IT-Manager wetten

Die IT braucht Inspirationen – mehr Non-IT-ler an Bord!

18.11.2016 von Kathrin Kronberg
In fünf Jahren werden nur die IT-Organisationen erfolgreich sein, die mit ausreichend vielen Non-IT-lern arbeiten.
In der IT gibt es vielfältige Berufsbilder mit völlig unterschied­lichen Kompetenzen.
Foto: Gorodenkoff - shutterstock.com

Wenn ich versuche, fachfremden Menschen oder auch meinen Kindern von meinem beruflichen Alltag zu erzählen, nutze ich gerne die Analogie zum Bau: Da gibt es die Menschen, die in ein Haus einziehen wollen und einen Architekten beauftragen, der die gesamte Planung macht und später die Umsetzung beaufsichtigt. Es gibt den Statiker, der dafür sorgt, dass zum Beispiel die Wände die Last des Hauses auch tragen können. Maurer, Installateure und Elektriker setzen den Bau schließlich um. Sicherheitsexperten kümmern sich um Alarmanlagen und einbruchssichere Fenster und Türen.

Hypothese 1: Viele Kompetenzen erforderlich

Aufgaben in der IT werden immer vielfältiger und erfordern daher ein breites Spektrum an Kompetenzen.

Alle diese Rollen finden sich im übertragenen Sinne in der IT wieder: Der Projekt-Manager, der das Gesamtbild von der Planung bis zur Umsetzung verantwortet. Der Infrastruktur-Manager, der die richtige Hardware, Netzwerke und Leitungen bereitstellt. Die Programmierer, die die Konzepte schließlich in Code übersetzen. Und schließlich die IT-Sicherheitsexperten, die von der Verschlüsselung bis zur Firewall sicherstellen, dass unternehmenskritische Informationen geschützt werden.

An dieser Analogie wird klar: In der IT gibt es vielfältige Berufsbilder, die ganz unterschied­liche Kompetenzen erfordern. Wer in der IT arbeitet, sitzt mitnichten den ganzen Tag am Computer und programmiert. Vielmehr sind dort Wanderer zwischen häufig sehr vielen verschiedenen Welten unterwegs.

Natürlich sind die Experten weiterhin wichtig und haben ihre Daseinsberechtigung. Aber zunehmend relevant wird die Vermittlerfunktion zwischen jenen, die IT nutzen, und jenen, die sie bauen.

Schließlich besteht das Erfolgsgeheimnis erfolgreicher Startup-Unternehmen genau darin: Die Bedürfnisse eines Kunden zu erkennen, zu verstehen und in eine IT-Lösung umzusetzen, die diesen Bedürfnissen passgenau entspricht. Nicht selten haben Gründer nicht nur die Idee entwickelt, sondern auch die erste App, mit der diese Idee auf den Markt kommt, selbst geschrieben. Diese Menschen schaffen es, all jene Fähigkeiten in sich zu vereinigen, die aus IT erst ein Asset, einen differenzierenden Wert, und damit einen Wettbewerbsvorteil für Unternehmen werden lassen.

Nicht zuletzt zeigt sich die Weiterentwicklung der Anforderungen an IT-Mitarbeiter und Manager daran, dass in den letzten Jahren jede Menge neue exotische Titel und Aufgaben­cluster entstanden sind. Einer der bekanntesten ist der mittlerweile fast etablierte "Technology Evangelist", ein Lobbyist für neue Technologien, der irgendwo zwischen Marketing, PR und Technologie-Guru angesiedelt ist.

Wie aber sieht es in den klassischen großen Unternehmen und Konzernen aus, die oft eine IT-Mannschaft mit weit mehr als 1.000 Mitarbeitern haben? Muss hier jeder IT-Mitarbeiter ein kleiner Startup-Gründer sein?

Hypothese 2: Der Demotivation vorbeugen

Werden IT-Experten nicht gemäß ihren Skills eingesetzt, ist Demotivation programmiert.

Ein Absolventenportal hat in einer Umfrage gemeinsam mit der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig 1.300 Studierende und Young Professionals befragt, was sie von ihrem Berufseinstieg erwarten. Das Ergebnis: Slogans wei "IT-ler haben ein anderes Verständnis von Karriere" oder "Lieber Nerd als Chef", wurden so oder ähnlich genannt.

Informatikabsolventen erwarten vor allem gute fachliche Weiterentwicklungsmöglichkeiten innerhalb von IT-Themen sowie die Arbeit mit innovativen Technologien und spannenden Projekten, bei denen sie etwas bewegen können. Das passt in die Grundhaltung der Millennials, welche die Sinnstiftung über das Monatsgehalt und den Teamspirit über die Karriere stellt.

Schaut man sich allerdings in den IT-Abteilungen großer Unternehmen oder IT-Beratungen um, dann wird klar: Wer sich dort weiterentwickeln will, muss sich vom IT-Experten zum Generalisten in Sachen Management, Business-Prozesse und nicht zuletzt Diplomatie entwickeln. Nicht jedem ist das in die Wiege gelegt, und - wie die zitierte Umfrage zeigt - viele streben dieses Ziel auch gar nicht an.

Der Effekt ist ein doppelter: Mitarbeiter, die als Experten einen wertvollen Beitrag leisten könnten, beschäftigen sich stattdessen mit Personalführung, Controlling und weiteren administrativen Prozessen, was sich wiederum mögli-

cherweise nicht mit ihrem Anspruch an beruf­liche Herausforderungen deckt. Im gleichen Moment fehlt den Unternehmen oft genau die langjährige Fachkenntnis, die diese Menschen aufgebaut haben.

Das Thema Führungslaufbahn ist nur ein Beispiel, das zeigt, dass Universitätsausbildung und Personalnachfrage sich nicht zwingend decken.

