IT im Auto

Alle wollen Mobil-Entwickler

12.10.2012 von Winfried Gertz
Ein Blick auf die neuesten Modelle lässt keinen Zweifel: Das Auto wird immer mehr zu einem rollenden Software- und Internet Device - und so zu einem zukunftsträchtigen Arbeitsfeld für IT-Fachkräfte.

Das Herz der internationalen Automobilindustrie schlägt in Deutschland. Jedes zweite Fahrzeug, das in Europa verkauft wird, rollt in Wolfsburg, Ingolstadt oder Dingolfing vom Band. Auch in wachstumsstarken Märkten wie USA und China sind Modelle aus hiesiger Produktion die treibende Kraft. Kein Wunder, dass die Nachfrage nach qualifizierten Kräften in der Branche, die hierzulande etwa eine Dreiviertel Million Mitarbeiter beschäftigt, weiter steigt. Laut Branchenverband VDA wird das Auto immer mehr zu einer "mobilen Kommunikationszentrale", ein neues Tätigkeitsfeld, das nicht zuletzt IT-Experten anspricht.

Wenn das Internet im Cockpit dominiert, erwartet IT-Kräfte ein großes Arbeitspensum. Im Wettbewerb um gut ausgebildete Informatiker mischt auch Volkswagen kräftig mit. "Für die globale IT-Organisation, die zentral gesteuert und lokal aktiv ist, stellen wir von Argentinien bis China laufend IT-Kräfte ein", sagt CIO Martin Hofmann. Eines der "spannenden" technischen Themen, das in den nächsten Jahren auf IT-Fachleute zukommt, sei der Einsatz mobiler Geräte im Auto. "Hier forschen wir, welche Anwendung dem Kunden am meisten bringt", so Hofmann.

BMW sucht App-Spezialisten

Sowohl Porsche als auch die anderen Automobilhersteller suchen junge Mitarbeiter wegen ihrer Affinität zum Internet.
Foto: Porsche

In hohem Tempo entwickelt sich das Arbeitsgebiet der Fahrzeug-IT auch bei BMW. Dringend benötigt werden qualifizierte Kräfte für die Entwicklung von Steuergeräten für Motoren, aber auch für das Energie-Management und die Ladesteuerung von Hybrid- und Elektrofahrzeugen. Nach Angaben von Tanja Bermeitinger, die in der Münchner Konzernzentrale das Recruiting für festangestellte Mitarbeiter leitet, würden "sehr viele gute IT-Fachkräfte" zur Entwicklung hochvernetzter Fahrerassistenzsysteme oder für die drei weltweiten App-Center gesucht.

Was IT-Fachleute bei den absatzstarken deutschen Autobauern an attraktiven Aufgaben erwartet, zeigt ein Blick auf die übrigen im Markt dominierenden Hersteller, die im Branchenjargon auch "Original Equipment Manufacturer" (OEM) genannt werden. Während bei Porsche eine Vielzahl von Projekten im Bereich "Connected Car" laufen und ein Schwerpunkt in der IT-Architektur von mobilen Online-Diensten liegt, wird bei Daimler viel Zeit und Geld in das Mobilitätskonzept car2go investiert. Dafür werden laut einer Sprecherin IT-Kräfte gesucht, die Java sowie Telematiktechnologien beherrschen und den Umgang mit IT-Betriebssystemen beherrschen.

Thomas Neuhaus, Audi: "Wir kooperieren mit renommierten Forschungsstätten."
Foto: Audi

Auch bei Opel und Audi droht IT-Kräften keine Langeweile. Während bei der GM-Tochter zahlreiche Projekte um Infotainment, Telematik und Testautomatisierung kreisen und sich das Augenmerk nach Angaben von Sprecherin Johanna Lomp-Knetsch künftig auf Connectivity und Elektromobilität richten wird, gilt bei der Ingolstädter VW-Tochter dem Kompetenzfeld "Audi connect" volle Konzentration. "Viele spannende Aufgaben für Einsteiger" verspricht Thomas Neuhaus, Personalleiter Finanzen und IT. Sei es die Vernetzung des Autos mit dem Fahrer und dem Internet oder mit der Infrastruktur und mit anderen Fahrzeugen - grundsätzlich würden Absolventen zunächst im Projekt-Management starten oder mit SAP-Aufgaben betraut werden, ehe sie in die Entwicklung der Auto-IT einsteigen könnten.

