Abschied auf Raten

Über das gestörte Verhältnis von Siemens und Osram

08.11.2016
Siemens-Chef Kaeser würde Osram wohl kaum eine Träne nachweinen. Das Verhältnis zwischen dem Elektrokonzern und seiner ehemaligen Tochter gilt schon länger als angespannt. Ein endgültiger Abschied dürfte deshalb nur noch eine Frage der Zeit sein.

Trennen sich die Wege von Siemens und Osram bald endgültig - und wenn ja, mit welchen Folgen? In dieser Woche legen Osram (9. November) und Siemens (10. November) ihre Jahresbilanzen vor - doch noch stärker als die Zahlen dürfte die Zukunft des Lichtkonzerns im Fokus stehen. Schon seit Wochen wird spekuliert, dass der verbliebene Osram-Anteil von Siemens bald den Besitzer wechseln könnte. Wann eine Entscheidung fällt, ist zwar offen - dass sie aber irgendwann kommt, bezweifelt kaum jemand.

Warum will Siemens sein Aktienpaket loswerden?

Für den Elektrokonzern gehört die ehemalige Tochter schon lange nicht mehr zum Kerngeschäft. Gut drei Jahre nach der Abspaltung über die Börse hält Siemens mittlerweile noch 17,5 Prozent an Osram. Zuletzt trübte Streit um die Zukunftsstrategie das Verhältnis zwischen beiden Unternehmen empfindlich. Siemens-Chef Joe Kaeser hält den Plan von Osram-Chef Olaf Berlien für eine LED-Chipfabrik in Malaysia für zu risikoreich. Auf der Hauptversammlung entzog Großaktionär Siemens Berlien deshalb demonstrativ das Vertrauen. Anlass für Zeitdruck gibt es derweil kaum: Bei Siemens läuft es derzeit auch dank einer Reihe von Großaufträgen gut, so dass Kaeser die Gewinnprognose für das gerade abgeschlossene Geschäftsjahr 2015/16 (30. September) anheben konnte. Das Jahr 2017 allerdings sei "ein neues Spiel", wie der Siemens-Chef vor einigen Wochen sagte.

Wer sind die Interessenten?

Bisher waren vor allem zwei potenzielle Investoren aus China im Gespräch, nämlich der Finanzinvestor GSR Go Scale Capital und der Halbleiterhersteller San'an Optoelectronics, der auch erste Kontakte bestätigt hatte. Auch darüber hinaus hat Osram bereits Erfahrungen mit chinesischen Investoren - erst im Sommer entschied sich der Konzern zum Verkauf der traditionellen Lampensparte Ledvance an den chinesischen LED-Spezialisten MLS. Auch der Autozulieferer Continental soll über ein Engagement bei Osram nachgedacht, mit um die 50 Euro je Osram-Aktie aber aus Siemens-Sicht zu wenig Geld geboten haben.

Warum ist Osram für die Chinesen interessant?

Als lukrativ gilt vor allem die Sparte Automobilbeleuchtung. Zudem hält das Unternehmen rund 18000 Patente. Mit einem Einstieg könnten Chinesen also zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen - Geld anlegen und sich die Technologie aneignen.

Wann könnte eine Entscheidung fallen?

Das ist unklar. Zuletzt war es wieder etwas ruhiger um die seit September anhaltenden Verkaufsspekulationen geworden. Das könnte auch daran liegen, dass hinter den Kulissen noch über Preisvorstellungen und weitere Details gerungen wird. Vom Tisch ist das Thema damit aber noch lange nicht.

Wie steht die Politik zu einem Einstieg chinesischer Investoren?

Zuletzt wuchs in Berlin der Widerstand gegen die Übernahme zukunftsträchtiger Unternehmen durch Chinesen. Auch Osram selbst hatte das beim Verkauf seiner Lampensparte zu spüren bekommen, den die Bundesregierung nun noch einmal genau unter die Lupe nehmen will. Künftig will Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) zudem heimische Schlüsseltechnologien besser vor einem Ausverkauf schützen. Es müsse klar sein, "dass Deutschland und Europa sich für die Zukunft Instrumente schaffen werden, um sicherheitsrelevante Technologien zu schützen, wo dies geboten ist", hatte Gabriel vor seiner China-Reise in der vergangenen Woche betont. Bei einem Besuch in Peking und Hongkong forderte er zudem Chancengleichheit für deutsche Unternehmen in China. (dpa/rs)