Es gibt zahlreiche weitere Aufgaben in der IT, bei denen die wesentliche Herausforderung nicht die fachliche Expertenqualifikation ist, sondern die Soft Skills sowie eine grundsätzliche Anlage zum Generalisten. Beispielsweise muss der klassische Projektleiter systematisch planen, verschiedene Interessen moderieren, kommunizieren und motivieren können.

Und ein Scrum Master muss neben einer sehr stringenten Methodik und einem Grundverständnis zur Technologie ebenso Kommunika­tionsvermögen und ein Verständnis für gruppendynamische Prozesse mitbringen. Schade, wenn ein Mitarbeiter, der eigentlich viel lieber als Software-Ingenieur intelligente Programme entwickeln will, solche Aufgaben übernehmen muss.

Nicht zuletzt ist es bei der Entwicklung von IT-Systemen wichtig, zu verstehen, was der Anwender tatsächlich braucht und will. Um bei der Erstellung von Konzepten oder Use Cases eine tragfähige Basis für die spätere Umsetzung zu schaffen, können neben der detaillierten Erfassung von Anforderungen auch Kreativität und ein "Out-of-the-Box"-Denken sehr hilfreich sein.

Eine Sozialpädagogin oder Psychologin, die gelernt hat, Teamprozesse und Verhaltensmuster zu analysieren und zu verbalisieren, bringt für solche Aufgaben unter Umständen ebenso wertvolle Anlagen und Erfahrungen mit wie ein ausgebildeter Informatiker, Wirtschaftsingenieur oder Programmierer. Diversity ist auch hier das passende Schlagwort, allerdings nicht im landläufigen Sinne der Gender Diversity. Vielmehr bietet die Diversität der Ausbildungen eine Chance, den Herausforderungen der Zukunft hinsichtlich Innovationsfähigkeit und Ressourcenknappheit zu begegnen.

Möglicherweise ist der 20-jährige "Digital Native", der sich sicher in der Welt der sozialen Medien bewegt, aber Skandinavistik oder Literaturwissenschaften studiert hat, den IT-Innova­tionen der kommenden Jahre näher als der Diplom­informatiker mit 20 Jahren Berufserfahrung. Letzterer wird sicher mit seinen Fachkenntnissen immer gebraucht werden, aber auch der technikaffine Philosoph könnte in einer IT-Organisa­tion der Zukunft seinen Platz finden.

Zweifellos wird es immer erforderlich sein, dass sich IT-Mitarbeiter für IT, für technische Zusammenhänge interessieren und begeistern, dass sie Grundlagen, Vokabular und Technologien beherrschen. Jedoch sind die Möglichkeiten, diese Qualifikationen auch außerhalb eines klassischen Studiums zu erwerben, deutlich vielfältiger, als die bislang landläufig akzeptierten Lebensläufe zeigen.

Hypothese 3: Fachkräftemangel

Die Nachfrage nach IT-Mitarbeitern wird das Angebot übersteigen. Das klassische Informatikstudium wird weder die Anzahl an erforderlichen Mitarbeitern noch die Breite an Skills liefern. Unternehmen müssen sich öffnen. Neue Qualifizierungsangebote werden erfolgreich sein.

Kein anderes Berufsfeld ändert und erneuert sich so schnell wie die IT. Wer hatte vor zehn Jahren schon von der Cloud gehört, von Software as a Service oder auch nur von einem Smartphone? Ob ein vierjähriges Informatik-studium die einzige Voraussetzung für eine Aufgabe als Software-Engineer ist, ist daher die Frage. Die für die Praxis relevanten Kenntnisse können auf anderem Weg vielleicht schneller, realitätsnäher und mit innovativeren Lehrmethoden erworben werden.

Kurzqualifikationen mit starkem Praxisbezug, die statt mehrerer Jahre nur einige Monate dauern, werden hier besonders erfolgreich sein. "Where learning goes to work" lautet beispielsweise der Claim von Galvanize, einem US-Unternehmen aus dem Silicon Valley, das unter anderem damit wirbt, ehemalige Yogalehrer zu Programmierern auszubilden. Das Unternehmen wurde 2012 gegründet und bietet zum Beispiel dreimonatige Qualifizierungen zum "Data Scientist" oder "Data Engineer" an.

Wesentlicher Bestandteil der Unternehmensmission von Galvanize ist es, vor allem "unterrepräsentierten Gruppen in der Tech Industry" Zugang zu Wissen und beruflicher Weiterentwicklung zu verschaffen. Die damit erzielten deutlich erhöhten Gehälter der Kursabsolventen lässt sich das Unternehmen mit 16.000 Dollar für drei Monate gut bezahlen. Die Dozenten kommen durchgehend aus der Praxis und werden daran gemessen, wie gut sie die Inhalte tatsächlich vermitteln können.

Fazit: Die neue Diversity - viele Wege führen zur IT

Diese Thesen sind kein Plädoyer für die Abschaffung des Informatikstudiums. Vielmehr sollten sich IT-Organisationen stärker für andere Ausbildungsrichtungen und nichtlineare Lebensläufe öffnen. Dazu gehören auch praxisrelevante Ergänzungsqualifikationen in der IT, die ebenso schnell mit der Zeit gehen, wie sich die IT entwickelt.

Und wie sieht nun eine erfolgreiche IT-Organisation in fünf Jahren aus? Deutlich vielfältiger als heute, deutlich breiter hinsichtlich Werdegang und Ausbildung. Sie wird Vorreiter in Sachen Diversity in jeder Hinsicht, getreu dem Motto: Viele Wege führen zur IT. Als gemeinsamer Nenner bleibt die Begeisterung für Technologie und das Bestreben, die Nutzung von technischem Fortschritt für den Menschen zu gestalten und weiterzuentwickeln.

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