Smartphone mit Windows Phone 7

Test: Nokia Lumia 800

21.12.2011 von Moritz Jäger
Das Lumia 800 soll mit Windows Phone 7.5 für Nokia verlorene Marktanteile zurückerobern. Im Test zeigte das Smartphone viele Stärken aber auch vermeidbare Schwächen.

Mit dem Lumia 800 stellt Nokia sein neues High-End-Smartphone vor, das gleichzeitig eins der beiden ersten Geräte des Herstellers mit Windows Phone 7.5 als Betriebssystem ist. Das Gerät besticht nicht nur durch sein elegantes Design, bei dem das Meego-Smartphone Nokia N9 Pate stand, sondern auch durch seinen vergleichsweise attraktiven Preis von rund 450 Euro.

Wenn wir uns die inneren Werte wie den 1,4 GHz schnellen ARM-Prozessor, den hochauflösenden AMOLED-Bildschirm oder die 16 GByte Speicher ansehen, dann wird klar, dass Nokia das Lumia 800 gegen High-End-Smartphones wie das Samsung Galaxy S2 auf Android-Basis oder das iPhone 4S mit Apples eigenem Betriebssystem iOS positioniert. Zusammen mit Microsoft möchte Nokia ein drittes Ökosystem etablieren, in dessen Zentrum Windows Phone 7.5 stehen soll. Ob das dem Lumia 800 gelingt, klärt unser Test.

Schick: Das gelungene Design des Lumia 800 entspricht dem des N9, dem ersten und wahrscheinlich auch letztem Nokia-Smartphone, auf dem das Linux-Betriebssystem Meego läuft.

Hardware

Im Lumia 800 setzt Nokia den Snapdragon-Chipsatz von Qualcomm ein, dessen Single-Core-CPU mit 1,4 GHz Taktfrequenz arbeitet. Das HTC Titan nutzt den gleichen Chipsatz, rechnet allerdings 100 MHz schneller. Die Grafikberechnung übernimmt ein Adreno-205-Chip, der ebenfalls von Qualcomm stammt. Dem Prozessor stehen 512 MByte RAM zur Seite, womit das Lumia 800 im guten Mittelfeld liegt. Manche Android-Geräte wie beispielsweise das HTC Evo 3D bringen aber den doppelten Arbeitsspeicher mit. Im Test verarbeitet das Lumia 800 alle unsere Eingaben schnell und präzise, Pausen oder steckengebliebene Apps kamen nicht vor. Apps und auch Spiele starten schnell, selbst Shooter wie Rocket Riot oder Echtzeitstrategiespiele wie Fusion: Sentinent funktionieren überraschend gut. Wie bei allen Windows-Phone-7-Geräten lässt sich der interne Speicher von 16 GByte nicht erweitern. Für den Nutzer sind davon etwa 13 GByte verfügbar, den Rest nehmen Betriebssystem und vorinstallierte Apps ein.

Für die Kommunikation mit der Außenwelt verfügt das Lumia 800 über alle aktuellen Funkmodule. Dank HSPA+ sind unterwegs theoretisch Download-Raten von bis zu 28,8 MBit/s möglich. Im Upload liefert HSUPA eine theoretische Maximalleistung von 5,8 MBit/s. Um diese Idealwerte zu erreichen, muss aber nicht nur das jeweilige Netz optimal ausgebaut sein sondern sich der jeweilige Smartphone als einziges an einer Funkzelle anmelden. Die Bandbreiten-Test-App BandWidth zeigte in der Praxis akzeptable 5,24 Mbit im Downstream und etwa 1 MBit/s im Upstread. Um unterwegs Facebook zu befüllen, reicht die Geschwindigkeit also locker aus. Im WLAN funkt das Lumia 800 gemäß 802.11 b/g/n, allerdings nur im 2,4 GHz-Band.

Display

Das Display des Lumia 800 hat eine Diagonale von 3,7 Zoll.

Nokia setzt beim Display auf eine OLED-Lösung und das zahlt sich aus: Die Farben wirken knackig, und vor allem mit dem schwarzen Hintergrund kommt die Metro-Oberfläche mit Kacheln und dem Fokus auf weißer Schrift sehr gut zur Geltung. Die Helligkeit ist solange ausreichend, wie keine direkte Sonnenstrahlung auf das Lumia 800 trifft. Auch die Blickwinkel haben uns im Test überzeugt: Selbst wenn wir das Smartphone flach hinlegen und von der Seite darauf schauen, verfälschen die Farben nicht. Der kapazitive Multi-Touch-Bildschirm löst mit 480x800 Pixeln auf. Bei einer Bildschirmdiagonale von 9,4 cm kommt das Lumia 800 damit auf 252 Pixel pro Inch. Weit unterhalb des iPhone 4S mit 326 PPI, aber auch über dem Samsung Galaxy S2 mit 218 PPI.

