Gewerkschaft

IG Metall will Konzept gegen De-Industrialisierung

05.02.2024
Die IG Metall organisiert die Beschäftigten in der Industrie. Besorgt verfolgt die Gewerkschaft, wie der klimaneutrale Umbau gelingen kann. Vor allem eine Institution könnte ihrer Meinung nach mehr tun.
Die Beschäftigten verlangten eine klare Perspektive, sagte IG-Metall-Chefin Christiane Benner.
Foto: IG Metall

Die IG Metall hat ein umfassendes Konzept für den klimaneutralen Umbau der deutschen Industriegesellschaft verlangt. Mit diesem Ziel solle eine "Transformationskommission" ins Leben gerufen werden, die bis September konkret aufzeige, wie Klimaziele erreicht und gleichzeitig Industrie und Arbeitsplätze gestärkt werden könnten. Neben Bund und Ländern sollten sich Unternehmen und die IG Metall beteiligen, schlug der Vize-Vorsitzende Jürgen Kerner vor. Er warnte vor einer umfassenden De-Industrialisierung, wenn der Umbau nicht gelinge. Er sagte: "Für die Industrie ist 2024 das Schicksalsjahr."

Die Beschäftigten verlangten eine klare Perspektive, sagte IG-Metall-Chefin Christiane Benner. Sicherheit im Wandel sei der beste Schutz gegen Politikverdrossenheit. Aktuell sehe sie ein gemischtes Bild: Einerseits gebe es wichtige industrielle Neuansiedlungen, etwa für Batteriefertigung oder Halbleiterproduktion. Gleichzeitig nähmen Standortschließungen und Verlagerungen zu, von denen ganze Regionen betroffen seien. Benner sagte: "Ich will auch auf der Kapitalseite mehr Zuversicht in diesen Standort."

Ruf nach hohen staatlichen Investitionen

Der Ampel-Koalition hielt die Gewerkschafterin "kleinteiliges, teils dogmatisches Handeln" vor. Die Regierung müsse im laufenden Jahr "endlich den großen Wurf wagen". Für die IG Metall steht außer Frage, dass für die Transformation hohe staatliche Investitionen notwendig seien. Benner nannte die Summe von 500 Milliarden Euro für einen Zeitraum von zehn Jahren. Dafür sollte entweder ein Sondervermögen geschaffen oder die Schuldenbremse abgeschafft oder zumindest reformiert werden.

Deutschlands größte Gewerkschaft hat trotz stark gestiegener Eintrittszahlen im vergangenen Jahr unter dem Strich Mitglieder verloren. Zum Jahresende waren exakt 2.136.326 Menschen bei der IG Metall registriert - etwa 10.000 weniger als ein Jahr zuvor. Neu eingetreten sind im vergangenen Jahr 129.348 Menschen, zeigt die Jahresbilanz. Das war im Vergleich zum Vorjahr ein Wachstum um zehn Prozent, konnte aber die Abgänge durch Austritt oder Tod nicht ganz ausgleichen. Nur im Jahr 2018 hatte es zuletzt mehr neue Mitglieder gegeben.

620 Millionen Euro Mitgliedsbeiträge

Die Mitgliedsbeiträge summierten sich 2023 auf den Rekordwert von 620 Millionen Euro. "Der Mitgliederzulauf in den Betrieben gewährleistet: Unsere Streikkasse ist gut gefüllt", stellte die neue Hauptkassiererin Nadine Boguslawski fest. Der Löwenanteil der Einnahmen fließe in die bundesweit 148 Geschäftsstellen für die Arbeit in den Betrieben und vor Ort.

In der im Herbst anstehenden Tarifrunde für die Metall- und Elektroindustrie mit rund 3,9 Millionen Beschäftigten wird die IG Metall neben Lohnerhöhungen voraussichtlich weitere Wahlmöglichkeiten zur individuellen Arbeitszeitverkürzung fordern. Näheres soll eine Mitgliederbefragung im Frühsommer ergeben, sagte Boguslawski. Die bereits für einige Beschäftigtengruppen eingeführten Wahlmöglichkeiten beim tariflichen Zusatzgeld seien sehr beliebt, wenngleich es keine Branchenzahlen gebe. In ausgewählten Betrieben hätten 50 bis 60 Prozent der Berechtigten anstelle von mehr Geld zusätzliche freie Zeit gewählt.

Benner verlangte mehr gesetzlichen Schutz bei Betriebsratsgründungen und eine um Strategiefragen erweiterte Mitbestimmung. Die Tarifbindung müsse gestärkt werden. "Die Beschäftigten brauchen die Erfahrung, dass sie den Veränderungen nicht ausgeliefert sind, sondern diese mitgestalten können. Das geht nur mit mehr Demokratie im Betrieb", sagte Benner. Auf eine Nachfrage im Zusammenhang mit dem Lokführerstreik bei der Bahn sprach sich Benner gegen jede Änderung beim Streikrecht aus. "Streikrecht ist ein demokratisches Recht, damit Gewerkschaften und Beschäftigte ihre Interessen durchsetzen können." (dpa/rs)