Evolution

Warum Wearables Smartphones ablösen

07.07.2016 von Mike Elgan und Simon Lohmann
Es ist noch gar nicht so lange her, da haben Smartphones das Verständnis im Umgang mit der Technik auf den Kopf gestellt. Mittlerweile nehmen die Mini-Computer in Hosentaschen-Größe einen derart wichtigen Stellenwert in unserem Leben ein, dass nur die wenigsten sich vorstellen könnten, auf sie verzichten zu können. Und dennoch wird sie schon in naher Zukunft niemand mehr benutzen.
Die Zukunft der Smartphones wird durch Wearables gefährdet.
Foto: Doppler Labs

Wenn man den neuesten Gerüchten rund um das iPhone 7 Glauben schenken mag, dann wird das nächste Apple-Handy keinen Kopfhörer-Eingang mehr haben.

Manche Anwender begrüßen womöglich eine solche Veränderung. Schließlich stammt das System rund um den 3,5-mm-Klinken-Stecker bereits aus dem Jahr 1978. Zu dieser Zeit wurde bereits bei Telefonarbeiten mit einem 6,35-mm-Klinken-Stecker gearbeitet. Vielleicht ist allmählich die Zeit für Veränderungen gekommen.

Natürlich gibt es auch die Stimmen, die sagen, dass durch die Abschaffung des traditionellen Kopfhörereingangs die Nutzer eingeschränkt werden und das alle Geräte mit einem "altmodischen" Stecker somit nutzlos und unbrauchbar werden.

Was genau Apple als zukunftsbringend sieht, ist bisher noch unbekannt. Sollte das neue iPhone tatsächlich keinen 3,5-m-Kopfhörereingang besitzen, werden die iPhones wahrscheinlich entweder mit kabellosen Kopfhörern, welche man via Bluetooth mit dem Gerät koppeln kann, ausgeliefert. Oder Apple stellt neue Kopfhörer mit einem Lightning-Stecker vor. Oder vielleicht sogar beides.

In diesem Fall wäre Apple jedoch keineswegs das erste Unternehmen, welches solche Schritte ginge. Beim Moto Z hat bereits Motorola auf den Kopfhörereingang verzichtet. Ein paar kleine Unternehmen aus China folgen diesem Beispiel. Bei einem kann man sich aber recht sicher sein: Wenn Apple sich mit den neuen iPhone-Generationen von dem traditionellen Kopfhörereingang trennen sollte, wird es der gesamte Smartphone-Markt nachmachen.

Doch während sich die meisten über einen möglicherweise fehlenden Kopfhörereingang streiten, bleibt währenddessen eine Tatsache beinahe unbemerkt: Die Benutzer-Oberfläche wird nach und nach aufgetrennt und sogar unsichtbar. Diese Trends werden unsere Smartphones schon sehr schnell veraltet darstellen lassen.

Nehmen Sie lediglich das Beispiel der sogenannten "Earbuds", Apples kolportierte In-Ear-Kopfhörer.

