Stahlgruber migriert Cobol-Prgramme

Mainframe muss Linux-Servern weichen

18.02.2010 von Riem Sarsam
Stahlgruber hat seine Applikation für das Bestellwesen und die Disposition von einem Mainframe auf Linux-Server verlagert. Damit reduzierte Ersatzteile- und Autozubehör-Lieferant Unternehmen die Kosten der Anwendung um rund 70 Prozent und steigerte die Performance um ein Mehrfaches.
Wechselte erfolgreich vom Mainframe auf Linux: Die Stahlgruber GmbH mit Sitz in Poing.

Lange Jahre war man gefangen. Gebunden an einen Mainframe, auf dem die unternehmenskritischen Kernanwendungen von Stahlgruber liefen. Für den Lieferanten des freien Kfz-Reparaturgewerbes mit Sitz in Poing bei München, ist dies die Applikation für Bestellwesen, Disposition und Auftragsverwaltung. Die selbst entwickelte, auf einem IBM-Mainframe implementierte Cobol-Lösung verwaltet die 240.000 Artikel des Lieferprogramms und steuert täglich die Kommissionierung von über 50.000 Positionen. Dass man hier lieber die Finger weglässt, ist nur verständlich.

Dabei hatte Stahlgruber in anderen Bereichen den Wechsel bereits erfolgreich durchgespielt. Dominierte bis Mitte der 90er Jahre die Mainframe-Umgebung die Unternehmens-IT, wurden mehr und mehr Aufgaben von anderen Systemen übernommen: Buchhaltung und Gehaltsabrechung beispielsweise werden seit Ende der 90er-Jahre auf SAP und Paisy betrieben. Die Verwaltung der Kataloge, der Mail-Verkehr und die gesamte Office-Welt laufen auf Intel-Servern. Der Kern der IT, die für den Geschäftsbetrieb essentielle Lösung für Bestellung und Disposition, blieb jedoch weiter die Domäne des Mainframes.

Zufrieden war das Unternehmen mit dieser Lösung allerdings nicht. Weder Performance noch Funktionalität entsprachen den Anforderungen. Und das bei hohen Kosten. "Der Ausbau der Hardware war hier immer recht kostspielig", erklärt Stefan Oettl, Projektleiter der Stahlgruber-IT in Poing. "Jede Hardware-Erweiterung bedeutete auch erhöhte Software-Kosten, weil sich das Pricing der Mainframe-Software traditionell an der eingesetzten CPU-Leistung orientiert." Damit waren dem Unternehmen zum Beispiel auch die Hände gebunden, um die Leistung der Datenbank via Hardware-Upgrade zu steigern.

Standard oder neu programmieren?

Daher begann die Stahlgruber-IT vor einigen Jahren verstärkt über Alternativen nachzudenken. Der Wechsel zu einer Standard-Lösung - ein Weg, den man ja für einige Anwendungen bereits beschritten hatte - kam für die Kern-Applikationen nicht in Frage. "Mit einer Standard-Software würden wir uns nicht von der Konkurrenz unterscheiden können, denn unsere Kernapplikation betrachten wir als Wettbewerbsvorteil", meint Oettl. "Und wir wollten uns in den zentralen Prozessen nicht nach einer mehr oder wenig fertigen Software richten, sondern umgekehrt eine Software einsetzen, die sich ganz nach uns richtet. So wie wir es ja bisher gewohnt waren."

Allerdings war auch eine Neuentwicklung der Applikation für eine andere Plattform keine realistische Option, da die dafür erforderlichen Entwicklerkapazitäten nicht zur Verfügung standen. Die Stahlgruber-Entwickler waren voll ausgelastet.

Das Unternehmen entschied sich daher für die Verlagerung der Applikation auf Linux-Server. Dabei bleiben die Programm-Strukturen und der Source-Code weitgehend unverändert. Es gibt also keine Umstellungen der Business-Logik und damit genau das, was eine Anwendung für das Unternehmen wertvoll macht.

Durch diese Form der Modernisierung kann Stahlgruber seine Enterprise-Applikationen effizienter als zuvor betreiben: Die Umstellungskosten sind relativ gering und die Betriebskosten des Mainframes fallen nach Umstellung auf die neue Plattform weg.

