MAN Truck & Bus CIO Fingerling

Präsenzkultur ist ein Zeichen von Rückständigkeit

10.06.2021 von Stephan Fingerling
Stephan Fingerling wettet, dass es 2026 deutlich weniger Büros als im Jahr 2020 geben wird.
Stephan Fingerling ist CIO der MAN Truck & Bus SE.
Foto: MAN Truck & Bus SE

Krisen wirken meistens als Beschleuniger. Alles was ohnehin zurückgeht, geht in der Krise schneller zurück; alles was wächst, wächst schneller. Zu den sich verstärkenden Trends der Coronakrise zählt sicher die "Digitalisierung der Arbeitswelt". Was für die deutsche Industrie lange undenkbar oder zumindest unwahrscheinlich erschien, Vorstandssitzungen per Video, Schulungen im Internet, Kundenbesuche ohne Besuch, ist plötzlich die neue Normalität. Die gute alte Präsenzkultur der deutschen Wirtschaft erleidet das Schicksal der Krawatte vor ein paar Jahren: Bis gestern noch nicht wegzudenkender Standard und heute schon Ausdruck von Rückständigkeit.

Digitale Chancen im Visier

Die Covid-19-Beschränkungen haben in kurzer Zeit bewiesen, dass Digitalisierung und digitale Lösungen auch Chancen für die deutsche Industrie bieten. In den nächsten fünf Jahren werden wir diese mit "deutscher Gründlichkeit" zu nutzen wissen. Die digitale Infrastruktur wird endlich einer führenden Industrienation würdig sein. Ausbildung in digitalen Berufen ist en vogue, und in der Gesellschaft gibt es einen kritischen, aber konstruktiven Dialog über die Risiken und die Chancen der Digitalisierung.

Für viele überwiegend im Büro Beschäftigte ist es normal, einige Tage in der Woche im Home Office zu arbeiten. Allein dieser "Sinneswandel" hat enorme Ressourcen freigesetzt. An die Stelle des täglichen Wegs zur Arbeit tritt zusätzliche Zeit für andere wertschöpfende Dinge. Die gerade in Ballungsräumen notorisch überlasteten Verkehrssysteme werden entlastet. Alte Ideen wie Car Sharing bekommen neuen Auftrieb, da die auf dem Teilen basierenden Konzepte sich mit dem wechselnden Bedarf viel besser decken. Statt in zusätzliche Bürogebäude investieren zu müssen, stecken Firmen lieber einen Teil dieses Geldes in den Ausbau digitaler Lösungen und den Umbau bestehender Flächen in Shared- Desk- und moderne Workshop-Bereiche.

Voraussetzung für die schöne neue digitale Welt ist natürlich ein konsequenter Umbau der IT-Applikationen in Richtung "any place and any time". Dazu haben die IT-Bereiche bereits in den vergangenen Jahren erhebliche Investitionen vorgenommen. Da wir auch im Jahr 2026 noch Teile unserer 40-jährigen IT-Historie betreiben werden (müssen), wurden hier parallele Wege verfolgt. Neben der Einführung von Software-as-a-Service (SaaS) und weiteren Cloud-Ertüchtigungsprojekten erfolgte auch eine ­umfassende Renovierung der bestehenden IT-Infrastrukturen. Ein fast nahtloser, für den Anwender nicht spürbarer Zugang zu IT-Ressourcen aus unterschiedlichsten Quellen von jedem beliebigen Ort aus ist der Standard.

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Foto: CIO.de

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Vor-Ort-Besuche als Ausnahme

Auch die Arbeit in der IT selbst wird sich im Jahr 2026 deutlich verändert haben. Folgten im Jahr 2020 noch viele der IT-Dienstleister dem Prinzip "die Arbeit erfolgt vor Ort beim Kunden", so ist 2026 der Vor-Ort-Besuch die Ausnahme geworden. Die so entstandenen Vorteile haben sich im Laufe der Zeit Auftraggeber und Auftragnehmer geteilt. Neuere Formen der Beauftragung wie die Beteiligung an der Kosteneinsparung oder dem erzielten Umsatz machen die IT-Dienstleister mehr zu dem seit Jahren avisierten Partner.

Mitarbeiter von IT-Dienstleistern verbringen nicht mehr viele Stunden auf der Autobahn oder in anderen Verkehrsmitteln, Hotelübernachtungen müssen nicht mehr automatisch zu den Tagessätzen addiert werden, und die effektive Arbeitszeit hat sich entsprechend erhöht. Da die gesamte IT-Branche sich jetzt ohnehin an eine virtuelle Zusammenarbeit gewöhnt hat, entstehen neue, flexible Strukturen. Projekte mit international verteilten Gruppen sind genauso normal wie im Laufe eines Projektes variabel hinzugesteuerte Ressourcen.

Die Gewöhnung an verteiltes Arbeiten hat bis 2026 auch die alten Mechanismen in den IT-Projekten modernisiert. An die Stelle von Präsenz-Trainings treten mehr und mehr flexible, vom einzelnen Mitarbeiter individuell beeinflussbare Online-Trainings. Auch dort sind die Kostenreduzierungen ein wesentlicher Treiber. Zusätzlich bringen neue Trainingsmethoden aber auch eine Verbesserung der Lernqualität.

Statt eines großen Releases pro Jahr werden Applikationen nun kontinuierlich in kleineren Schritten weiterentwickelt. Systeme werden nicht mehr an einem Standort pilotiert und später über Jahre "ausgerollt". Stattdessen starten Applikationen als Minimum Viable Product (MVP) parallel für alle Anwender gleichzeitig und entwickeln sich über die Zeit.

Prozesse werden transparent

Da im Jahr 2026 wesentlich mehr Prozesse unternehmensweit vereinheitlicht sind, entsteht eine höhere Transparenz. Daten sind jetzt direkt vergleichbar, und die Unternehmen beginnen, datengetriebene Entscheidungsprozesse einzuführen. In der Automobilindustrie tragen die Investitionen in die Connectivity der Flotten jetzt erste finanzielle Früchte. Zusätzlich zu den Features für die Fahrer oder Eigentümer nutzen die Hersteller die technischen Möglichkeiten für die Umstellung bisheriger Wartungsprozesse auf neue kostenoptimierte Abläufe. Werkstattaufenthalte können reduziert werden, die Nutzungsdauer der Fahrzeuge wird optimiert. Zusammen mit dem Wiedererstarken der Car-Sharing-Modelle bringt das direkte Vorteile für deren Betreiber. In diesem Fall ist die Krawatte also wieder in Mode gekommen.