Start-ups vs Softwareriesen

Internet of Things: Anbieter brauchen noch 5 Jahre

17.07.2015 von Werner Kurzlechner
Auch wenn Microsoft, IBM, SAP und Oracle sich aufs Internet der Dinge stürzen, bleibt dem Markt auf Sicht eine hohe Anbietervielfalt erhalten. Forrester Research gibt den CIOs Orientierungstipps, Gartner adelt einige Spezialisten wie Axiros aus München zum „Cool Vendor“.
  • Anwender suchen nach konkreten Geschäftsmodellen
  • Forrester bemängelt Produktrecycling
  • Integration der Systeme mit reinen IoT-Plattformen dauert noch Jahre
  • Security bleibt ein Tummelplatz
Beim Internet der Dinge weiter auf Plattformen der reinen Spezialanbieter setzen? Oder lieber auf SAP, IBM, Oracle und Microsoft warten? Eine einfache Antwort gibt es leider nicht, meint Forrester.
Foto: mangpor2004_shutterstock.com

Junge Technologien produzieren immer Chaos: Neue Anbieter treten auf die Bildfläche und erschüttern die für gut eingefahren gehaltenen Gleise - zunächst einmal; irgendwann aber reagieren die Platzhirsche und versuchen, die Herausforderer wieder aus dem Markt zu drängen. Beim Internet of Things (IoT) steckt die Entwicklung mittendrin in dieser Phase, die für CIOs reizvoll, aber auch tückisch ist.

Die entscheidende Frage lautet: Sollte man weiter auf die Angebote der Start-ups setzen? Und wenn ja: auf welche? Oder sollte man lieber schnell auf die Züge springen, die etablierte Software-Riesen gerade erst auf die Reise zu schicken beginnen? Antworten auf diese Fragen liefern neue Studien von Gartner und Forrester Research.

Gartner findet 5 Firmen cool, Forrester schaut auf die Big Four

Der Fokus der beiden Studien ist dabei gegensätzlich. Gartner benennt - was sich schon aus dem Studientitel ergibt - die "Cool Vendors in the Internet of Things, 2015". Die Analysten stellen fünf Anbieter vor, die CIOs und anderen Entscheidern beim Aufbau von IoT-Lösungen helfen können. Die Studienautoren Alfonso Velosa, Benoit J. Lheureux, Eric Goodness, Earl Perkins und Anshul Gupta betonen, dass sie keine erschöpfende Anbieterliste für alle möglichen technologischen Felder erstellt haben, sondern eben schlichtweg ein Schlaglicht auf einige interessante, neue und innovative Anbieter werfen.

Forrester-Analyst Frank E. Gillett als federführender Autor der Studie "Brief: Enterprise Software Giants Embrace The Internet of Things" nimmt demgegenüber die jüngsten IoT-Aktivitäten der vier Giganten IBM, Microsoft, SAP und Oracle ins Visier und stellt prägnant dar, wie CIOs aus seiner Sicht mit diesen Angeboten umgehen sollten.

Axiros aus München sowie Ayla Networks und Concirrus

"Das Interesse am und der Hype ums Internet der Dinge wandeln sich in vielen Firmen in Proof-of-Concept-IoT-Projekte", heißt es in der Gartner-Studie. "Sie wollen die Kernanforderungen für den Aufbau von Block-Technologien und mögliche Geschäftsmodelle verstehen." Viele Unternehmen seien aktuell mit der Entwicklung von IoT-Plattformen beschäftigt.

Diese Plattformen sollen über den Hebel Cloud Computing Gateway-basierte Architekturen in Schwung bringen, die IoT-Endpunkte mit den Systemen der Unternehmens-IT verbinden. Drei Anbieter sind Gartner in diesem Segment besonders aufgefallen - einer davon sogar aus Deutschland: Axiros aus München, Ayla Networks aus dem kalifornischen Sunnyvale und Concirrus aus London.

Sansa Security und Sigfox

Die beiden anderen Anbieter - Sansa Security aus Tel Aviv und Sigfox aus Frankreich - sind Spezialisten für die Sicherheit der Anbindung an die Endpunkte. Sansa Security hat einen eingebetteten Sicherheitscode für Chip-Gerätesätze entwickelt, Sigfox arbeitet am Aufbau eines dedizierten zellenförmigen UNB-Netzwerkes - also eines auf Ultra Narrow Band basierenden Netzwerkes.

