Bundeswehr

Die IT-Revolution

08.07.2002 von Johannes Klostermeier
Die Friedens-IT wird ausgelagert. Der neue Dienstleister soll auch am Markt agieren und damit angestammten Systemhäusern Konkurrenz machen. Verteidigungsministerium und das CSC-Ploenzke-Konsortium verhandeln auf Hochtouren.

"Bw@Systems. Das IT-Unternehmen der ... und der Bundeswehr." Wo bislang drei Pünktchen als Platzhalter dienen, werden wohl bald CSC, EADS und Mobilcom stehen. CSC für den IT-Dienstleister Computer Sciences Corporation beziehungsweise seine deutsche Tochter CSC Ploenzke, EADS für den Luft- und Raumfahrtkonzern European Aeronautic Defence and Space Company; der von der Pleite bedrohte Telefondienstleister Mobilcom ist naturgemäß noch ein Wackelkandidat. "Das Konsortium hat uns ein Angebot gemacht; die werden sich dann etwas überlegen müssen", sagt Pressesprecher Michael Kötting. Bw@Systems ist allerdings zunächst nicht mehr als ein Arbeitstitel. "Irgendwie mussten wir das Kind ja nennen", heißt es bei der Bundeswehr.

Die Projekte, die die IT-Struktur der Bundeswehr revolutionieren sollen, tragen einen zugkräftigen Namen: Herkules - "wegen der Kraftanstrengung, die mit der Umsetzung verbunden ist", erklärt der bisherige IT-Direktor der Bundeswehr, Klaus Hahnenfeld. Er steht jetzt dem Stab der IT-Gesellschaft in Gründung (GIG) vor. Herkules gilt als größtes Generalunternehmer- und Outsourcing-Projekt der Bundesregierung bislang. Bei einer Laufzeit von zehn Jahren umfasst das finanzielle Volumen rund 6,5 Milliarden Euro. Hahnenfeld könnte Geschäftsführer der neuen Gesellschaft werden; doch auch das ist abhängig von den Verhandlungen.

Die Gruppe um CSC Ploenzke war bei Redaktionsschluss zunächst der "bevorzugte Bieter" des internen Rankings beim Ministerium. Ebenfalls um den Auftrag beworben hatte sich unter anderem ein Konsortium aus Deutscher Telekom, IBM und Siemens. Rechtliche und inhaltliche Feinprüfungen, die so genannte Due Diligence, sind die letzte Hürde vor dem erwarteten Vertragsabschluss. "Wir arbeiten unter Hochdruck, um das Verfahren so schnell wie möglich zu Ende zu bringen", lässt Kötting wissen. Der genaue Zeitplan ist geheim, damit die Bieter daraus keine Schlüsse für ihre Verhandlungstaktik ziehen können. Verteidigungs- und Haushaltsausschuss werden dem Vertrag wohl erst nach der Bundestagswahl zustimmen.

"Fachliche Gründe" sprachen für die Auswahl der CSC-Gruppe, heißt es in Unternehmenskreisen. Der Konzern ist nach eigenen Angaben schon lange Partner des Pentagons und der US-Streitkräfte und besitzt in Kopenhagen das einzige Nato-zertifizierte Rechenzentrum in Europa. Anders als das Telekom-Konsortium will man die Rechenzentren der Bundeswehr nicht nur an einem, sondern an mehreren Standorten betreiben.

Wehrtechnik bleibt bei der Bundeswehr

Für die Bundeswehr ist Herkules eine Art Kulturrevolution. Während anderswo das Gründerfieber abgeklungen ist, befinden sich die Streitkräfte in einer Start-up-ähnlichen Phase. Auf der Beschaffungskonferenz im September 2001 schockte Hahnenfeld seine Zuhörer mit Begriffen wie CEO, Workshops und Business Case.

Anderswo sicher undenkbar, dass sich eine nationale Armee für den Betrieb ihrer IT mit einem US-Konzern (CSC), einem französisch kontrollierten Telekommunikationsunternehmen (Mobilcom) und einer Gesellschaft niederländischen Rechts (EADS) zusammentut. Jedoch: Alles, was "Krise und Krieg" - also den Einsatz - betrifft, bleibt auch weiter allein in den Händen der Bundeswehr.

Die Friedens-IT hingegen wird in die mit dem Partner neu zu gründende GmbH ausgelagert, an der der Bund höchstens 49,9, der Partner mindestens 50,1 Prozent hält. So soll das Unternehmen auch am Markt agieren können.

Dass die IT-Reform die bisherigen Mitarbeiter umtreibt, ist verständlich. Denn die Bundeswehr will eine Vielzahl ihrer 6000 IT-Fachkräfte in das Joint Venture auslagern. Dadurch entsteht eines der größten deutschen Hightech-Unternehmen. "In der IT-Gesellschaft finden die BW-Angehörigen ein riesiges Potenzial für ihre freie Entfaltung", wirbt Hahnenfeld für den ungewöhnlichen Wechsel in die Privatwirtschaft.

Die neue Firma wird für Ausbau und Betrieb der Weitverkehrs- und Liegenschaftsnetze, der Rechenzentren und der Software-Anwendungen zuständig sein - inklusive der bundeswehrweiten Einführung von SAP R/3. Rund 140000 PC-Arbeitsplätze sind zu betreuen, etwa 300000 Fernsprechteilnehmer suchen Anschluss; es gilt, eine heterogene, nicht interoperable Welt aus 300 IT-Inseln zu verbinden und durch standardisierte und integrierte Lösungen zu ersetzen. Eine wirkliche Herkules-Aufgabe.