Damals wie heute

Technik-Dinosaurier, die nicht aussterben wollen

24.11.2021 von Dan Tynan und Benjamin Schischka
Veraltete Technologien werden selbst in der heutigen Zeit noch rege genutzt. Wir zeigen Ihnen, welche Geräte eigentlich längst ausgestorben sein sollten.
Das Telegramm war gestern: Per E-Mail erreicht die Botschaft heute den Empfänger.
Foto: ErickN - Fotolia.com

Sie haben eine dringende Nachricht, die Sie an jemand anderen weitergeben müssen? Dann ist das Versenden eines Telegramms im Normalfall bestimmt nicht Ihre erste Wahl. Und wenn es darum geht, die Geburtstagsgäste in Partylaune zu versetzen, schmeißen Sie wohl kaum eine analoge Kassette in Ihren Kassettenspieler oder legen eine Schallplatte auf Ihren Phonographen auf - oder doch?

Solcherlei Technologien haben sich schon lange entweder weiterentwickelt, wurden von anderen, besseren Geräten abgelöst oder sind schlicht und ergreifend komplett von der Bildfläche verschwunden. Aber es gibt sie noch, die Technologien von anno dazumal, die bis heute überlebt haben - Faxmaschinen, Festnetz-Telefonanschlüsse und Sofortkameras zum Beispiel. Solche Geräte weigern sich partout endlich das Zeitliche zu segnen, obwohl es bereits bessere, digitale Alternativen gibt. Wir zeigen Ihnen neun dieser altertümlichen Technologien, die eigentlich schon längst ausgestorben sein sollten, aber immer noch am Dasein festhalten.

Telegraf

Telegramme waren in den 1930er Jahren die Nummer Eins unter den Kommunikationsmitteln - besonders in den weitläufigen Staaten der USA. Und die amerikanische Western Union war zu dieser Zeit der größte Anbieter für das Versenden von Telegrammen. Zu Hochzeiten des Telegramms im Jahre 1929 wurden insgesamt knapp 200 Millionen Telegramme über Western Union verschickt. Bis 2005 sank diese Zahl auf nur noch 21.000 Telegramme pro Jahr. Das letzte analoge Telegramm verschickte Western Union am 27. Januar 2006, danach stellte der Anbieter seinen Betrieb ein.

Das heißt: nicht ganz. Denn die Firma iTelegram übernahm das Telex-Netzwerk von Western Union, auf das jeder Nutzer nun über das Internet zugreifen kann. Ein erste Klasse Priority-Telegramm, das noch am gleichen Tag übermittelt wird, kostet für die Strecke von New York nach Los Angeles zum Beispiel 25 US-Dollar - plus weitere 88 Cent für jedes Wort, das das Schreiben enthält. Ein teures - und ehrlich gesagt nur wenig sinnvolles - Unterfangen.

Schreibmaschine

Im Zeitalter von Tablet-PCs und Smartphones sind Schreibmaschinen ein bisschen wie das Steinzeit-Auto von Fred Feuerstein - etwas für Höhlenbewohner. Trotzdem werden Schreibmaschinen heutzutage nicht nur benutzt, sondern sogar noch gekauft. Im Jahr 2009 zum Beispiel machte das Polizeirevier von New York City Schlagzeilen als sich herausstellte, dass sie knapp eine Millionen US-Dollar in neue Schreibmaschinen investiert hatten - hauptsächlich, um die kohlehaltigen Durchschreibformulare zur Beweissicherung weiterhin benutzen zu können.

Davon abgesehen scheint der Markt für Schreibmaschinen aber in erster Linie aus versnobten Schriftstellern zu bestehen, die behaupten, Technologien, die nach Hemingway erschienen sind, würden ihre Kreativität einschränken. Ein Beispiel: Im Dezember 2009 wurde die Schreibmaschine des Autors Cormac McCarthy - eine Olivietti Lettera 32 portable - für sagenhafte 255.000 US-Dollar versteigert. Nicht gerade ein Schnäppchen, auch wenn in dem Preis ein Jahresvorrat an weißer Korrekturflüssigkeit enthalten war. McCarty selbst ging übrigens gleich nach der Auktion los, um eine neue 20-Dollar-Schreibmaschine zu erstehen.