Das Unternehmen hatte bereits Basisarbeit im Vorfeld der Modernisierung geleistet: Man hatte Randprodukte wie den WebSphere Vorgänger MQSeries abgelöst und Altlasten wie diverse Assembler-Programme nach und nach neu programmiert. Schließlich betraf der 2008 in Angriff genommene eigentliche Plattformwechsel noch 740 Cobol-Programme, die auf eine neue Plattform zu übernehmen waren. Als Zielsystem hatte sich Stahlgruber für einen Quad-Core Intel-Server von IBM unter Suse Linux entschieden.

Allein, weil der Code erhalten werden musste, erwies sich die Verlagerung keineswegs als trivial. Es zeigte sich beispielsweise, dass das bisher verwendete Cobol in einigen Punkten vom Standard abwich, was das Stahlgruber-Team gemeinsam mit dem Modernisierungspartner Micro Focus durch einen eigens dafür geschriebenen Pre-Compiler beheben konnten. Außerdem mussten die Aufrufe der neuen Datenbank erstellt werden, aber auch hier konnten die Strukturen der Applikation erhalten werden.

"Für uns war entscheidend, dass wir am Code fast keine Änderungen vornehmen mussten", betont Oettl. "Zum einen konnten wir dadurch Bewährtes weiter nutzen, zum anderen war es nur so möglich, die Entwicklungsarbeit in diesem doch recht großen Projekt innerhalb von nur vier Wochen abzuschließen." Weitere Tätigkeiten im Zuge der Modernisierung betrafen dann schon nicht mehr die Applikation selbst, sondern deren Infrastruktur, so beispielsweise die Portierung der Batch-Kontrolle auf das Linux-System.

Kosten stark reduziert

Insgesamt dauerten die Arbeiten acht Monate bis die Batch-Lösung der Dispositions-Software planmäßig auf dem Linux-Server produktiv ging. Die neu geschriebene Online-Software folgte wenig später. "Bemerkenswert ist insbesondere die Steigerung der Performance der im Großen und Ganzen vorhandenen Applikation auf der neuen Plattform", stellt Oettl heute fest. "Die Batch-Prozesse dauern nun nur noch Minuten anstatt Stunden. Wir können daher die meisten Prozesse tagsüber nebenher laufen lassen. Lediglich besonders aufwändige Prozesse, wie sie zum Beispiel zum Monatswechsel anfallen, müssen wir auf die Nacht verschieben."

Ein zu Testzwecken geschriebenes Programm benötigte auf dem Mainframe 45, auf dem Linux-Server nur noch vier Minuten. Verantwortlich für diesen deutlichen Performancezuwachs sind vor allem die leistungsfähigere Hardware und die neue Datenbank, für die das Unternehmen jedoch nur einen Bruchteil der Kosten aufbringen muss, die bei einem Mainframe angefallen wären. "Für eine Vier-Prozessor-Architektur, wie wir sie jetzt nutzen, hätten wir auf dem Mainframe viel Geld ausgeben müssen, nicht zuletzt für die Software", hält Oettl fest.

Unterm Strich, so schätzt er, konnte Stahlgruber durch die Modernisierung und Verlagerung seiner Applikationen etwa 70 Prozent der früheren Kosten einsparen. "Rechnet man die gesamten Kosten des Plattformwechsels, also Hardware, Software, Dienstleistungen und eigener Arbeitsaufwand mit ein, so wird sich das Projekt in weniger als zwei Jahren bezahlt gemacht haben", resümiert Oettl. Die Vorteile, die das Unternehmen durch die bessere Performance und die höhere Flexibilität der Anwendung hat, sind dabei noch gar nicht eingerechnet.

Die Stahlgruber GmbH in Poing bei München ist Lieferant von Autozubehör und -ersatzteilen. Das Unternehmen beliefert über seine mehr als 80 Verkaufshäuser in Deutschland, Österreich, Tschechien und Slowenien vornehmlich den Handel und freie Kfz-Werkstätten. Für die Stahlgruber GmbH arbeiten rund 3.000 Mitarbeiter, der Umsatz lag 2008 bei 618 Millionen Euro.

Stahlgruber / Mainframe Modernisierung

Branche

Handel

Zeitrahmen

acht Monate (Umstellung)

Produkte

Quad-Core Intel-Server (IBM), Suse Linux "NetExpress" (Micro Focus)

Dienstleister

Micro Focus

Umfang

Kernapplikation: Bestellung, Disposition

Internet

www.stahlgruber.de