Weniger Sitzungen und weniger Druck

So schaffen Berater den Absprung zur Anwenderfirma

12.02.2014 von Michael Schwengers
Berater zieht es nach einigen Jahren mit vielen Kundensitzungen und Termindruck oft zum Anwender. Gefragt sind sie dort vor allem wegen ihres hohen Leistungsniveaus und des kritischen Blicks, wie das Beispiel von Philip Vospeter zeigt.

Wenn man fragt, was sich mit dem neuen Job von Philip Vospeter geändert hat, dann drängt sich als Antwort die Umsetzung von Kraft auf. Denn bis zum Frühjahr 2012 betreute der Diplomkaufmann für die Prozess- und IT-Beratung Mieschke Hofmann und Partner (MHP) vor allem Unternehmen aus der Automobilbranche. Für seine damaligen Kunden bedeutete Motorleistung in erster Linie Beschleunigung und Geschwindigkeit. Bei seinem neuen Arbeitgeber, dem Landmaschinenhersteller Claas, ist das anders. Hier wird die Kraft genutzt, um schwere Lasten zu ziehen oder den Boden zu bearbeiten - die Endgeschwindigkeit von Traktoren und Mähdreschern spielt kaum eine Rolle.

Philip Vospeter ist abgesprungen und von MHP zum Landmaschinenhersteller Claas gewechselt. Seit Frühjahr 2012 verantwortet er dort die IT-Anwendungen der Vertriebsgesellschaften und Handelsorganisationen. Zuvor war der Diplom-Kaufmann neun Jahre in verschiedenen Beratungs- und Management-Positionen im SAP-Beratungsumfeld tätig.
Foto: MHP/Claas

Wegen dieses Unterschieds ist Vospeter aber nicht aus der Beratung in die Industrie gewechselt: "Ich war über vier Jahre bei MHP, habe dort schnell viel gelernt und mir noch weitere Ziele gesetzt. Dann kam im Jahr 2012 das verlockende Angebot von Claas und damit die Chance, mehr gestalten zu können." Bei der Porsche-Tochter MHP war der heute 36-Jährige auf das Thema Außenhandel spezialisiert und arbeitete mit seinem Team an sehr spezifischen Aufgaben. Der Verantwortungsbereich für Vospeter ist bei Claas nun breiter. So kümmert er sich als Leiter einer 20-köpfigen Abteilung weltweit um sämtliche Unternehmensanwendungen der Vertriebsgesellschaften und des After-Sales-Geschäfts: "Dass ich im neuen Job häufig auf allen Kontinenten unterwegs sein würde, war für mich ein zusätzlicher Anreiz."

Typischer Wechsel in die Industrie

Christoph Joos, Partner bei MHP, hält Beratungsunternehmen für das ideale Karrieresprungbrett.
Foto: MHP

Für Christoph Joos, als Partner bei MHP unter anderem für den Bereich Human Resources verantwortlich, ist die Karriere des Ex-Beraters Vospeter exemplarisch dafür, dass Consulting-Häuser häufig als Karrieresprungbrett dienen: "Wir wissen genau, dass einige unserer Mitarbeiter in die Industrie wechseln. Das ist ein ganz typischer Schritt. Dennoch bedauern wir jeden einzelnen Fall." Positiv ist für Joos, dass in den meisten Fällen ein enger Kontakt zu den ehemaligen Mitarbeitern bestehen bleibt. Das Alumni-Netzwerk von MHP ist aktiv, man tauscht sich beispielsweise via Xing regelmäßig aus, trifft sich auf dem jährlichen Sommerfest des Unternehmens oder anderen Netzwerk-Veranstaltungen: "Ehemalige Mitarbeiter sind für uns Multiplikatoren, die bei ihrem neuen Arbeitgeber und in ihrem Netzwerk im besten Fall positiv über uns berichten. Und ehemalige Mitarbeiter sind natürlich immer auch potenzielle Kunden."