Die Top-Arbeitgeber 2012
Vorhang auf für....
....die 30 beliebtesten IT-Arbeitgeber 2012. Über 7000 Examensnahe Informatikstudenten aus ganz Deutschland haben für das diesjährige Trendence Graduate Barometer abgestimmt, das der CW exklusiv vorliegt.
Platz 26: ProSiebenSat1 Media AG
Medienkonzerne sind insbesondere unter angehenden Informatikerinnen beliebt. ProSiebenSat1 teilt sich den 26 Platz mit folgenden drei Unternehmen....
Nvidia...
einer der größten Entwickler von Grafikprozessoren und Chipsätzen für Computer und Spielkonsolen, ist ebenfalls auf Platz 26 gelandet ( Vorjahr Platz 27).
Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz...
hat sich auch in diesem Jahr in den Top 30 behauptet. Forschungseintrichtungen ziehen insbesondere die 25 Prozent Besten eines Jahrgangs an.
Platz 25: Max-Planck-Gesellschaft
Sie gehört für IT-Studenten zu den ersten Adressen, wenn es um Innovation geht.
Platz 24: Lufthansa Systems AG
Stefan Hansen, Vorstandsvorsitzender der Lufthansa Systems AG, kann zufrieden sein: Sein Unternehmen hat es als einer der wenigen IT-Dienstleister unter die Top 30 geschafft.
Platz 22: EADS
Der Konzern mit seinen Töchtern Airbus, Eurocopter, EADS Astrium und EADS Defence & Security konnte seinen Platz im Vergleich zu 2011 behalten.
Platz 21: Adobe
Der US-amerikanische Softwarehersteller ist insbesondere für sein Bildbearbeitungsprogramm Photoshop bekannt. Bekannte Produkte überzeugen den IT-Nachwuchs.
Platz 20: Daimler/ Mercedes Benz
Daimler ist einer von insgesamt fünf deutschen Automobilherstellern, die in der Top 30 vertreten sind. Nach der IT ist die Automobilindustrie die Branche, in der Informatiker am liebsten arbeiten möchten.
Platz 19: Electronic Arts
Neben Autos locken den IT-Nachwuchs auch noch Computerspiele. Spielehersteller Electronic Arts verlor aber im Vergleich zum Vorjahr vier Plätze.
Platz 17: Intel
Der Chiphersteller teilt sich in diesem Jahr den Platz mit dem....
...Bundesnachrichtendienst
2011 schnitt der BND, der viele offene Stellen für IT-Spezialisten hat, noch um sechs Plätze besser ab.
Platz 15: Bosch Gruppe
Das Unternehmen, das den weltgrößten Automobilzulieferer Robert Bosch und 300 Tochterfirmen umfasst, hat im Vergleich zum Vorjahr fünf Plätze im Ranking gut gemacht.
Platz 13: Volkswagen
Der VW-Konzern ( hier im Bild die Autostadt in Wolfsburg) stieg in der Gunst des IT-Nachwuchses, und zwar um fünf Plätze.
Platz 13: Porsche
Die VW-Tochter ist seit Jahren als Arbeitgeber unter IT-Studenten äußerst beliebt.
Platz 12:Crytek
Spielehersteller Crytek war 2011 der größte Aufsteiger im Ranking der beliebtesten IT-Arbeitgeber und konnte seine Top-Platzierung fast halten.
Platz 11: Amazon
Eine der wenigen Internet-Firmen, die es unter die Top 30 geschafft haben.
Platz 10: BMW
Attraktive Produkte = attraktiver Arbeitgeber. Diese Gleichung scheint auch für den bayerischen Autobauer aufzugehen.
Platz 9: Siemens
Deutschlands größter Konzern war noch vor zehn Jahren der beliebteste Arbeitgeber der Informatikstudenten. Seitdem verliert er jedes Jahr einen oder mehr Plätze. 2011 belegte er Platz 7.
Platz 8: Fraunhofer Gesellschaft
Der IT-Nachwuchs will forschen. Darum ist die Fraunhofer Gesellschaft mit ihren zahlreichen Instituten - hier im Bild der für den Fußball entwickelte RedFIR Chip- eine feste Größe unter den Top Ten.
Platz 8: Fraunhofer Gesellschaft
Der IT-Nachwuchs will forschen. Darum ist die Fraunhofer Gesellschaft mit ihren zahlreichen Instituten - hier im Bild der für den Fußball entwickelte RedFIR Chip- eine feste Größe unter den Top Ten.
Platz 6: Audi
Die Ingolstädter, für angehende Ingenieure längst Arbeitgeber Nummer eins, werden auch unter Informatikstudenten immer beliebter. Von acht auf Platz sechs in diesem Jahr.
Platz 5: IBM
Martina Koederitz, IBM-Deutschland-Chefin, kann sich dieses Jahr nicht so recht freuen: IBM büßte den zweiten Platz des Vorjahres ein und rutschte drei Plätze ab.
Platz 2: Microsoft Deutschland...
...hier die Zentrale in Unterschleißheim, heißt der Aufsteiger des Jahres. Um zwei Plätze verbesserte sich die Gates-Company, die weltweit 2000 neue Stellen schaffen will.
Doch die meisten Informatikstudenten...
...wollen wie schon seit vier Jahren.....
....bei Google arbeiten.
23,5 Prozent der Stimmen vereinte Google auf sich und damit mehr als doppelte soviel wie der Zweitplatzierte Microsoft.
Ob es an solchen Büros liegt?

