Cloud, SaaS, Marktanalyse

Experton: Die Trends bei ERP-Anbietern

28.09.2012 von Werner Kurzlechner
Experton erwartet neben einer Bereinigung der Anbieterlandschaft einen Schub für SaaS, das im ERP-Bereich noch nicht in die Gänge kommt.
Kaum Bewegung: Diese Entwicklung prognostiziert Experton für den deutschen ERP-Markt.
Foto: Experton Group

Scheinbar ist auf dem hiesigen Markt für Enterprise Resource Planning (ERP) in naher Zukunft wenig los. Das suggeriert ein erster Blick auf eine Prognose der Experton Group. Demnach werden in der Bundesrepublik in diesem Jahr 2,56 Milliarden Euro für ERP-Software ausgegeben, was etwa 11 Prozent der gesamten Softwareausgaben von Firmen und öffentlicher Hand ausmacht. An der Ausgabenhöhe ändert sich laut Experton bis 2016 nahezu nichts.

Unterhalb dieser unbewegten Decke tut sich laut Experton-Analyst Frank Schmeiler aber doch so einiges. Eine rückläufige Entwicklung bei den Großunternehmen wird durch zunehmende Aktivitäten aus dem Mittelstand kompensiert; Software-as-a-Service (SaaS) bleibt zwar eine Randerscheinung, nimmt aber doch Fahrt auf; zudem gelingt es den Anwendern weiterhin nicht, in der Frage nach Individualisierung oder Standardisierung konsequent und unbeirrt die richtige Entscheidungen zu treffen. Folgt man Schmeiler, so beharren viele Firmen unnötigerweise auf ihren überteuerten Eigenentwicklungen.

„ERP-Software hat im Segment der Großunternehmen weitestgehend eine Marktsättigung erreicht“, berichtet der Analyst. In kleineren Unternehmen und auch im Mittelstand bestehe dagegen noch Bedarf an ERP-Lösungen – auch an Neuanschaffungen. Dort setzten noch zahlreiche Unternehmen einzelne Businessapplikationen anstelle von integrierten betriebswirtschaftlichen Lösungen ein. „Aber auch vorhandene ERP-Systeme sind zum Teil bereits sehr alt und befinden sich oftmals am Ende des Lebenszyklus“, so Schmeiler.

Weniger Eigenentwicklungen

In Großunternehmen beschränkten die ERP-Aktivitäten im Kern auf den Abbau von Eigenentwicklungen, auf Flexibilisierung und Nutzerfreundlichkeit sowie auf mobile Anbindung. Daneben spielten die Integration in andere bestehende Backend-Applikationen sowie die vertikale Funktions-Erweiterung zum Beispiel in Produktion und Logistik eine Rolle.

Komplette Cloud-ERP-Lösungen seien aufgrund ihrer hohen Standardisierung hauptsächlich in kleineren Unternehmen relevant, sagt Schmeiler. Demgegenüber kämen die SaaS-Angebote in großen Unternehmen vornehmlich bei der Anbindung weiterer Satelliten oder als punktuelle und funktionale Ergänzung bestehender Lösungen etwa im Bereich HR- und Talent Management zum Tragen.

SaaS ist meist nur Hosting

Zwar beschäftigten sich aktuell nahezu alle führenden ERP-Anbieter mit dem Thema Cloud Computing und viele Cloud-Anbieter mit Services für den Betrieb unternehmenskritischer Anwendungen. Dennoch summierten sich die Ausgabe für SaaS-ERP hierzulande in diesem Jahr lediglich auf 83 Millionen Euro oder 3 Prozent der ERP-Ausgaben.

Experton-Analyst Frank Schmeiler: "Den großen Anbietern fällt es häufig schwer, auf die Fragen des Mittelstandes die richtigen Antworten zu geben."
Foto: Experton Group

Für die kommenden Jahre rechnet Experton gleichwohl mit einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 54 Prozent. 2016 würde ERP aus der Cloud mit einem Ausgabenvolumen von 467 Millionen Euro nahezu ein Fünftel des Marktes ausmachen.

