WEF 2024 – Microsoft-Chef Satya Nadella im Interview

"Intelligence at your fingertips"

22.01.2024 von Jürgen  Hill
Auf dem Weltwirtschaftsforum 2024 diskutierte Klaus Schwab, Gründer und Chairman des WEF, mit Microsoft-Chef Satya Nadella zu KI und den gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Auswirkungen.
Klaus Schwab, Gründer und Chairman des WEF, im Gespräch mit Microsoft-Chef Satya Nadella.
Foto: World Economic Forum/Faruk Pinjo

Klaus Schwab: Satya, als wir uns das letzte Mal trafen, war GenAI noch ein sehr junges Baby. Ich würde sagen, jetzt ist es ein Teenager geworden, also sehr schnell gewachsen. Es hat weniger als ein Jahr gedauert. Wie siehst Du die Situation?

Satya Nadella: Sie haben recht. Ich erinnere mich noch genau an den November 93 als, glaube ich, Mosaic (Anm. d. Red.: Mosaic war einer der ersten Webbrowser) zum ersten Mal herauskam. Das für mich ebenfalls ein sehr großes Ereignis. Ich kam 92 zu Microsoft und mit Mosaic veränderte sich das Web stark.

KI verändert die Welt drastisch

Und mit ChatGPT erleben wir seit November 22 etwas ähnliches in Bezug auf KI - nur schneller. Es war einfach fantastisch zu sehen, wie sich KI schnell und rasant über Länder und Branchen hinweg verbreitete. Für mich war es das erste Mal, dass ich wirklich glaubte, dass sich etwas drastisch verändert.

Eine der elitärsten Wissensarbeit ist für mich die Softwaretechnik. Und nun sah man ein neues Werkzeug, das alles verändert, was man bislang kannte. Die Plackerei des Software-Engineerings war weg, die Freude am Software-Engineering kam zurück. Das hat mich davon überzeugt, dass dies ziemlich magisch ist, und seither führen wir Copilot ein.

KI für horizontales Arbeiten

Sie kennen Copilots für breit angelegte horizontale Arbeiten. Und für die Arbeit an der Front haben wir Copilots für Sicherheitsoperationen. Und im Gesundheitswesen helfen Copilots, die Belastung der Ärzte reduzieren, wenn es darum geht, den Dialog mit ihren Patienten zu führen. Und wir haben Copilots als einen personalisierten Tutor für jeden Schüler im Land eingeführt.

Wenn Bill Gates 1993 zum ersten Mal auf der COMDEX (Anm. d. Red.: Bis 2003 die weltweit zweitgrößte IT-Messe nach der CeBIT) von "Information at your fingertips" sprach, dann befinden wir uns jetzt im Zeitalter der "Intelligence at your fingertips" oder der "Expertise at your fingertips". Und 2024 wird das Jahr sein, in dem sich all dies ausweiten wird.

Schwab: Satya, ich muss gestehen, dass ich einige der Anmoderationen zur Vorstellung der Gesprächspartner von KI schreiben ließ. Aber erzähl es nicht weiter. Auf dem WEF wird viel über KI diskutiert, und wir sprechen über die Auswirkungen. Aber was wird bei dieser Diskussion Deiner Meinung nach übersehen?

Neue Moleküle in Rekordzeit

Nadella: Nichts, aber ich denke, es wird zuviel über die horizontale Wissensarbeit und die Veränderungen der Arbeitswelt gesprochen. Dabei dürfte vielleicht das Interessanteste sein, welche Auswirkungen KI auf die Wissenschaft hat.

Mit MatterGen hat Microsoft eine Art generatives KI-Modell zur Erzeugung neuer Moleküle entwickelt.
Foto: alice-photo - shutterstock.com

Hier sind mit KI Dinge möglich, von denen ich nicht geglaubt hätte, dass sie realisierbar sind. Gemeinsam mit dem Pacific Northwest National Lab haben wir neue Moleküle für neues Material entwickelt, mit dem wir Batterien mit 70 Prozent weniger Lithium herstellen können. Dazu haben wir eines unsere KI-Modelle verwendet, nämlich MatterGen. Das ist eine Art generatives Modell zur Erzeugung neuer Moleküle.

Beschleunigte Wissenschaft

Das ist einfach phänomenal. Denn wenn wir über den Klimawandel und die Energiewende nachdenken, dann geht es darum, 250 Jahre Chemieforschung auf 25 Jahre zu verkürzen. Und dies geht mit KI. Das Gleiche geschieht in der Biologie. Denken Sie nur an die Möglichkeiten bei der Krebserkennung.

Diese Wissenschaft dürfte der Ort sein, wo wir durch KI eine echte Beschleunigung erleben werden. Bisher hat die Digitalisierung der Wissenschaft lediglich neue Werkzeuge gebracht. Aber sie hat die Wissenschaft nicht grundlegend beschleunigt.