Lernen von der Generation Y

In manchen Projekten würde Audi weit in die Zukunft schauen. "Technisch stecken wir noch in den Kinderschuhen", räumt Neuhaus ein. Von der "Generation Y" will man schnell das Laufen lernen: "Weil die jungen Leute mit dem Internet groß geworden sind, können sie uns dabei unterstützen, noch stärker vernetzt zu arbeiten", erwartet der Personalchef. Zur Überraschung vieler Beobachter verzeichnen Autobauer seit einigen Jahren großen Zulauf von karriereorientierten IT-Kräften, so dass sogar bekannte IT-Unternehmen wie IBM oder SAP das Nachsehen haben.

Wie weit kommt man aber dem Nachwuchs entgegen, der auch im beruflichen Umfeld die neueste Technik wie selbstverständlich nutzen will? Laut Neuhaus sei man bei der Verwendung von mobilen Geräten wie Smartphones oder iPads grundsätzlich offen, solange sie einen Mehrwert gegenüber traditionellen Systemen böten. "Auf jeden Fall müssen sie kompatibel sein mit den hohen Standards, die wir in der Sicherheit definieren." Bei BMW weicht man der Frage aus. Bermeitinger: "Jungen Leuten versprechen wir, dass sie sich intensiv mit neuen Technologien befassen können."

iPad im Porsche

Stark vorangetrieben wird der Einsatz von iPads bei Porsche. "Um die Anforderungen unserer Kunden zu verstehen", sagt Steffen Barth vom Personal-Marketing, "müssen wir auch im Unternehmen mit neuen Produkten arbeiten." Weil junge Leute eine höhere Affinität zu neuen Techniken, Produkten und Trends mitbringen, entfällt jede dritte ausgeschriebene Stelle für IT-Experten auf Absolventen und Young Professionals. Entgegenkommend erweist sich der schwäbische Autobauer Daimler, bei dem der Einsatz mobiler Endgeräte konzernweit geregelt ist. Als "Company Owned Devices" stünden den Mitarbeitern neben PC auch Laptops, Smartphones oder Tablets zur Verfügung.

Tanja Bemeitinger, BMW: "Moderne Entwicklungsmethoden spielen bei uns eine große Rolle."
Foto: BMW

Zusätzlich ist erlaubt, eigene Endgeräte zu nutzen (User Owned Devices). "Damit bieten wir Vertretern der ‚Always-on-Generation‘ ein attraktives Arbeitsumfeld", findet die Daimler-Sprecherin. Eingesetzt würden iPads etwa bei Fahrzeugerprobungen für die Dokumentation von Fotos und Analysen. Und iPods in der Produktion hätten die Funktion, Einstellungsdaten zu übermitteln. Damit nicht genug: Unter dem Stichwort "Next Workplace" wird bei Daimler gerade eine integrierte Kollaborationsplattform eingeführt, die Chats, Videokonferenzen oder das gemeinsame Bearbeiten von Dokumenten in virtuellen Teams ermöglicht. Dies werde dem Einsatz mobiler Endgeräte im Unternehmen "einen weiteren Schub" verleihen, erwartet man in Stuttgart.

Konkret sucht der Hersteller, der nach eigenen Angaben dem iPhone durch die Integration ins Anzeige- und Bedienkonzept der neuen A-Klasse bereits "Räder" verliehen hat, "exzellente Fachkräfte mit Persönlichkeit, sozialer Kompetenz und internationaler Ausrichtung", die bereits Projekt-Management- oder erste Praxiserfahrung vorweisen können. Laut Daimler entwickelten sich IT-Innovationen zu "wettbewerbsdifferenzierenden Faktoren" in der Automobilbranche. Deshalb müssten Bewerber nicht nur klassisches IT-Wissen mitbringen, sondern auch die Geschäftsprozesse verstehen, die Sicht der Kunden einbeziehen und sich wie Unternehmensberater mit Geschäftspartnern austauschen können.