Gartners charakterisiert die fünf "Cool Vendors" in der Studie und empfiehlt Anwendern im Wesentlichen, das Quintett ebenso wie andere Anbieter auf eine Prüfliste für anstehende IoT-Projekte zu setzen. Ob einer dieser Spezialisten tatsächlich passt, hängt dann wie so oft von den individuellen Gegebenheiten ab.

Die Big Four brauchen noch mindestens 5 Jahre

Nun stellt sich mit Recht die Frage, ob sich dieser Aufwand des Herausfilterns eines IoT-Spezialisten überhaupt lohnt, wenn doch nun so bewährte Kräfte wie Microsoft, IBM, SAP und Oracle auch auf diesem Gelände ackern. Die Antwort liefert qua Fragestellung die Forrester-Studie - und sie macht Gartners Prämierung ausgewählter kleiner Anbieter nicht obsolet.

Das Verdikt von Forrester-Analyst Gillett ist eindeutig: Fünf Jahre wird es vermutlich noch dauern, bis die Big Four das gesamte IoT-Spektrum weitgehend abdecken können. Allerdings sind die Aktivitäten der Riesen zumindest teilweise auch jetzt schon zu attraktiv, um ignoriert werden zu können - und der Einstieg weiterer Branchengrößen steht bevor.

"Die meisten CIOs großer Firmen vertrauen auf einen oder mehrere der vier Software-Giganten für ihre Systems of Record, für alltägliche Geschäftsprozesse und für das Management vitaler Geschäftsdaten", so Gillett einleitend. Die großen Vier stellen darüber hinaus Schlüsselelemente der immer wichtiger werdenden Systems of Engagement bereit - und durchweg bewegten sie sich in den vergangenen Monaten aufs Terrain des Internets der Dinge.

Forrester: Spezialisten in zwei Feldern unangefochten

Forrester stellt dazu zunächst nüchtern fest, dass die Marktteilnehmer oftmals bestehende Produkte und Slogans schlicht recyceln und beispielsweise Labels wie "M2M" oder "embedded" in IoT umetikettieren. "Die letzten Aktivitäten von Microsoft und IBM gehen in diese Richtung", urteilt Gillett. "Aber die Anbieter haben auch neue Codes geschrieben, neue Lösungen zusammengefügt, neue Software-Integrationen entwickelt und Support für neue Software-Standards und -Protokolle hinzugefügt." Gleichwohl sei das erst der Beginn einer fünfjährigen Reise, während derer die Riesen expandieren und ihre Software mit spezialisierten IoT-Plattformen wie ThingWorx von PTC oder Xively von LogMeIn integrieren werden.