Faxgerät

Aller Fortschritte im Bereich des Internet-Fax und etlicher hochwertiger Scanner zum Trotz: diese Büromaschine der 1980er Jahre weilt noch immer unter uns - und knapp eine halbe Million neue Geräte wurden allein in den letzten 12 Monaten gekauft. Und zwar nicht nur von Leuten, die noch mit Schulterpolstern herumlaufen und Cyndi-Lauper-Kassetten hören. Diese kreischenden, nervigen Geräte begeistern noch immer vor allem Immobilienmakler, Anwälte, Versicherungsfirmen und andere Personen und Organisationen, die stets höchst besorgt um die Echtheit unterschriebener Dokumente sind, sofern diese nicht mit reiner, feiner Tinte gesetzt wurde.

"Die unglaubliche Haltbarkeit der Faxgeräte bestätigt unter anderem, dass die digitale Signatur gescheitert ist", sagt Ross Rubin, Analytiker beim US-Marktforschungsunternehmen NPD Group. "Mit der könnten wir ansonsten ganz umstandslos Vetragskopien oder ähnliche wichtige Dokumente per E-Mail verschicken. Aber genau wie bei elektronischen Zählmaschinen, die bei Wahlen zum Einsatz kommen, bleibt immer ein gewisses Skepsis-Level in der Bevölkerung, die an der Realisierbarkeit von digital beglaubigten Dokumenten zweifelt."

Ein Schritt in die richtige Richtung könnte der neue E-Brief der deutschen Post sein, der das Versenden rechtsgültiger Dokumente per E-Mail ermöglicht. Ob diese Technologie die veralteten Faxgeräter aber tatsächlich endlich vom Thron stoßen kann? Das muss sich erst beweisen. Auf alle Fälle sollte man aber die Worte von Steve Adams berücksichtigen, dem Vize-Marketing-Präsidenten von Protus, der Muttergesellschaft des Online-Fax-Dienstes MyFax:

"Faxgeräte sind ja sowas von 80s. Wenn Sie noch immer eines benutzen, sollten Sie es schnellstmöglich in die angestaubte Kellerkiste zu den Schienbeinwärmern und dem VHS-Exemplar von The Breakfast Club stellen. Wechseln Sie lieber zu einem Internet-Fax-Dienst."

Festnetzanschluss

Nach Angaben des amerikanischen National Center for Health Statistics haben fast 25 Prozent aller Amerikaner ihren Festnetzanschluss gegen ein Mobiltelefon ausgetauscht. Knapp 22 Millionen Amerikaner zahlen stattdessen für einen VoIP-Service wie Vonage, um mit anderen in Kontakt und erreichbar zu bleiben. Was bleibt, sind aber immer noch etwa 100 Millionen US-Bürger, die sich auf antike, analoge Festnetz-Kabel-Anschlüsse verlassen - nicht wenige davon auch gleichzeitig mit einem Faxgerät verbunden.

Warum? Wohl weil wir uns von keiner überholten Technologie so schwer verabschieden können, wie von der Festnetz-Telefonie. Nur fünf Prozent aller Erwachsenen über 65 Jahre leben in kompletten Wireless-Haushalten. Da aber Schnelligkeit und Aktualität in unserer Gesellschaft einen immer größeren Stellenwert einnehmen und man am besten keinen Anruf mehr verpassen möchte, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Festnetzanschlüsse von mobilen Handy-Verträgen komplett abgelöst wurden.

Plattenspieler

CDs und MP3s sollten ursprünglich die LP, also die Langspielplatte - oder auch Schallplatte - ein für allemal ablösen. Stattdessen halten die Vinylscheiben länger am Leben fest als Abe Vigoda - und mit ihnen der ehrwürdige Plattenspieler. Nach Angaben der Marktforschungsgruppe Nielsen SoundScan wuchsen die Verkäufe von alten Schallplatten im letzten Jahr sogar von vormals 1,9 Millionen auf 2,8 Millionen LPs. Natürlich ist das im Vergleich zu den verkauften CDs und MP3s - knapp 374 Millionen und 1,2 Milliarden - nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Aber mal ehrlich: qualitativ hochwertigen Sound spucken die meisten alten Plattenspieler nicht mehr aus. Wer sich trotzdem von den antiken Drehtellern nicht trennen mag, kann sich stattdessen einen digitalen Plattenspieler zulegen, der mit dem PC verbunden wird und die guten, alten Schallplattensongs in leistungsstarke MP3s umwandelt.