Wenn wir jetzt die Wissenschaft mit KI grundlegend beschleunigen können, dann stehen wir meiner Meinung nach vor sehr, sehr tiefgreifenden Veränderungen - egal, ob bei der Heilung von Krankheiten, der Energiewende, oder in der Materialwissenschaft.

Schwab: Sicher, aber in der vierten industriellen Revolution spielen noch viele andere Technologien eine Rolle. In meinen Augen wird es eine Kombination verschiedener Technologien sein, die zu Veränderungen führen. Welche anderen Technologien schaffen Deiner Meinung nach diesen Fortschritt für die Gesellschaft?

Quantencomputer und KI

Nadella: Das sind hauptsächlich drei Technologien. So brauchen wir grundsätzlich mehr Rechen-Power. Die IT-Welt wird noch immer vom Prinzip der Von-Neumann-Maschine und der damit verbundenen Architektur beherrscht. Die große Frage lautet hier: Können wir die Quantenrevolution in Gang setzen?

Quanten-Computing gehört für Nadella zu den drei Technologien, die für künftige Innovationen erforderlich sind.
Foto: Bartlomiej K. Wroblewski - shutterstock.com

Ich bin davon überzeugt. Mich begeistert die Quantenphysik. KI ist der Emulations-Layer für die Quantensimulation. Also Quanten-Computing ist für mich die erste Technologie.

KI ist dann natürlich die zweite Technologie. Die Dritte ist für mich Mixed Reality. Denken Sie nur an humanoide Roboter, autonome Autos, Sensoren etc. Diese drei Technologien könnten die Plattform für künftige Innovationen bilden.

Eine neue Renaissance?

Schwab: Wenn wir in der Geschichte zurückblicken, dann führte wohl die Erfindung des Buchdrucks zur Renaissance. Können diese Technologien ein neues Zeitalter der Renaissance für die Menschheit einläuten?

Nadella: Für mich ist die Antwort ein klares Ja. Sie brauchen nur hier auf dem WEF mit den unterschiedlichsten Leuten zu diskutieren - egal, aus welchem Wirtschaftszweig oder aus welchem Teil der Welt sie kommen. Sie werden zu der Erkenntnis kommen: Wow, digitale Technologie wird auf tiefgreifende Weise genutzt.

Das bedeutet, dass es sich um eine Allzwecktechnologie handelt. Und immer wenn es Allzwecktechnik gab, haben wir als Gesellschaft echte Durchbrüche erlebt. Ja, wir werden eine neue Renaissance erleben. Die Technologie verschiebt Grenzen, was unter anderem zu besseren medizinischen Ergebnissen und zu besseren Bildungsergebnissen führt.

Wird der globale Süden abgehängt?

Schwab: Im Rahmen des WEF hatte ich die Gelegenheit, eine Reihe von Gesprächen mit Staats- und Regierungschefs zu führen. Vor allem die Vertreter weniger entwickelter Länder fürchten, dass diese Technologien zu einer neuen Kluft führen könnten und neue Spannungen zwischen Nord und Süd hervorrufen. Wie siehst Du das?

KI könnte das Zeitalter einer zweiten Renaissance einläuten.
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Nadella: Das Letzte, was die Welt braucht, sind Technologien, die diese Kluft vergrößern. Ich habe die Hoffnung, dass es uns gelingt, eine neue Renaissance für alle anzustoßen. Und mit Technologien wie GPT-4 können wir das schaffen. Also, dass jeder Mensch auf der Welt, alle 8 Milliarden, eine bessere medizinische Beratung, eine bessere Beratung über seine Rechte etc. erhält.

Das Potenzial ist vorhanden. Klar gibt es immer Hindernisse. Zuversichtlich stimmt mich aber, dass in den letzten 15 Jahren Cloud und Smartphone allgegenwärtig geworden sind. Deshalb dürften sich die neuen Technologien jetzt viel schneller verbreiten. Die Verbreitung wird jetzt 5 Jahre oder weniger dauern und auch den globalen Süden erfassen.

Angst vor Speed of Change

Schwab: Diese Geschwindigkeit führt auch zu Angst und Pessimismus. Wie können wir sicherstellen, dass wir es richtig machen? Hast Du einen Ratschlag?

Nadella: Für mich ist die Sache klar. Die vielleicht größte Lektion, die wir als digitale Technologiebranche im Zusammenhang mit KI gelernt haben, ist, dass wir bei jeder neuen Technologie nicht nur die Vorteile betrachten dürfen, sondern auch über die unbeabsichtigten Folgen nachdenken. Und zwar bevor sie eintreten. Das ist eine grundlegende Veränderung.

Zudem sind Sicherheit, Vertrauen, Gerechtigkeit wichtige Themen für alle Menschen auf der Welt. Für viele Branchen ist das keine neue Erkenntnis - für die Tech-Branche aber zum Teil schon. Wir müssen uns in dieser Situation stellen. Und wir dürfen es nicht der Industrie allein überlassen. Überall sei es in den USA, in Großbritannien oder in der EU kümmern sich Regierungen darum.