Letztlich sei es wenig verwunderlich, dass das Angebot im ERP-Umfeld hinsichtlich SaaS noch sehr überschaubar ist. „Zwar ist das Thema ERP und Cloud Computing in aller Munde“, so Schmeiler. „Es muss aber festgestellt werden, dass es sich hierbei meist nicht um wirkliche SaaS-Lösungen handelt, sondern um Hosting-Angebote.“ In diesem Szenario gehe es mehr um ein Outsourcing mit Cloud-Computing-Elementen.

ERP-SaaS-Modelle

Im ERP-SaaS-Modell decke ein monatlicher Preis je Anwender alle anfallenden Kosten ab, was auf der Kostenseite ein Höchstmaß an Flexibilität für den Anwender bedeute. „Einschränkungen muss er dann dafür bei der Individualisierung hinnehmen“, so Schmeiler. Und genau da liege auch das Problem: „So sind die meisten mittelständischen Unternehmen heute noch nicht bereit, oder vielleicht sogar nicht in der Lage, sich diesem Standard zu unterwerfen“, beobachtet der Analyst.

Der Individualisierungsgrad sei im Kern branchenabhängig, berichtet Experton weiter. Auch bei ERP-Standardsoftware seien durchschnittliche Individualisierungsgrade von schätzungsweise 30 bis 50 Prozent keine Seltenheit. Nach Experton-Einschätzung keineswegs ein vorteilhafter Zustand: „Hier klafft eine deutliche Lücke zwischen zur Verfügung stehenden und genutzten Standards, was für viele Firmen Nachteile bezüglich Kosten, Projektlaufzeiten, Prozessen, Datenanalysen und Durchgängigkeit bedeutet“, kommentiert Schmeiler.

Oracle tut sich schwer

Zudem stehe der Aufwand häufig in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen Wettbewerbsvorteilen, die daraus zu generieren sind. Eine Anpassung scheitere oft an Angst vor Kompetenzverlust oder firmenpolitischen Gründen. Dabei seien viele Softwareanbieter in der Lage, Branchenfunktionalität bereits im Standard abzubilden. „Grundlegende betriebswirtschaftliche Funktionalitäten sind ohnehin überall vorhanden“, so Schmeiler. Ferner entwickelten die betrachteten Anbieter die genannten Basisfunktionalitäten kontinuierlich weiter. Viele Lösungen verfügten mittlerweile über eine große Funktionalitätsvielfalt, seien aber auch sehr komplex. Als Beispiel nennt der Analyst die SAP-Branchenlösungen.

SAP sei mit weitem Abstand zur Konkurrenz immer noch unangefochtener Platzhirsch unter den Anbietern. Microsoft, Infor, Sage und Lexware kämen jeweils nicht über einstellige Marktanteile hinaus. „Im Gegensatz zum weltweiten Einsatz spielt auch Oracle auf dem deutschen ERP-Software-Markt nur eine eher untergeordnete Rolle“, so Experton weiter. Wer als Anbieter keine neuen und flexiblen Lösungen auf Basis moderner Technologien wie Java EE oder .NET. entwickle, werde entweder von großen Unternehmen aufgekauft oder mittelfristig vom Markt verschwinden.

Fortschreitende Konsolidierung der Anbieter

Alles in allem sei die hiesige Anbieterlandschaft weiterhin sehr heterogen, aber einer fortschreitenden Konsolidierung unterworfen. Die großen Anbieter adressierten als Generalisten oftmals eine Fülle von Branchen und seien aufgrund ihrer Historie auch eher bei Großunternehmen vertreten. „Diesen Unternehmen fällt es jedoch häufig schwer, auf die Fragen des Mittelstandes die richtigen Antworten zu geben“, bemängelt Schmeiler. Kleinere Anbieter seien hingegen sehr dicht an den Bedürfnissen ihrer Kunden, hätten aber häufig mit Finanzierungsproblemen und einer zu geringen Zahl an Kunden zu kämpfen.

Diese Einschätzungen gehen aus dem "Experton Group Market Navigator" hervor. Dabei handelt es sich um eine umfassende und modulare Datenbank für den gesamten IT-Markt in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Ergebnisse sind nach 135 Produkten und Services, 87 Branchen sowie viermal zwölf Unternehmens-Größenklassen und für die Jahre 2009 bis 2016 darstellbar.