Business-Ideen im Internet of Things
AdhereTech: Tabletten schon eingenommen?
Als zwei von zehn interessanten IoT-Startups hat Computerwoche die folgenden beiden Beispiele vorgestellt. AdhereTech ist eine smarte Pillendose, die den Patienten darauf hinweist, seine Tabletten einzunehmen.
Chui als sicherer Türöffner
Chui soll über Gesichtserkennung die „weltweit intelligenteste Türklingel“ sein.
Nicht verwandt: Chui Motorcycle Trackers
Aus einer Serie von Motorrad-Diebstählen in Kenia ist die Idee entstanden, einen GPS-Service für verloren gegangene Maschinen und Flottenmanagement aufzubauen. Das Chui in Chui Motorcycle Trackers ist nicht Chinesisch, sondern Swahili und bedeutet Leopard, zugleich Wappentier der Firma.
Wo ist Lilly?
Unter dem Namen „Wo ist Lilly?“ entwickelt und vertreibt ein junges Berliner Unternehmen GPS-Tracker für Kinder, Katzen und Hunde. Ähnliche Produkte werden auf der Alm auch für frei weidende Kühe eingesetzt.
Au Back, die Klingen gehen aus!
Ob „Mann“ morgens vor dem Spiegel tatsächlich die Sorge hat, dass er sich anderntags nicht mehr nassrasieren kann, sei dahingestellt. Aber mit dieser Box hat Gilette eine M2M-Lösung entwickelt, welche die Nachbestellung auf Knopfdruck ermöglicht.
Yoints statt der alten Rabattmarken
Das Hamburger Startup Yoints ermöglicht es Geschäften, dass die Kunden über die eigenen yBeacons am Ladeneingang schon mit Bonuspunkten belohnt werden, ebenso auch an der Kasse. Kommen genügend Treuepunkte zusammen, können die fleißigen Käufer dann mit Prämien belohnt werden. Praktisch ist das eine Art Rabattmarken 4.0.
Toshiba-Idee für Public Displays
Von der personalisierten Kundenansprache träumen heute viele Handelshäuser und ihre IT-Partner. Nicht zuletzt deshalb hat Facebook gerade die Nutzungsbedingungen geändert hat, heißt es. Hersteller von Public Displays arbeiten seit langem an entsprechenden Digital-Signage-Lösungen für Einkaufszentren, Bahnhöfe und Flughäfen etwa. Noch in der Findungsphase findet sich diese von Toshiba mit Sonys TransferJet für den Informations- und Datenaustausch auf kurze Entfernungen.
Seidensticker-Hemden aus dem Automaten
Selbst eine Traditionsmarke wie Seidensticker geht mit der Zeit und bietet die Herrenhemden über Automaten an, die über M2M zentral den Füllstand anzeigen. Mehr und mehr Automatenaufsteller setzen auf diese Technologie, weil das Abfahren und Aufschließen jeder einzelnen Verkaufsbox weit teurer ist.
Datenbrillen zum Wohle der Patienten
Medizintechnik und Gesundheit sind das absatz- und umsatzstärkste Segment für Wearables. In der Radio-Onkologie des Universitätsspitals Zürich setzt man für die Atem-Selbstkontrolle der Patienten im CT auf die Moverio BT-100 genannte Datenbrille von Epson.
Entwicklerplattform Apple Watch
Smartwatches wie Apple Watch bieten Entwicklern viele Möglichkeiten für eigene Geschäftsideen, nicht nur im viel zitierten Bereich Fitness.
Samsung verspricht massive Fördermittel
Samsung-CEO BK Yoon hat auf der CES 2015 Anfang Januar 100 Millionen Dollar an Fördermitteln für Entwickler in Aussicht gestellt. „Denn nur zusammen können wir die Zukunft des Internets der Dinge gestalten“, so Yoon. Besonders gefördert werden sollen Technologie-Startups, wie sie die Deutsche Telekom übrigens über fünf Jahre mit 500 Millionen Euro den Steigbügel halten will.
Intel Make it Wearable
Rund um die eigene Edison-Plattform hat Intel 2014 einen mit 500.000 Dollar dotierten Wettbewerb für interessante Wearable-Ideen ausgeschrieben. In den zehn Finalistenteams waren auch mehrere Deutsche.
Die Drohne Nixie hat bei Intel gewonnen
Die 500.000 Dollar aus dem Intel-Wettbewerb „Make it Wearable“ hat das US-Team Nixie mit dieser handlichen Drohne als erste tragbare Kamera gewonnen, die fliegen kann. Dabei gab es auch andere gute Ideen. Einen smarten Handschuh mit integrierten Sensoren, Scanner und Display hatte zum Beispiel das Team ProGlove aus München ins Rennen geschickt.

Alles befindet sich also noch in einem frühen Stadium. Aber Forrester ist sich bereits sicher, bei welchen zentralen IoT-Plattform-Funktionen CIOs schon jetzt auf die bewährten Giganten setzen sollten und bei welchen nicht. In Kürze: Bei Connect und Manage haben die Spezialisten die Nase vorn, bei Secure, Build und Analyze punkten die Riesen.

