Die sieben größten Offshore-Sünden

02.02.2004
Zusammen mit dem Beratungshaus Ernst & Young aus Düsseldorf haben wir sieben Risiken identifiziert, die ein Offshore-Projekt zum Scheitern bringen können. Die befragten CIOs haben sie nach ihrer Gefährlichkeit sortiert.

Das größte Risiko liegt in der Kommunikation. Sowohl Offshore-Nutzer als auch Nicht-Nutzer geben dieser Gefahr eine hohe Note. Da Offshore-Nutzer jedoch alle Risiken signifikant ungefährlicher einschätzen als die Nicht-Nutzer, haben wir die Antworten im Folgenden getrennt ausgewiesen:

1. Kommunikation

Zum Beispiel mangelnde Erreichbarkeit des Outsourcing-Teams, die mangelnde Anwesenheit des Projektleiters vor Ort, lange Reaktionszeiten oder sprachliche Barrieren.

Offshore-Nutzer 2,4*

Nicht-Nutzer 2,0

DIe CIOs von O2 und Deutsche Leasing bekämpfen diesen Punkt mit Onsite-Kollegen, also mit Mitarbeitern des Outsourcing-Dienstleisters vor Ort. Ferner lassen beide ihren eigenen Mitarbeitern Englisch-Kurse angedeihen.

2. Qualität

Zum Beispiel Unverständnis der Aufgabenstellung durch den Outsourcer, Nicht-Einhaltung internationaler Standards, unzureichendes Testing oder generelle Unzuverlässigkeit.

Offshore-Nutzer 2,8

Nicht-Nutzer 2,6

Fast alle indischen Anbieter bewegen sich auf CMM-Level 5 (Capability Maturity Model), also auf höchstem und geprüftem Qualitätsniveau. Trotzdem gibt es ein Qualitätsrisiko. Der Auftraggeber selbst hat meist Schwierigkeiten, seine Bedürfnisse unmissverständlich zu benennen. Kunden sollten sich bewusst sein, dass sie genau geliefert bekommen, was sie anfordern.

3. Strategie

Zum Beispiel Kulturunterschiede zwischen den Vertragspartnern, mangelnde wirtschaftliche Stabilität des Outsourcers, mangelnde Akzeptanz durch unternehmenseigene Mitarbeiter, mangelnde Projektpriorisierung seitens des Outsourcers.

Offshore-Nutzer 2,9

Nicht-Nutzer 2,5

"Wenn der Markt eng wird, dann haben Sie das Israel- oder Irland-Phänomen", sagt der Berater Christoph Böhm von Transcrit Consulting, der sich auf Offshore spezialisiert hat. Die beiden kleinen Staaten zeichnen sich dadurch aus, dass ihre IT-Kapazitäten zwar gut, aber eben begrenzt sind.

4. Verzögerungen

Zum Beispiel verzögerte Anbieterauswahl, verzögerte Vertragsgestaltung oder geringe Flexibilität in der Realisierung.

Offshore-Nutzer 3,0

Nicht-Nutzer 2,6

"In Asien gibt es kein Nein", sagt Regina Moczadlo, die an der Fachhochschule Pforzheim Cross Culture Studies lehrt. Wer dies nicht einberechnet, kann böse Überraschungen erleben. Moczadlo hat in ihrer eigenen Offshore-Studie festgestellt, dass viele Aufträge schon wieder gekündigt wurden. "Ich halte das aber für relativ normal beim Outsourcing", erklärt die Professorin.

5. Recht

Zum Beispiel mangelnde Klärung der Haftung, des Vertragsausstiegs, der Frage der Eigentumsverhältnisse, auch die mangelnde Klärung der Frage nach dem Zugriff auf den Source Code.

Offshore-Nutzer 3,2

Nicht-Nutzer 2,4

Die Vereinbarung eines deutschen Gerichtsstands ist sinnvoll. CIOs müssen dann auch darauf achten, dass ihre Vertragspartner mit mehr als einer kleinen Vertriebsniederlassung in Deutschland vertreten sind. Denn die könnte der Offshore-Partner im Ernstfall schnell aufgeben.

6. Sicherheit

Zum Beispiel Nicht-Einhaltung der vorgegebenen Sicherheitsstandards, Befürchtung mangelnder Sorgfalt, mangelndes Vertrauen oder das Befürchten krimineller Handlungen.

Offshore-Nutzer 3,2

Nicht-Nutzer 2,6

Selbstverständlich dürften Dienste wie Call Center oder Ähnliches unbedenklich ausgelagert werden, meint Hartmut Pohl von der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg. "Aus unseren Erfahrungen können allerdings ERP- und CRM-Daten sowie produktionskritische Daten nicht aus dem Unternehmen an einen Dienstleister ausgelagert werden", sagt der Sprecher des Arbeitskreises Datenschutz und IT-Sicherheit bei der Gesellschaft für Informatik. Insbesondere Offshore hält Pohl für gefährlich. Die Befragten unserer Studie teilen diese Bedenken jedoch nur zum Teil.

7. Zeit & Geld

Ressourceneinhaltung, zum Beispiel Nicht-Einhaltung der vorgegebenen Realisierungszeit, Nicht-Einhaltung des festgelegten Budgets (falls kein Festpreis vereinbart wurde) oder Nicht-Einhaltung der versprochenen Ressourcen auf Anbieterseite (vor allem Personal).

Offshore-Nutzer 3,4

Nicht-Nutzer 2,9

"Man muss das richtige Modell haben", spricht der CIO der Deutschen Leasing und kreuzt salomonisch die Drei an. Es ist die schlechteste Note, die de Geyter in der ganzen Befragung vergeben hat. Er will damit keinen Zweifel am Einsparpotenzial von Offshore aufkommen lassen. Er will zum Ausdruck bringen, dass Outsourcing-Modelle an diesem Punkt immer schwierig sind.

*Die Teilnehmer bewerteten das Problem auf einer Skala von 1 ("trifft voll und ganz zu") bis 5 ("trifft überhaupt nicht zu").