US-Psychologin deckt auf

Wie Google unser Gedächtnis verändert

10.08.2011 von Kolja Kröger
Dank Google und dem Web merken wir uns Dinge anders, haben US-Psychologen herausgefunden. Mit Mechanismen, die wahrscheinlich tausende von Jahren alt sind.
In vier Experimenten untersuchte die Psychologin Betsy J. Sparrow die Auswirkungen von Google und Co. auf unser Gedächtnis.
Foto: Columbia University

Es ist eine provokante These: "Die Erfahrung, die Internetverbindung zu verlieren, wird mehr und mehr wie es ist, einen Freund zu verlieren", schreibt Betsy Sparrow, Psychologin an der Columbia University in New York. Mit Probanden hat sie erforscht, wie Google und das Internet unser Gedächtnis verändern, und die Ergebnisse soeben in der renommierten Zeitschrift "Science" veröffentlicht. Ihr Ergebnis: Wir erinnern uns weniger an bestimmte Fakten, und mehr daran, wo diese Fakten gefunden werden können.

"Wir verschmelzen langsam mit unseren Computern", so Sparrow. "Wir sind so von ihnen abhängig geworden, wie wir es vom Wissen unserer Freunde und Kollegen sind - und dieses Wissen verlieren, wenn der Kontakt abbricht." Die meisten von uns googlen längst mal schnell mit dem Laptop oder Smartphone den Namen einer Schauspielerin - oder die Antwort auf eine schwierige Frage. "Wir müssen eingestöpselt bleiben, um zu wissen, was Google weiß."

Das "Was" wird unwichtig - das "Wo" umso wichtiger

In vier Experimenten testete sie die Erinnerungsfähigkeit von Menschen im Umgang mit dem Computer. Dabei kam heraus, dass sie triviales Wissen leichter vergaßen, wenn sie glaubten, dass sie es später wieder nachschlagen könnten. Sie mussten Sätze aufschreiben wie "das Ei eines Strauß ist größer als sein Hirn" oder "das Space Shuttle Columbia zerfiel während des Wiedereintritts über Texas im Februar 2003". Manchmal wurden den Probanden später Aussagen wieder leicht verfälscht vorgelegt. Auch hier zeigte sich: Am genauesten erinnerten sie sich an die Sätze, von denen sie annahmen, sie wären nach dem Aufschreiben wieder gelöscht worden.

In einem weiteren Versuch erinnerten sie sich stärker an die Speicherorte von Informationen als an die Informationen selbst. "Man könnte sagen", schreibt Sparrow, "dass dies ein adaptiver Gebrauch des Gedächtnisses ist - der den Computer und Online-Suchmaschinen als externe Speicher einschließt, die bei Bedarf angezapft werden können." Dass Menschen sich tatsächlich verstärkt auf Computer verlassen - und nicht auf andere Speicherorte wie Lexika -, darauf weist der allererste Versuch hin.

Wie wichtig den Menschen der Computer und das Internet als Gedächtnishilfen sind, darauf schließt Sparrow anhand eines Reaktionstest: Wie schnell hatten die Probanden Computer-Begriffe parat, wenn sie die Antwort auf eine Frage nicht wussten? Es zeigte sich, dass Computer-Begriffe schneller zugänglich waren als andere, allgemeinere Wörter aus dem Wortschatz.

Prinzip so alt wie die Menschheit

Menschen leben in Gruppen - und verlassen sich wahrscheinlich schon seit Urzeiten auf das Gedächtnis ihrer Mitmenschen.
Foto: V. Yakobchuk - Fotolia.com

"Es sieht so aus, dass wir uns an den Computer wenden wollen, wenn wir eine Wissenslücke entdecken", schließt Sparrow daraus. Für den Test hatte sie die Probanden nach der Farbe gefragt, in der ein Wort geschrieben war. Je schneller sie antworteten, desto zugänglicher war ihnen das Wort - denn sie mussten bei der Frage nach der Farbe nicht so lange über den Sinn des Wortes nachdenken. Es handelt sich allerdings um einen - messbaren und signifikanten - Unterschied von Millisekunden.

Aber auch wenn wir immer öfter Dr. Google um Rat fragen - dieses Prinzip, Wissen auszulagern, scheint so alt zu sein wie die Menschheit selbst. Wie die Forscherin betont, bauen Menschen in einer langen Beziehung, in Teams auf der Arbeit und anderen Gruppen ein derartiges "transaktives Gedächtnis" auf: Eine Kombination aus dem persönlichen Erinnerungsspeicher und dem Speicher anderer Menschen. Wir haben Zugang zu diesem Wissen, weil wir andere Leute kennen, die es besitzen.

Das ist dann in etwa so wie der alte Uni-Spruch: "Der Student muss es wissen. Der Assistent muss wissen, in welchem Buch es steht - und der Professor muss wissen, wo der Assistent ist."