Rhetorik-Club "Toastmasters"

Der Club der guten Redner

01. Dezember 2003
Von Birgit Obermeier
Reden will gelernt sein. Die "Toastmasters" helfen sich gegenseitig, ihren rhetorischen Schliff zu verbessern - und die Englischkenntnisse dazu.

Marion S. steht in der Mitte einer U-förmig angeordneten Tischreihe. Sie räuspert sich, dann beginnt sie zu reden. Über ihre erste Liebe, einen jungen Chinesen, dessen Heimat sie bis heute begeistert. Über die Tücken der chinesischen Sprache und die daraus resultierenden Missverständnisse. Es ist ihre erste große Rede in dieser Runde, ihr "Icebreaker". Die Runde, das sind die "Munich Toastmasters".

Die Toastmasters sind ein englischsprachiger Rhetorik-Club, dessen rund 35 Mitglieder - Deutsche und "Native Speakers" - sich zweimal im Monat treffen - aus Spaß an der Rede oder zur beruflichen Weiterbildung. Thomas M., Claims Manager bei einer britischen Versicherungsgesellschaft, macht sich hier fit für die englischsprachigen Präsentationen, die er regelmäßig halten muss. Ähnlich motiviert ist Marion S.: "Für den freien Vortrag fehlt mir oft der nötige Wortschatz", sagt die Unternehmensberaterin.

Der Münchener Toastmasters-Club ist einer von weltweit rund 9000. Gegründet wurde die Vereinigung 1924 in Kalifornien durch den Bildungsbeauftragten des YMCA. Die amerikanischen Wurzeln machen sich in vielen Details bemerkbar: von der gelben Toastmasters-Clubfahne über regelmäßige Rede-Contests bis hin zur Herzlichkeit, mit der Gäste aufgenommen werden.

Einen Trainer gibt es bei den Toastmasters nicht. Jeder hilft jedem, sich zu verbessern, lautet das Motto. Dazu übernehmen die Mitglieder bei den Treffen wechselnde Parts. Der Ablauf ist stark formalisiert. Erster Programmpunkt: Stegreifreden. Worüber, vor welchem Publikum und wo der Redner zwei Minuten sprechen soll, wird ihm vorgegeben. Ein paar Sekunden überlegt der Freiwillige, dann erzählt er - imaginären - Kindern im Hyde Park von gefährlichen Katzen. Eine gelbe Lampe signalisiert das nahende Zeitlimit, eine rote dessen Überschreitung. Grammatikfehler und die Zahl der stockenden "Ähs" werden mitprotokolliert. Bei aller Akribie: Die offene Atmosphäre und der freundliche Applaus halten die Hemmschwelle gering, sich auszuprobieren.

Längere Reden zu einem selbst gewählten Thema bereiten die Club-Mitglieder daheim mit einem Handbuch vor. Die Anforderungen steigen sukzessive: Frei reden, Augenkontakt halten, abwechslungsreiches Vokabular verwenden, Körper, Mimik und Stimme einsetzen, die Zuhörer amüsieren oder sie von einer Idee begeistern.

Jede Rede wird am Schluss von einem ausgewählten Mitglied analysiert. Thomas M. bewertet heute eine"inspiring speech". Er findet lobende Worte, brillant war der Vortrag seiner Ansicht nach aber nicht: zu wenig Beispiele und nicht genug Enthusiasmus, um die Zuhörer für sich einzunehmen. "Durch die Evaluation lernt man, die eigene Kritikfähigkeit zu schulen", sagt Thomas. Der Redner wiederum erhält ein konstruktives Feedback.

Neumitglied Marion S. bekommt am Ende des Abends vom Club-Präsidenten zudem eine Anstecknadel für ihren gelungenen Rede-Einstand überreicht. Und noch einmal viel Applaus.

Kommentare zum Artikel

comments powered by Disqus
Zur Startseite