Registrierkasse

Von computerbasierte Kassensystemen, die automatisch die Bestände im Auge behalten, die umsatzstärksten Produkte und besten Kunden identifizieren und das ewige Nachrechnen wunderbar vereinfachen gibt es mittlerweile reichlich Auswahl. Trotzdem setzen viele Einzelhändler noch immer auf ein Gerät, das im Wesentlichen aussieht wie eine Zigarrenbox und gerade mal drittklassige Mathematik beherrscht: eine Registrierkasse.

"Das Prinzip der Registrierkassen hat sich seit seiner Erfindung vor 127 Jahren nicht verändert", stellt Tom Greenhaw fest. Er ist der Gründer von CashierLive, einer Firma, die Web-basierte Kassensystem-Software anbietet. "Mittlerweile werden sie zwar mit Elektrizität bedient, aber sie können dem Händler noch immer nicht sagen, was sein Laden gerade auf Lager hat - und das werden sie auch nie können. Computer mit Kassensystem-Software sind teuer, was wohl der Grund ist, warum viele kleinere Einzelhändler noch immer mit alten Registrierkassen hantieren. Doch die Web-Kassen-Technologie wird die alten Kassen definitiv irgendwann eliminieren."

Polaroid-Kamera

Wie auch ihre entfernten Cousins, die versnobten Schriftsteller, gibt es versnobte Fotografen, die dem digitalen Komfort einen schmuddeligen Dunkelraum und seltsam riechende Entwicklerflüssigkeit vorziehen. Und damit sind sie nicht mal so ganz alleine. Selbst das ehrenwerte Polaroid-Foto erlebt gerade sein persönliches Comeback. Die ursprüngliche Polaroid-Firma ging allerdings im Jahr 2008 zum zweiten Mal bankrott und wurde im April 2009 von einer privaten Holding-Gesellschaft aufgekauft.

Trotzdem: die neue Mutterfirma hat eine modernisierte Version der ursprünglichen Polaroid PIC 300 OneStep-Kamera eingeführt, die tatsächlich eine altmodische Filmrolle benutzt. Diese handliche Reise in die Vergangenheit kostet knapp 70 Euro, plus etwa 75 Cent für jedes geschossene Foto. Polaroid hat eigens zu Werbezwecken für dieses Gerät sogar Pop-Sängerin Lady Gaga als kreative Leiterin engagiert. Und wenn Polaroid sogar Lady Gaga überlebt, wird es uns wohl noch für lange, lange Zeit erhalten bleiben.

Optisches Laufwerk

Glänzende Plastik-Scheiben verschiedenster Art - CD, DVD, sogar Blu-ray - wurden dafür gemacht, den Floppies, Zip-Disks, Click Drives und anderen, portablen Speichermedien schneller ins digitale Grab zu helfen. Heutzutage beschaffen sich hingegen schon viele Leute ihre Software über Downloads und ihre Filme aus dem Internet gestreamt. Ein bequemes und überaus einfaches System. Trotzdem halten sich Disks und Disk-Laufwerke hartnäckig.

"Heutzutage können Sie fast alles herunterladen. Und was Sie nicht herunterladen können, können Sie streamen", sagt Rob Enderle, Haupt-Analyst bei der Enderle Group. "Flash-Laufwerke sind rasend im Preis gefallen und wir brauchen im Normalfall sowieso nicht mehr als 64 Gigabyte Speicher. Das kriegen Sie sogar schon als iPod. Also warum verabschieden wir uns nicht endlich von Disk-Laufwerken und bewegen uns endlich hin zu etwas leichterem, robusterem und weniger lautem?"

Röhrenmonitor

Auch wenn in den USA und Deutschland der antike Röhren-CRT-Monitor aus Büros, Wohnzimmern und Händlerregalen weitestgehend verbannt wurde: er verkauft sich noch immer. Was passiert mit diesen CRTs? Fast alle davon gehen nach Asien und Lateinamerika. Warum? Weil sie sowohl langlebig und robust sind und noch immer bessere Bildqualität liefern als LCDs und Plasmas. Ebenfalls heiß begehrt: alte, aussortierte CRTs, da deren mit Blei ausgekleidetes Glas zur Herstellung neuer CRTs gebraucht wird. (PC-Welt)