Für Eingaben steht die virtuelle Tastatur von Microsoft zur Verfügung. Die funktioniert im Test überraschend gut und kann es durchaus mit dem Apple-Pendant aufnehmen. Zusätzlich lassen sich etwa Suchbegriffe auch per Spracheingabe diktieren. Ähnlich wie bei Apples Siri werden die Informationen anschließend übers Web analysiert, bevor eine Antwort gegeben wird. Microsoft nutzt dafür den hauseigenen TellMe-Dienst. Und ähnlich wie bei Siri kommt dieser bei deutschen Geräten schnell an seine Grenzen. Für kurze Anweisungen funktioniert er aber gut.

Software

Auf dem Lumia 800 hat Nokia Windows Phone 7 mit dem kürzlich erschienen Mango-Update installiert. Das bringt zahlreiche Verbesserungen wie die Möglichkeit, Daten im Hintergrund abzufragen oder einen weiterentwickelten Internet Explorer. Dank der Integration in Xbox Live wäre das Nokia Lumia 800 grundsätzlich auch spieletauglich - allerdings ist der Angebot bislang spärlich. Der große Vorteil gegenüber anderen Plattformen ist, dass wir nicht nur Achievments sammeln, sondern unterwegs auch den Gamerscore aufpeppen können. Alle für das Lumia 800 erhältlichen Xbox-Live-Spiele lassen sich zudem kostenlos testen und kostenpflichtig zur Vollversion freischalten.

Nokia hat keine Änderungen an der Oberfläche vorgenommen, weil Microsoft das im Gegensatz zu Google bei seinem Android-Betriebssystem auch gar nicht zulässt. Allerdings liefert der Hersteller eine Reihe von eigenen, vorinstallierten Apps mit. Bevor es losgehen kann, benötigen sie jedoch ein Update aus dem Marketplace. Die drei vorinstallierten Apps sind Nokia Karten, Nokia Navigation und Nokia Musik, ein alternativer MP3-Shop, der zudem über anstehende Konzerte informieren kann.

Nokia Karten und Nokia Navigation basieren auf dem sehr guten Kartenmaterial von Ovi Maps (das wiederum von der Nokia-Tochter Navteq bestückt wird). Während die Karten-App langfristig für alle Windows-Phone-7-Geräte verfügbar sein wird, bleibt die Navigationslösung den Nokia-Geräten vorbehalten. Die Offline-Nutzung des Kartenmaterials im Allgemeinen ist nur für Nokia-Smartphones geplant.

Windows-PCs werden über die Zune-Software mit dem Smartphone verbunden, die sich im Design und den Funktionen deutlich vom Windows Media Player unterscheidet. Die Software ist schnell und lässt sich für die Wiedergabe und zur Synchronisation von Media-Inhalten gut nutzen. Wie jedes Windows Phone Gerät lässt sich das Lumia 800 nicht nur per USB-Kabel, sondern auch per WLAN abgleichen. Für Mac-Besitzer gibt es ebenfalls eine passende Desktop-Software, den Desktop Connector. Diese kann beispielsweise Musik, Filmen, TV-Sendungen und Podcasts aus iTunes mit dem Endgerät abgleichen.

Technik

Ein Wort zur Akkulaufzeit: Im praktischen Einsatz (WiFi und 3G an, Push-Benachrichtigungen von E-Mails und Facebook-Chat aktiviert) hielt unser Lumia 800 eineinhalb bis zwei Tage durch. Damit liegt das Nokia-Smartphone im Mittelfeld, die Laufzeit entspricht etwa dem Apple iPhone 4S oder gleichwertigen Android-Geräten. Allerdings halten andere Testgeräte offenbar nur deutlich kürzer durch, und auch im Internet häufen sich die Berichte über zu kurze Akkulaufzeiten des Lumia 800. Nokia hat bereits Abhilfe versprochen, und so sollen in Kürze zwei entsprechende Updates erscheinen. Weitere Informationen finden sich in diesem Foren-Eintrag.

Nokia verkauft das Lumia 800 in Schwarz, Rot und Blau.

