Und so profitiert der CIO

Marktbeobachter rechnen damit, dass es noch einige Jahre dauern wird, bis dabei Klarheit entsteht. Beide Companies stehen erst am Anfang ihrer Konvergenzstrategie. Die Expertise zu Ciscos UCS ist noch spärlich, der Konzern und seine ersten Kunden sammeln gerade die ersten Erfahrungen. Auch HP hat jetzt erst begonnen, seine erweiterte Netzwerkpalette zu sortieren und auszuliefern. Die erhoffte Stärke aus der 3Com-Übernahme muss sich noch beweisen.

Für den CIO sollte sich diese Situation allerdings zu seinen Gunsten wenden:

  1. Die Preise gehen zurück. "Cisco hat oft zum Premium-Preis verkauft, und HP wird jetzt versuchen, über den Preis Marktanteil zu gewinnen. In der Folge wird auch Cisco gezwungen sein, seine Preise anzupassen“, rechnet Nebuloni.

  2. Der Einkauf für das Rechenzentrum wird leichter. Wenn die Bereiche Server, Storage und Networking ineinanderfließen, muss man am Ende nur noch mit einem Anbieter verhandeln.

  3. Das Handling im Rechenzentrum der Zukunft kann leichter werden, wenn die einzelnen Komponenten besser aufeinander abgestimmt sind und leichter gemanagt werden können.

"Aber es ist die Entscheidung für eine Seite", warnt der IDC-Analyst. Dem CIO muss klar sein, was er mit seiner Infrastruktur machen will. In dem Fall dürfte sich bewahrheiten, dass, wenn zwei sich streiten, ein Dritter sich freuen darf.