Top 10: Wearable Trends 2016
Wearable Trends 2016
Der Markt für Wearables wird im Laufe der nächsten Jahre weiter wachsen - wenn man den Analysten Glauben schenken mag. Wir haben die Top Ten der Wearable Trends für 2016 für Sie zusammengefasst.
1. Der Wearables-Markt wächst weiter
Zahlreiche Analysten sehen den Wearables-Markt weiterhin im Aufwind. Der Branchenverband Bitkom prognostizierte für das Jahr 2015 einen Umsatz von rund 71 Millionen Euro auf dem deutschen Markt. In den USA nutzen inzwischen bereits knapp 40 Millionen Menschen Smartwatches, Fitness Tracker und andere Wearables. Im Vergleich zum Vorjahr schnellte die Zahl der Wearable-User um satte 57,7 Prozent nach oben. Bis zum Jahr 2019 sollen laut IDC weltweit rund 156 Millionen Wearables verkauft werden.
2. Smartwatches können Fitness-Tracker nicht verdrängen
Viele Analysten rechneten damit, dass Fitness- und Activity-Tracker (die tatsächlich nichts anderes tun, als Schritte, Kalorien und Herzschläge zu zählen) mit Erscheinen der Apple Watch vom Markt verschwinden. Taten sie aber nicht. Um das Ganze mit einem Vergleich zu untermauern: Apple verkaufte laut IDC im zweiten und dritten Quartal 2015 ungefähr 7,5 Millionen Exemplare der Watch. Fitbit - Marktführer bei Fitness- und Activity-Trackern - konnte im selben Zeitraum 9,2 Millionen Tracker absetzen.
3. Neue Konkurrenten für Fitbit
Während die Fitbit-Aktie zu Beginn des Jahres 2016 massive Kurseinbrüche erlebt hat, macht sich die Konkurrenz bereit für den Markteintritt. Allen voran die Chinesen von Xiaomi. Die bieten mit dem Mi Band einen Fitness-Tracker für umgerechnet ca. 14 Euro an. Momentan macht Xiaomi laut IDC 97 Prozent seines Umsatzes in der eigenen Heimat. Wenn die Expansion gelingt, könnte es für Fitbit eng werden. Dazu kommt, dass weitere, vielversprechende Player ins Geschäft einsteigen wollen - zum Beispiel Garmin, Withings oder Under Armour.
4. Wearable Apps werden besser und teurer
Das US-Marktforschungsinstitut NPD Group geht davon aus, dass Apps für Fitness-Tracker und andere Wearables sich deutlich weiterentwickeln werden - insbesondere was Funktionalitäten und User Experience angeht. Um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben, werden die Hersteller allerdings neue Einnahmequellen finden müssen. Die NPD Group geht davon aus, dass viele Wettbewerber dem Beispiel von Fitbit folgen werden. Der US-Marktführer bietet inzwischen ein kostenpflichtiges Premium-Abonnement an. User, die Wert auf einen personalisierten Trainingsplan oder tiefgehendere Schlaf-Analysen legen, zahlen dafür rund 50 Euro pro Jahr.
5. Hacker nehmen Wearables ins Visier
Mit steigender Beliebtheit der Wearables werden diese auch immer interessanter für Hacker und Cyberkriminelle. Bruce Snell - Direktor für Datenschutz und -sicherheit bei der Intel Security Group - sieht vor allem in der Bluetooth LE-Technologie ein Problem: "Im Zusammenhang mit dieser Technologie wurden bereits mehrere, gut dokumentierte Sicherheitslücken gefunden. Es ist gut möglich, dass sich mit jeder neuen Software-Version neue Lücken auftun. Ein schlecht programmiertes Wearable kann Angfreifern eine Hintertür zu Ihrem Smartphone öffnen." Snell rechnet damit, dass in den nächsten Monaten zahlreiche, weit verbreitete Wearables kompromittiert werden.
6. Smart Clothing wird zum Trend
Der Bereich Smart Clothing wird laut dem Netzwerkausrüster Juniper wesentlich zum Wachstum des Wearable-Marktes beitragen. Die sensorbestückten Kleidungsstücke sollen allerdings nicht bei den Verbrauchern reißenden Absatz finden, sondern im Bereich des professionellen Sports. Bereits jetzt nutzen einige Spieler in NFL, NBA oder auch der UEFA Champions League solche smarten Kleidungsstücke, um ihre Performance besser kontrollieren zu können. Künftig sollen ganze Sportteams mit den Klamotten ausgerüstet werden.
7. Der Trend zum Schlaf
2016 könnte das Jahr des Schlafes werden. Die meisten Fitness- und Activity-Tracker sowie Smartwatches überwachen den Schlaf ihrer Nutzer bereits. Mit steigender Zahl der Sensoren werden diese Analysen deutlich ausgefeilter und tiefgehender ausfallen. Das ultimative Ziel scheint beim Unternehmen Nuyu bereits in Reichweite: Ein System zur Schlafverbesserung regelt die Körpertemperatur seines Nutzers, um die Schlafqualität zu erhöhen.
8. Wearables in der Nische
Die Differenzierung unter den Wearables dürfte im Jahr 2016 weiter zunehmen. Egal, ob es ein Wearable für die Dame von Welt sein soll, das vor allem stylish ist, oder eines, das vor zu hoher UV-Einstrahlung warnt.
9. Die Uhren-Revolution
Im vergangenen Jahr konnte man auf dem Uhrenmarkt ein Phänomen beobachten: Immer mehr Traditions-Hersteller begannen damit, ihren mechanischen Zeitanzeigern smartes, konnektives Leben einzuhauchen. Auch dieser Trend dürfte sich weiter verstärken.
10. Übergangslösung Wearables
Liz Dickinson, CEO des Wearable-Herstellers Mio Global, glaubt nicht daran, dass sich Wearables auf lange Sicht behaupten können: "Die heutigen Wearables sind lediglich eine Übergangs-Technologie. Das ultimative Ziel ist die vollständige Integration und Implantation in den menschlichen Körper. In Zukunft werden wir noch vernetzter sein und unsere Umwelt wird sich mit Hilfe eines neuen Systems, das in unseren Körpern eingebettet ist, unseren physiologischen und emotionalen Bedürfnissen anpassen."