Ein weiteres Ärgernis: Eigentlich kann Windows Phone 7.5 das Smartphone in einen WLAN-Hotspot verwandeln, um die Internetverbindung mit anderen Geräten zu teilen. Während sich das im HTC Titan einwandfrei funktioniert, fehlt sie im Nokia Lumia 800 komplett. Auch hier will Nokia noch nachbessern und verweist auf mögliche Probleme mit der amerikanischen Regulierungsbehörde FCC, die es vorab zu klären gilt. Die Verarbeitung des Lumia 800 lässt dagegen keinen Raum für Kritik. Nokia steckt das Lumia 800 in einen Unibody, der angenehm wertig wirkt. Wer sein Gerät zusätzlich schützen möchte, der findet im Karton eine passende Gummihülle. Auch die Sprachqualität des Nokia Lumia 800 ist gut. Im Test konnten wir das Gegenüber stets gut verstehen.

Ausstattung

Nokia verwendet im Lumia 800 eine Kamera mit 8 Megapixeln, die auf Objektive von Carl Zeiss setzt. Das bedeutet in der Praxis, dass das Lumia 800 für ein Smartphone gute Bilder abliefert. Zwei LEDs fungieren als Blitz, so dass auch bei schlechtem Umgebungslicht noch akzeptable Bilder gemacht werden können. Allerdings gibt es keine Frontkamera, wodurch Video-Telefonie unpraktisch bis unmöglich wird. Vor allem in Hinblick auf einen möglichen Skype-Client ist das schade. Das ist besonders unverständlich, da Nokia seit seinem ersten UMTS-Smartphone nahezu alle hochwertigen Symbian-Geräte mit einer Frontkamera ausgestattet hat.

Ein ordentliches Foto vom Nokia Lumia 800.

Die Bilder und Videos sind zwar gut, wer sie allerdings auf einem DLNA- oder HDMI-fähigen Wiedergabegerät präsentieren möchte, der schaut in die Röhre. Nokia bietet weder eine Unterstützung für HDMI (oder die mobile Alternative MHL) noch einen integrierten DLNA-Client. Das machen andere Geräte, sowohl mit Windows Phone 7 als auch mit Android, besser.

Handling

Das Nokia Lumia 800 wiegt 142 Gramm. Zusammen mit den Abmessungen von 6,1 cm x 11,6 cm x 1,2 cm lässt es sich angenehm in der Tasche tragen. Bei Leichtgewichten wie dem Samsung Galaxy S2 (116 Gramm) kann das Nokia-Smartphone allerdings nicht mithalten.

Das Nokia Lumia 800 liegt sehr gut in der Hand.

Wie von Microsoft vorgeschrieben, verfügt das Lumia 800 über drei Sensortasten am unteren Bildschirmrand (Zurück, Windows und Suche) sowie eine separate Taste, mit der sich die Kamera auslösen lässt. Nokia hat alle Hardware-Tasten auf der rechten Seite angebracht. Neben dem Auslöser liegt der Ein/Ausschalter sowie die Lauter/Leiser-Tasten. Am oberen Ende verbirgt sich hinter einer Abdeckung ein Micro-USB-Anschluss. Daneben lässt sich der Halter für die Micro-SIM-Karte herausziehen. Da Apple diesen Standard mit iPhone 4 und iPhone 4S auf breiter Basis etabliert hat, liefert mittlerweile praktisch jeder Mobilfunkprovider auf Wunsch eine passende SIM-Karte.

Fazit

Das Nokia Lumia 800 hinterlässt im Test einen positiven Eindruck. Das Smartphone ist schnell, sieht schick aus und verfügt über ein tolles Display. Auf den ersten Blick scheint Nokias Debut mit Windows Phone 7 also gelungen. Bei genauerem Hinsehen offenbaren sich aber einige Schönheitsfehler: Warum fehlen etwa WLAN-Tethering, HDMI und DLNA-Unterstützung? Wieso verzichtet Nokia auf eine Front-Kamera, wo doch mit Skype eine mobile Videotelefonielösung quasi in den Startlöchern steht? Beim Lumia 800 wird somit auch klar, wie sehr sich Microsoft und Nokia an Apples Philosophie orientieren - das System bietet keinerlei Funktionen, die noch nicht zu 150 Prozent übererprobt sind.

Alles in Allem ist Nokia mit dem Lumia 800 aber ein gutes Smartphone gelungen, das auf einem Niveau liegt mit dem HTC Desire S. Wer sich ein Gerät zulegen will, dass sich optisch aus dem Einheitsbrei hervorhebt und die angesprochenen Nachteile in Kauf nimmt, sollte dem Lumia 800 eine Chance geben.

Ein erstes Firmware-Update für das Lumia 800 hat Nokia bereits angekündigt, ein zweite Aktualisierung soll Anfang 2012 folgen. Im ersten Durchgang bessert Nokia bei Akkuladevorgang und Voicemail nach und unternimmt etwas in Sachen Displayhelligkeit und Audioqualität. Außerdem soll damit Exchange 2003 besser unterstützt werden. (GameStar, TecChannel)