Wir brauchen Leitplanken

KI und die Tech-Industrie brauchen aus Sicht des Microsoft-Chefs Leitplanken.
Foto: World Economic Forum/Faruk Pinjo

Es ist schön zu sehen, dass die Welt auf uns zukommt und sagt, wir brauchen neue Technologien. Und wir brauchen Leitplanken und Normen dafür, wie wir diese Technologie einsetzen. Ich denke, dass diese Kombination aus privater Innovation mit einem Ansatz, bei dem die Sicherheit an erster Stelle steht, sicherstellt, dass der breite gesellschaftliche Nutzen verstärkt und die unbeabsichtigten Folgen eingedämmt werden. Das ist der Weg in die Zukunft.

Schwab: In der derzeit zersplitterten Welt dürfte es schwer sein, globale Regeln zu entwickeln - und die wären sehr wichtig. Gibt es eine realistische Chance, dass wir etwas Ähnliches wie im Umweltbereich sehen, wo wir die COP oder die Internationale Energieagentur haben? Ist so etwas wünschenswert?

Globale Normen erforderlich

Nadella: Ja, das ist sehr wünschenswert. Es handelt sich um globale Herausforderungen, die globale Normen und Standards erfordern. Es scheint sich ein breiter Konsens abzuzeichnen, dass wir bei Large Foundation Models wirklich strenge Evaluierungsrichtlinien sowie Sicherheitsmaßnahmen und Leitplanken benötigen, bevor wir etwas Neues einführen. Zumindest in allen Hauptstädten, in denen ich bin, reden die Leute im Wesentlichen alle über das Gleiche. Wir können einen Konsens finden.

Schwab: Ich bin Ingenieur und habe Schwierigkeiten zu erfassen, was KI und insbesondere die neuen Formen wie GenAI wirklich sind. Verstehen Politiker wirklich KI und können Sie sie entsprechend regulieren?

Weniger Ehrfurcht zeigen

Nadella: Ich glaube, dass nichts unsere Fähigkeit übersteigt, Dinge richtig zu regeln. Ein der großen Lektionen der Geschichte ist, dass wir nicht so viel Ehrfurcht vor einer Technologie haben dürfen, dass wir meinen, wir könnten sie nicht kontrollieren. Dann können wir sie nicht zum Wohle unserer Gesellschaft einsetzen. In diesem Zusammenhang müssen sich unsere Politiker also einmischen - und das ist nicht der Fall. Es mag im Innern Hightech sein, aber es sollte verwaltbar sein und die Grundsätze der Verwaltung sollten klar sein.

Schwab: Ein anderer Ansatz wäre die Regulierung der Anwendungen. Welchem Ansatz ist zu bevorzugen?

Nadella: Wir benötigen beide Ansätze, da wir mit zwei unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert sind. So gibt es Risiken, die im Hier und Jetzt bestehen. Denken Sie etwa an Deep Fakes im demokratischen Prozess oder an Bioterrorismus. Diese Fragen müssen mit Vorschriften außerhalb des Anwendungsbereichs behandelt werden.

Anwendungen regulieren

Nadella ist davon überzeugt, dass KI eine Produktivitätsrevolution einläutet.
Foto: World Economic Forum/Faruk Pinjo

Dann gibt es noch das existenzielle Risiko. Schließlich handelt es sich bei KI um eine sich selbst verbessernde Technologie. Wenn wir hier die Kontrolle verlieren, dann ist das ein existenzielles Problem. Um das zu verhindern, brauchen wir eine Reihe von Sicherheitsvorkehrungen und Vorschriften.

Schwab: Satya, als das Internet aufkam, argumentierten viele, dass es die Produktivität steigern werde. Wir erlebten dann träges Produktivitätswachstum. Wird KI uns positiv überraschen oder ebenfalls enttäuschen?

Nadella: Momentan gibt es aus meiner Sicht - inflationsbereinigt - kein Wirtschaftswachstum in der Welt. Einige Industrieländer haben negatives Wirtschaftswachstum. In einer solchen Welt brauchen wir einen neuen Input, und deshalb bin ich sehr optimistisch, dass KI die Allzwecktechnologie sein wird, die das Wirtschaftswachstum vorantreibt.

Produktivitätsrevolution

Nebenbei bemerkt, das letzte Mal, als wir wirkliches Wirtschaftswachstum sahen, war bei der Einführung des PCs. Er hat unsere Art zu arbeiten und unsere Geschäftsprozesse verändert.

Etwas ähnliches werden wir jetzt mit KI erleben, wenn sich die Copilots ausbreiten. Die Arbeit, die Arbeitsmittel und die Arbeitsabläufe werden sich grundlegend ändern. Das wird zu mehr wirtschaftlicher Leistung und zu einer wissenschaftlichen Beschleunigung führen. Ich denke wir stehen am Beginn einer Produktivitätsrevolution.

Das ungekürzte Interview finden Sie als Video "A Conversation with Satya Nadella and Klaus Schwab" auf der Website des Weltwirtschaftsforum.