Die Revolution der Earbuds

Ein Unternehmen namens Doppler Labs präsentierte letzte Woche ein neues Produkt namens " Here One". Es handelt sich hierbei um die "weltweit erste In-Ear Computer-Plattform". Die verwendete Technologie ist dabei eher mit einem iPhone zu vergleichen als mit den iPhone-Earbuds – und das ganze für rund 300 Dollar.

Wie auch schon mit den Earbuds kann mit Here One sowohl Musik oder Podcasts vom iPhone abgespielt als auch damit telefoniert werden. Allerdings steckt in der neuen Kopfhörer-Generation viel mehr Technik. Sehr viel mehr. In den Kopfhörern befindet sich spezielle Audio-Prozessor-Technologie in Form von mehreren Multicore-Prozessoren und diversen Mikrofonen. Und natürlich können die Kopfhörer auch mit einer eigenen Smartphone-App bedient werden.

Während die jetzigen Apple Kopfhörer nicht filigraner sind als zwei mit einem Kabel verbundenen Dosen, sind Here-One-Kopfhörer leistungsfähiger als ein PC vor wenigen Jahren.

Mit der App kann man genauestens kontrollieren, was man hören möchte. Beispielsweise kann man den Klang eines schreienden Babys ausblenden. Ist das Geräusch identifiziert und "deaktiviert", soll alles bis auf dieses Geräusch über die Kopfhörer erklingen. Wenn man sich beispielsweise in einem lauten Restaurant oder Café befindet, soll man über die App die Hintergrundgeräusche ausblenden und sich somit voll und ganz auf das eigentliche Gespräch konzentrieren können.

Derart fortgeschrittenen Audio-Tricks erfordern eine hohe Performance-Leistung seitens der Technik. So werden zum Beispiel alle Geräusche in der Umgebung aufgezeichnet, umgewandelt, dann erneut – entweder mit oder ohne Modifikation – wiedergegeben. Dies findet so schnell statt, dass dass man keine Verzögerung feststellen kann.

Darüber hinaus behauptet Doppler, dass es sich bei der neuen Technologie nicht nur um Filter handelt und somit bestimmte Frequenzen mehr oder weniger gut ausgeblendet werden. Stattdessen kann die Technik die analysierte Umwelt tatsächlich "verstehen" und dementsprechend verarbeiten.

Die Kopfhörer sollen im November erscheinen und rund 300 Dollar kosten.

Welchen Einfluss nimmt dies auf die Zukunft der Smartphones?

So unglaublich wie diese neue Kopfhörer-Generation auch klingen mag, gibt es bereits jetzt schon viel Kritik. Demnach seien die Kopfhörer überteuert, das Aufladen von kabellosen Kopfhörern sei viel zu umständlich und auch klanglich könnten Bluetooth-Kopfhörer nicht mit den "alten" Kabelkopfhörern mithalten.

Diese Kritik erinnert doch sehr an die anfängliche Einschätzungen von sogenannten Wearables, wie der Apple Watch. Auch das Projekt einer smarten Brille von Google wurde nach einiger Zeit eingestellt – zu groß war die Kritik der Journalisten. Der allgemeine Glaube ist, dass Wearables eine einzige Enttäuschung sind.

Wearables sind nur dann sinnvoll, wenn sie ein Gerät vollkommen ersetzen können. Wenn ich anstatt auf mein Smartphone ebenso auf das Display der Smart Watch schauen kann, dann erfüllt die Smart Watch ihren Sinn und Zweck. Wozu benötigt man aber eine Smart Watch, wenn das Smartphone trotzdem ständig benötigt wird?

Solche Veränderungen sind bereits allgegenwärtig. Stück für Stück wird der Nutzen des Smartphones durch Wearables abgelöst. Weshalb sollte man beispielsweise die Lautsprecher eines Smartphones nutzen, wenn die neuen Kopfhörer von Doppler eine entsprechende Akkuleistung besitzen und somit den gesamten Tag über getragen werden können?

Mit Hilfe von virtuellen Assistenten und Bots benutzen wir unser Smartphone über Wearables, anstatt das Smartphone direkt zu bedienen. Dopplers Labs neue Kopfhörer sind ein hervorragendes Beispiel für die Zukunft aller Wearables: Sie können so gut sein, dass die entsprechende Smartphone-Komponente unbrauchbar wird – und irgendwann vielleicht auch das gesamte Smartphone. (Macwelt)