Voraussetzung: Leidenschaft fürs Automobil

Während Daimler keine konkreten Einstellungszahlen nennt, will Audi im laufenden Jahr weitere 20 und BMW gleich 200 Positionen in der Fahrzeug-IT besetzen. Mindestens ebenso viele IT-Kräfte werden von dem Münchner Automobilkonzern auch für Infrastruktur- oder Produktionsaufgaben gesucht. Nachdem Automobilhersteller von jungen IT-Kräften als Top-Arbeitgeber angesehen werden, scheint mit "IT im Auto" ein gleichermaßen attraktives wie zukunftsträchtiges Tätigkeitsfeld immer stärker Beachtung zu finden.

Gesucht werden Menschen, die generell Leidenschaft fürs Automobil teilen und ihre Faszination für einzelne Modelle in hohe Einsatzbereitschaft umsetzen wollen. Darauf achtet beispielsweise Porsche besonders bei der Personalauswahl. Freilich müssen die Arbeitgeber auch Abstriche bei den Anforderungen machen, wollen sie offene Positionen schnell besetzen. "IT im Auto ist ein sehr junges Themengebiet, in dem es nur wenige berufserfahrene Spezialisten gibt", betont Audi-Personaler Neuhaus. Ohne Headhunter, die im Zweifel Kandidaten von der Konkurrenz abwerben, geht noch nichts.

Martin Hofmann: CIO bei Volkswagen: "Der Einsatz mobiler Geräte ist ein zukunftsträchtiges Thema."
Foto: Volkswagen

Einige Hersteller wissen scheinbar ganz gut, wie sie das Interesse von potenziellen Mitarbeitern wecken. BMW möchte vor allem Entwickler für sich gewinnen: "Moderne Entwicklungsmethoden und Techniken wie Continuous Integration, Extreme Programming oder Domain Specific Languages, spielen bei uns eine große Rolle", verspricht Bermeitinger. Bei VW wirbt CIO Hofmann mit seinen engen Kooperationen mit renommierten Forschungsstätten wie dem Hasso Plattner Institut oder mit der Stanford University.

Solche Fakten kommen bei der technischen Elite an. Hofmann legt nach: Auch mit seinen Vertragskonditionen sei Volkswagen IT-Anbietern "mindestens ebenbürtig" im Wettbewerb um "Top-Absolventen, Querdenker und Nerds". Spätestens wenn 2014 die neue IT-City in Wolfsburg, die rund 2000 Fachkräften ein "Flair wie Google oder Microsoft" bieten soll, ihre Tore öffnet, sollten jegliche Zweifel ausgeräumt sein.

Arbeiten bei Google in Zürich
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Eines der vielen Google Logos im Google Office in Zürich. In diesem Fall im dezenten Neon Style.
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Die Außenansicht eines der beliebtesten Arbeitsplätze. Weltweit kann sich Google jedes Jahr über mehr als zwei Millionen Bewerbungen freuen ...
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... und das nicht ohne Grund. So ist schon für die Kleinsten gesorgt, wenn Mamma arbeiten muss.
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Egal, ob es ein kleiner Snack für zwischendurch sein soll, oder ...
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... ein vollwertiges Mittagessen. Bei Google muss die Kreativität der Mitarbeiter nicht unter mangelnder Ernährung leiden.
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Steht dann mal eine Besprechung im kleinen Kreis an, stehen Räumlichkeiten der etwas anderen Art zur Verfügung, wie das Meeting-Iglu oder ...
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... eine Meeting-Gondel im Taxi-Style.
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Falls es eher etwas rustikaleres sein soll, kann man die Meeting-Gondel im Alpen-Style wärmstens empfehlen.
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Freunde des Union Jack greifen lieber auf diese Gondel als Besprechungsraum zurück.
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Wer genug von Gondeln hat, kann es sich in einem der Meeting-Eggs gemütlich machen oder ...
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... seinen kreativen Gedanken in der Waterlounge freien Lauf lassen. Schließlich gibt Google seinen Mitarbeitern die Möglichkeit, 20 Prozent der Arbeitszeit zu nutzen, um eigene Ideen zu verwirklichen.
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Die restliche Zeit muss aber doch gearbeitet werden, wie zum Beispiel hier in einem der Büros.
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Wenn die Kreativität nachlässt oder der Feierabend ruft, ist das Leben außerhalb der Google-Welt nur einen kurzen Rutsch entfernt.

(Computerwoche)