MICHAEL BUSCH

Dirigent im Hafen

28.01.2002 von Torsten Engelhardt
Er schlägt den Takt für die Informationstechnik der Hamburger Hafen- und Lagerhaus AG (HHLA). Michael Busch steuert in seiner Funktion als CIO das erste vollautomatische Computer-Terminal der Welt.

Als Michael Busch den Arbeitgeber wechselte, stieß das bei seinen Freunden auf Entsetzen. „Ein Staatsbetrieb! Willst du dir das antun?“ Doch er ließ sich nicht beirren. Auf ihn wartete ein Projekt von ungeheuren Ausmaßen, ein Experiment mit neuer Technologie, zu realisieren am Elbufer mit einem Investitionsvolumen von etwa 23 Millionen Euro – allein für die IT. „Eines der letzten Projekte vergleichbarer Größenordnung in Deutschland war der Bau des Münchner Flughafens Erding“, sagt der44-jährige Busch heute. Seit 1999 ist er CIO oder –wie seine Visitenkarte schlicht verkündet – „Leiter des Zentralbereiches Informationssysteme“ bei der Hamburger Hafen- und Lagerhaus AG (HHLA).

Das Unternehmen gehört der Stadt Hamburg. Die HHLA ist der größte Umschlagsbetrieb im Hafen der Hansestadt. Es werden hier im Jahrmehr Container bewegt als in Bremen und Bremerhaven zusammen. Allerdings fällt das Wachstum an der Elbe derzeit magerer aus als bei den Nachbarn an der Weser. Damit sich das wieder ändert, soll in Hamburg-Altenwerder Mitte März das erste vollautomatische Container-Terminal in Betrieb gehen.„Ein sehr ehrgeiziges Projekt“, muss selbst Emanuell Schiffer, CEO vom Wettbewerber Eurogate, anerkennen.

16 Containerbrücken, 65 fahrerlose Transportfahrzeuge,44 Schienenkräne und hunderte von Gabelstaplern sollen hier gleich einem Geisterballett bis zu 1,9 Millionen Container pro Jahr bewegen – so schnell, so Platz sparend und so personalarm wie möglich. Denn der Preisdruck auf die Terminal-Operator ist immens in einer Region, in der vier eng beieinander liegende Häfen (Antwerpen, Bremen, Hamburg und Rotterdam) um die Fracht aus Amerika und Fernost buhlen.

IT fast komplett neu entwickelt

Vielleicht ist Buschs Zuversicht aber auch nur eine Attitüde aus vergangenen Beraterjahren. Immerhin hat er einen Datenverkehr zu dirigieren, der das Fahrzeug aufkommen am Kamener Kreuz übersichtlich erscheinen lässt. Informationen von Reedern, Spediteuren, Händlern und vom Zoll fließen hier zusammen mit Positionsdaten von Containern, Kränen, Schiffen und Zügen. In kürzester Zeitmüssen daraus Einsatzpläne, Stapellisten, Ideallinien für Kranschwenks und Fahrzeugrouten errechnet und ständigaktualisiert werden. Transponder-Technik und Datenfunksollen das ermöglichen. Und natürlich will der Reedersehen, wie es um seine Fracht steht, der Zoll seine Erklärungen haben und die Feuerwehr wissen, wo das Gefahrgut lagert – online und in Realtime.

"Wir haben fast alle Informationssysteme und die Software neu entwickelt", erklärt Busch seine Strategie;„auf Basis einer Drei-Schichten-Architektur mit Java-Technologie.“ Die Steuerung der Terminal-Logistik läuft unter dem Arbeitstitel „Containersystem Altenwerder“ bereits komplett mit Java, das Containerbasis-System –zuständig für die Administration der Boxen – bisher nur zur Hälfte, damit die Kompatibilität zu den anderen HHLA-Terminals gewahrt bleibt. An den Schnittstellen gebe es noch Probleme, stöhnt der Elektrotechniker. Das Ziel sei deshalb, bis Ende 2003 Altenwerder vollständig mit Java zu fahren und die anderen Terminals bis 2007umgestellt zu haben.

Als Enterprise Recource Provider dient SAP. „Wir setzen R/3 mit den Komponenten HR, FI, CO und MM ein; die Komponenten PM und SM werden derzeit eingeführt“, sagt Busch. Das Fakturieren erfolge mit dem „selbst entwickelten universellen Tarifierungs- und Abrechnungssystem“(UTA); SAP sei hier nicht leistungsfähig genug.

Die Entscheidung für Java fiel im Konzern schon vor Buschs Zeiten. „Mutig“, nennt er das. Bisher gebe es weltweit nur wenige Mission-Critical-Projekte mit durch-gängigerJava-Technologie. Dabei lägen die Vorteile auf der Hand: „Durch das objekt- und komponenten-orientierte Arbeiten mit schlanken Schnittstellen erreichen wir eine hohe Wiederverwendbarkeit und bewegen uns in internationalen Standards.“ Zudem ergab eine Marktrecherche 1999, dass keine Standard-Software fähig sei, ein derartig automatisiertes Terminal zu steuern. „Die Systemarchitektur des Marktführers Navis stammt vom Anfang der neunziger Jahre und wurde ursprünglich für den Mac entwickelt“, beschreibt Busch das Dilemma. Das Logistik-Know-how des Unternehmens könne mit Standard-Software nicht zur optimalen Steuerung des Terminals eingesetzt werden.

Logistik im Terminal-Hinterland

Schon einmal hatte sich Busch als Pionier profiliert. Mitte der achtziger Jahre arbeitete er als Anwendungsentwickler im Bereich Datenkommunikation bei der Firma SCS. Dort implementierte er das Protokoll TCP/IP für den Datenverkehr, bevor es mit dem Internet weltweit bekannt wurde. „Glück gehabt“, bemerkt er norddeutsch trocken Heute sitzt der Weinliebhaber in der Hamburger Speicherstadt. Als er bei der HHLA anfing, zählte seine Abteilung66 Mitarbeiter; inzwischen sind es 95. Hinzu kommen noch 50 Externe von Software-Schmieden wie Oracle oder Debis. Oracle wird im Rahmen eines modifizierten TESS-Systems der Aachener Firma Inform eingesetzt. TESS steuert die Logistik von Bahn und Lkws im Hinterland des Terminals. Oracle hilft hier bei Lagerverwaltung und Persistenz der Message Queues im Java Message Service.

Als Abteilungsleiter berichtet Busch an den Vorstand. Und der durchkreuzt schon mal die Vision von der reinen Java-Welt – doch nur, wenn es sich nicht rechne, beeilt sich Busch zu sagen. Schmallippig wird er erst bei der Frage, wie sich denn der Hamburger Regierungswechsel auf die „Containerbehörde“ auswirke. „Wir können der Entwicklung der HHLA in jede Richtung folgen“, lautet seine diplomatische Antwort. Das Unternehmen habe sich gewandelt; Wirtschaftlichkeit stünde heute an erster Stelle.

Siehe Altenwerder. Dort will die HHLA eines Tages mitdrei Containerbrücken 150 Boxen pro Stunde am Groß-containerschiffbewegen. „Auf dem Burchardkai nebenan balancieren wir derzeit 100 Container mit vier Brücken“, sagt Busch, bevor aus dem kühnen Rechner wieder einpassionierter Anwendungsentwickler wird. „Die Kombinierbarkeit der Geräte in Altenwerder ist eine Weltneuheit“, schwärmt er. „Das ist IT zum anfassen.“