Wechsel wegen weniger Reisezeit

Tatsächlich zeigen die Zahlen, dass etwa die Hälfte der Berater, die MHP verlassen, zu einem Kunden gehen - entweder, weil das Unternehmen schon Kunde war, oder weil es nach dem Wechsel zum Kunden wurde. Dass sich ein Teil der Berater irgendwann für eine Karriere bei einem klassischen Unternehmen entscheidet, hat aus Joos` Sicht verschiedene Gründe: mehr Verantwortung, neue Aufgaben und Herausforderungen, attraktive Karriereperspektiven und reduzierte Reisezeiten. Nachrangig sei dagegen das Gehalt: "Natürlich möchte sich jeder bei einem Wechsel auch finanziell verbessern. Nach meiner Erfahrung ist das Geld aber nur für die allerwenigsten ausschlaggebend."

Jobwechsel
Mehr Mobilität?
Überdenken Sie Ihre Flexibilität. Längere Anfahrtswege oder geringeres Gehalt können trotzdem zielführend sein.
Keine Katastrophe
Ist die Kündigung bereits ausgesprochen, bewahren Sie die Ruhe.
Der Flurfunk
Reagieren Sie möglichst frühzeitig auf die Zeichen des Marktes. Nehmen Sie die Gerüchteküche ernst. Agieren Sie selbst.
Absichern?
Verlassen Sie sich nicht auf vermeintliche Sicherheiten. Manch einer steht schneller auf der Straße, als er meint.
Haltung bewahren
Hängen Sie Ihren Frust nicht an die große Glocke – weder vor noch nach einer Kündigung.
Außen vor
Informieren Sie Kollegen oder gar den Vorgesetzten auf keinen Fall zu früh, denn von da an sind Sie von allen wichtigen Informationen abgeschnitten.
Präsenz zeigen
Stellen Sie Ihr Profil in die relevanten Online-Portale ein. Tun Sie dies frühzeitig. Erste Erfolge zeigen sich frühestens nach vier bis sechs Monaten.
Externe Unterstützung
Nehmen Sie Kontakt mit ausgewählten Personalberatern Ihrer Branche auf. Signalisieren Sie Ihr Interesse an neuen Herausforderungen in allen relevanten Netzwerken, aber werden Sie nicht zu deutlich, ehe die Kündigung tatsächlich ausgesprochen ist.
Profilieren Sie sich
Wenn noch nicht absehbar ist, ob und wann Sie wechseln werden, nutzen Sie bereits die Zeit, um sich zunächst im eigenen Haus zu profilieren. Beteiligen Sie sich an Projekten, die für die Zukunft relevant sind, schlagen Sie sinnvolle Sparmöglichkeiten vor. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Engagement auch extern publik wird. Netzwerke und Arbeitskreise bieten dafür gute Möglichkeiten.
Eine gute Bewerbung
... ist immer noch sehr wichtig. Überarbeiten und vervollständigen Sie Ihre Bewerbungsunterlagen.
Eigenwerbung stinkt?
Das war einmal. Kümmern Sie sich um Ihr Selbstmarketing. Erarbeiten Sie Ihr eigenes Stärkenprofil. Besonders in der Krise geht es um Effizienz. Im Bewerbungsgespräch müssen Sie kurz und knapp darlegen können, worin Ihre Stärken liegen. Unterstützung bieten Karriereberater.
Bereit sein
Besorgen Sie sich ein Zwischenzeugnis.
Ups, zu spät ...
Wenn Sie selbst gehen, bereiten Sie die Trennung sorgfältig vor. Beachten Sie die Fristen.
Viele Wege führen zum neuen Job
Nutzen Sie alle Bewerbungswege: Print, online, persönlich.
Hilfreich: ein langer Atem
Befassen Sie sich mit der Psychologie des Vorstellungsgespräches, und zwar nicht nur in der ersten Runde.
Falsche Kompromisse?
Bei potenziellen Stellenangeboten: Bleiben Sie kritisch, sich selbst und Ihrem Können gegenüber – aber auch dem suchenden Unternehmen.
Im Guten trennen
Ist die Entscheidung zum Wechsel gefallen, nutzen Sie auch Ihren Abgang zur Profilierung.
Es ist soweit
Wenn Sie dann tatsächlich gehen: Hinterlassen Sie einen bestellten Acker.
Neu ankommen
Agieren Sie im neuen Unternehmen besonnen. Lernen Sie, hören Sie gut zu.
Los gehts!
Nehmen Sie die eigenen Gefühle ernst – auch wenn sie negativ sind. Bei Zweifeln: Starten Sie neu!

