Die wöchentliche CIO-Kolumne

Plattner hat neun Fernbedienungen

04.02.2002 von Horst Ellermann
Der SAP-Chef Hasso Plattner legt Unternehmen nahe, ihren Mitarbeitern die Ergebnisse aus verschiedenen ERP-Systemen über Internet-basierte Portale zu präsentieren. Dass die Hersteller der Systeme sich selbst auf ein einheitliches Erscheinungsbild einigen, hält er für unwahrscheinlich. Außerdem verblüfft Plattner mit rhetorischen Schlenkern, die zu diesem Urteil führen.

Fragezeichen in den Gesichtern: Auf der Handelsblatt-Tagung „Strategisches IT-Management“ sprach Hasso Plattner vergangene Woche über seine Visionen zu internetbasierten Technologien. Das Publikum hatte sich nach Reden von Michael Neff, CIO der Heidelberger Druckmaschinen, und Martin Strobel, Leiter der Informatik bei den Basler Versicherungen, auf weitere Tipps fürs den Alltag eingeschossen, als der Chef der SAP zu seiner Keynote Speech anhob. Neun Fernbedienungen lägen bei ihm zu Hause auf dem Wohnzimmertisch. Außerdem habe er neulich die Heizstäbe seines neuen Kochtopfs durchgeglüht, weil er die Bedienungsanleitung nicht verstanden habe.

Das voll besetzte Auditorium des Bonner Maritim-Hotels reagierte leicht ratlos. Die Zuhörerschaft spaltete sich in zwei Fraktionen. Die Techniker begannen mit dem Nachrechnen: Neun Fernbedienungen, wieso neun? Drei könnte Plattner für TV, Videorekorder und DVD besitzen, fünf für die Stereoanlage sind ebenfalls realistisch, bleibt aber immer noch eine über. Zählt Plattner sein Handy zu den Fernbedienungen?

Die Strategen hingegen ertrugen die Leere der Aussagen, bis Plattner den Sinn seiner rhetorischen Schlenker zu erklärten suchte: Knapp 20 Jahre lang hätten die Hersteller von Unterhaltungselekronik Zeit gehabt, um einen gemeinsamen Standard für Remote Controlls zu schaffen. Es sei aber trotzdem nicht gelungen, wohl mangels Willen. Ähnlich verhalte es sich bei den Herstellern von ERP-Software. Auch hier dürfe man keine Absicht zur Vereinheitlichung und folglich auch keinen Standard erwarten. Selbst SAP verabschiedet sich demnach vom Anspruch, das einheitliche Steuerungsinstrument zu sein. Sozusagen die Fernbedienung für Betriebs-Programme wird es laut Plattner nicht von einem Hersteller geben. Wohl aber könnten Firmen ihren Mitarbeitern ein vergleichbares Instrument in Form eines Internet-gestützen Portals bieten.

Wie dies genau auszusehen habe, darüber ließ Plattner seine Zuhörer genauso im Unklaren wie über die Zahl neun seiner Fernbedienungen. Es ist aber nicht die Aufgabe des SAP-Chefs, hierzu die Antworten zu liefern. Der Erfolg Plattners basiert darauf, dass er seine Software noch nie über Techniker in die Unternehmen getragen hat, sondern immer über die Firmenlenker. Was von den IT-Abteilungen vermutlich rundweg abgelehnt worden wäre, konnte sich dort durchsetzen, wo Menschen über Prozesse nachdenken – oder gelegentlich auch darüber, warum so viele Fernbedienungen unsere Couchtische verschandeln.

Bleibt noch der durchgeglühte Kochtopf. Was wollte Plattner mit ihm deutlich machen? Dass der Erschaffer eines komplexen Systems selbst an einer Technik scheitert, die so einfache Prozesse wie Kartoffeln kochen abbildet – dürfen wir uns darüber freuen oder muss uns das erschrecken?