Gesundheitsreport

Anruf nach Feierabend erhöht Depressionsgefahr

25.04.2013 von Andrea König
Noch nie fehlten Arbeitnehmer laut DAK so oft wegen psychischer Leiden wie 2012. Gleichzeitig betonen die Autoren der Studie, Burnout sei kein Massenphänomen.

Die Krankschreibungen von Arbeitnehmern wegen psychischer Leiden haben 2012 einen neuen Höhepunkt erreicht. Wie die Ergebnisse des aktuellen DAK-Gesundheitsreports zeigen, haben sich Fehltage durch Depressionen und andere psychische Krankheiten in den vergangenen 15 Jahren mehr als verdoppelt.

Veränderung der Fehltage pro 100 Versicherte zwischen 2000 und 2012: Arbeitnehmer werden häufiger aufgrund von psychischen Krankheiten krankgeschrieben.
Foto: DAK

Gleichzeitig wiegeln die Studieninitiatoren ab: Nein, wir entwickelten uns nicht zu einem Volk von psychisch Kranken. Studien belegten sogar, dass psychische Störungen seit Jahrzehnten in der Bevölkerung nahezu gleich verbreitet sind. Die Begründung auf der Krankschreibung wäre lediglich eine andere: Viele Arbeitnehmer würden heute mit einem psychischen Leiden krankgeschrieben, während sie früher mit Diagnosen wie chronische Rückenschmerzen oder Magenbeschwerden arbeitsunfähig gewesen wären, heißt es im DAK-Gesundheitsreport. Diese Veränderung begründet sich in einem stärkeren Bewusstsein gegenüber psychischen Erkrankungen.

Forscher: Heute nicht mehr Menschen psychisch krank

"Es gibt keine Hinweise darauf, dass heute mehr Menschen psychische Störungen haben als vor 20 Jahren", zitiert der Report Frank Jacobi, Professor an der Psychologischen Hochschule Berlin. Auch der in den Medien viel beachtete Burnout sei kein Massenphänomen: Bis 2012 ist zwar ein steiler Anstieg zu verzeichnen, doch der ist vor allem darin begründet, dass im Jahr 2004 auf kaum einer Krankschreibung von einem Burnout die Rede war. Im vergangenen Jahr hatten die Ärzte bei jedem 500. Mann und jeder 330. Frau ein Burnout auf der Krankschreibung vermerkt, so der DAK-Report.

Burnout wird nicht als eigenständige Krankheit eingestuft, Ärzte notieren einen zusätzlichen Code auf der Krankschreibung. Insgesamt wurden durch den Zusatz Burnout 2012 Fehltage mit einem Volumen von etwa zehn Ausfalltagen pro 100 Erwerbstätige dokumentiert. Zum Vergleich: Die Depression verursachte mit 85 Fehltagen pro 100 Arbeitnehmer mehr als acht Mal so viele Ausfalltage.

Der DAK-Gesundheitsreport enthält auch Informationen darüber, welchen Preis die ständige Erreichbarkeit im Beruf mit sich bringt. Fast jeder Sechste wird mindestens einmal pro Woche außerhalb der Arbeitszeit angerufen. Schon ein mittleres Ausmaß an Erreichbarkeit nach Feierabend - bis zu ein Anruf pro Woche - ist laut DAK mit dem erhöhten Risiko verbunden, an einer psychischen Störung zu erkranken. Einem noch höheren Gesundheitsrisiko sind die etwa acht Prozent der ständig erreichbaren Mitarbeiter ausgesetzt: Jeder Vierte von ihnen leidet unter einer Depression.

Belastung durch Anrufe und Mails außerhalb der Arbeitszeit

Die Belastung durch E-Mails schätzt die DAK in ihrer Auswertung als geringer ein. Obwohl 11,7 Prozent der Arbeitnehmer täglich oder fast täglich berufliche E-Mails außerhalb der Arbeitszeit lesen, fühlen sich zwei Drittel von ihnen dadurch nicht belastet.

Für den DAK-Gesundheitsreport wertete die Krankenkasse nicht nur die Krankschreibungen ihrer 2,7 Millionen erwerbstätig Versicherten aus, sondern sprach auch mit Ärzten über die Ergebnisse. Die Mediziner sehen in Arbeitsverdichtung, Konkurrenzdruck und langen Arbeitszeiten eine Ursache für mehr Krankschreibungen mit psychischen Diagnosen. Psychische Belastungen verschärfen sich durch prekäre und kurzfristige Beschäftigungen. Als weitere Ursache für psychische Beschwerden nennen die befragten Ärzte fehlenden sozialen Rückhalt außerhalb der Arbeitswelt.

Auch wenn Angestellte häufiger aufgrund von psychischen Erkrankungen fehlen, ist der allgemeine Krankenstand im vergangenen Jahr leicht um 0,1 Prozentpunkte gesunken. Er lag bei 3,8 Prozent. Das heißt, dass von 1000 Erwerbstätigen an jedem Tag des Jahres durchschnittlich 38 krankgeschrieben waren. Doch dies sind Durchschnittswerte: Mehr als die Hälfte der Beschäftigten legten ihrem Arbeitgeber 2012 keine Krankmeldung vor.

Am häufigsten fehlten Arbeitnehmer wegen Muskel-Skelett-Erkrankungen, zum Beispiel Rückenschmerzen. Auf 100 Versicherte entfielen dabei durchschnittlich 326 Fehltage. An zweiter Stelle folgen die psychischen Leiden mit 204 Tagen pro 100 Versicherte, an dritter Atemwegsleiden mit 203 Tagen.