Die unterschiedlichen Motive wechselwilliger Berater fallen mit einer für sie günstigen Situation am Arbeitsmarkt zusammen. Sie sind von Industrieunternehmen extrem nachgefragt und umworben. "Über Xing habe ich während meiner Zeit bei MHP jede Woche mehrere Anfragen erhalten", erzählt der Jobwechsler Vospeter. Nach Joos` Einschätzung resultiert das große Interesse daraus, dass Berater aufgrund der selektiven Auswahlverfahren im Recruiting und der besonderen Rahmenbedingungen ihres Jobs durchweg ein hohes Leistungsniveau erreichen.

Frühe Projektverantwortung

So übernehmen schon Berufseinsteiger nach kurzer Zeit eigenständig Aufgaben in Projekten. Das erfordert von ihnen nicht nur, sich fachlich hervorragend mit ihrem Thema auszukennen und permanent ihr Wissen zu erweitern. Sie benötigen auch eine ausgeprägte Sozialkompetenz, damit sie beispielsweise im Termin mit den Kunden auch zwischen den Zeilen lesen und bei Konflikten vermitteln können. Um die erforderlichen Fähigkeiten konsequent zu schulen, haben die meisten Beratungen spezielle Ausbildungsprogramme etabliert. Aus dem Angebot wählen die Mitarbeiter dann die Module aus, die die persönliche Entwicklung am besten unterstützen.

"Zum hohen Niveau der meisten Berater trägt sicher auch bei, dass die persönliche Entwicklung und das Erreichen weiterer Hierarchieebenen direkt miteinander verknüpft sind", sagt Joos. Damit die Performance transparent erfasst wird, erhält bei MHP jeder Berater ein Profil, in dem 36 Kompetenzfelder aufgeführt sind. In regelmäßigen Abständen bewertet der jeweilige Vorgesetzte danach seine Mitarbeiter und bespricht anschließend die Ergebnisse: "Wichtig ist uns dabei, dass wir auf jeden individuell eingehen, mit ihm nach passenden Karrierewegen suchen und ihn dann gezielt fördern."

Kritische Stimme und Impulsgeber

Nach Vospeters Meinung sind Berater für Industrieunternehmen auch deshalb interessant, weil sie im Lauf der Zeit tiefe Einblicke in eine Vielzahl von Unternehmen gewonnen haben. Damit verfügen sie über Vergleichsmöglichkeiten und können verlässlich sagen, was gut funktioniert und wo Schwierigkeiten drohen. Und: Arbeiten Unternehmen mit externen IT-Dienstleistern zusammen, nutzt den ehemaligen Beratern ihr Insiderwissen. Sie können einschätzen, ob die geforderten Kompetenzen vorhanden und ob die abgegebenen Angebote sowie Aufwandschätzungen realistisch sind.

Für eine Karriere in der Industrie sind nach Joos` Meinung ein paar Jahre in einer Beratung durchaus lohnend. Die Kunst besteht dann darin, den richtigen Zeitpunkt für einen Wechsel zu erwischen. Seine Karriere taktisch zu planen und das eigene Profil ausschließlich an der vermeintlichen Nachfrage des Marktes auszurichten führe dagegen nicht unbedingt ans Ziel. Zuletzt bedarf es noch der richtigen Dosis Ehrgeiz und Selbstbewusstsein: "Das gilt für den Einsatz in jedem Projekt." Berater sollten konsequent bei ihren Vorgesetzten den nächsten Karriereschritt einfordern.