Connect

Laut Forrester sind bei jedem IoT-Use Case, der Carrier-Konnektivität beinhaltet, Wireless Management Platform-Anbieter wie Jasper und Numerex mit ihren spezialisierten IoT-Lösungen unschlagbar. Bei IoT-Use Cases, die auf freier Konnektivität mit kurzer Reichweite basieren, werden nach Einschätzung der Analysten auch die reinen IoT-Anbieter dominant bleiben. Sie bleiben vorne bei speziellen Implementierungen proprietärer und branchenspezifischer Technologien und Netzwerkprotokolle wie Controller Area Network (CAN) in der Automobilbranche. Forrester geht davon aus, dass die Software-Riesen hier den Schulterschluss mit Spezialisten wie Ayla Networks oder Echelon suchen werden: "Es ergäbe keinen Sinn, diese Kapazitäten im eigenen Haus aufzubauen."

Manage

IoT-Geräte unterscheiden sich stark hinsichtlich Hardware-Details, Stromverbrauch, Betriebssystemen und Software-Protokollen - und das hat beträchtliche Auswirkungen auf ihr Management und auf Updates. Die reinen IoT-Anbieter werden sich deshalb nach Einschätzung von Forrester auf bestimmte Anwendungsfelder wie Near Field Communication-Tags (NFC) für die Lieferkette spezialisieren. Die Software-Riesen werden sich demgegenüber nicht in operativen Details verlieren, sondern sich auf die Nutzung der Sensordaten konzentrieren. "Eine denkbare Ausnahme ist Microsoft Intune, das wahrscheinlich für gebräuchliche IoT-Use Cases ausgebaut wird", heißt es in der Studie. "Aber Forrester geht davon aus, dass breit angelegte Lösungen wie diese niemals alle Use Cases abdecken werden, die ein Unternehmen benötigt."

Secure

Forrester geht davon aus, dass hier dauerhaft drei Gruppen mitspielen werden, nämlich IoT-Plattform-Anbieter, die Software-Riesen und allgemeine Security-Anbieter: "Das liegt an der Forderung der CIOs nach einem kohärenten Security-Ansatz, der spezielle Techniken und Technologien für IoT-Geräte mit einem ganzheitlichen Ansatz für die Unternehmenssicherheit integriert, so dass Chief Information Security Officers die gesamte Bedrohungslandschaft überblicken und managen können." Deshalb, so Forrester, werden die großen Vier IoT-Security-Funktionalitäten in ihre IoT-Lösungen einbauen. Schon qua Definition könnten sie aber nie die alleinige Quelle fürs Sicherheitsmanagement beim Internet der Dinge sein.

Build

Derzeit beruhen die Angebote der reinen IoT-Plattformen für Anwendungsentwicklung, Runtime-Umwelten und API-Management laut Forrester darauf, dass Funktionalitäten schlichtweg dupliziert werden - und zwar in der Regel jene von Microsoft, IBM, Oracle oder SAP. "Das kann nicht lange andauern", stellen die Analysten in aller Schärfe fest. Die klare Empfehlung für CIOs: In diesem Bereich auf die etablierten Kräfte setzen, sobald diese ihre Software-Plattformen auf den IoT-Support ausgeweitet haben. Weil das aber noch ein paar Jahre dauern dürfte, geht es momentan noch nicht ohne die IoT-Spezialisten.

Analytics

Hier gilt im Grunde das gleiche wie bei Build. Die Koexistenz von Enterprise-Systemen und IoT-Plattformen schafft momentan Doppelinfrastrukturen, die den Verantwortlichen bei der Integration von Sensordaten in bestehende Business Process Software Kopfschmerzen bereitet. Forrester geht davon aus, dass die Software-Riesen in den kommenden Jahren schrittweise IoT-Analyse-Features anbieten werden. Enterprise-Architekten sollten sich deshalb auf graduelle Migration einstellen.

Auch Amazon und Intel machen sich bereit

Forrester rechnet in Bälde mit weiteren Spielern auf dem IoT-Feld. Intel arbeite an einem Cloud-Service, der die eigenen Geräte authentifiziert und Updates durchführt, ARM hat ein Mini-Betriebssystem für IoT-Geräte angekündigt. BPM-Anbieter wie Pegasystems werden laut Prognose der Analysten ebenfalls bald Sensordaten integrieren; Amazon Web Services (AWS) sei dabei, Cloud-Services für den IoT-Einsatz anzubieten.

Die Vielfalt der IoT-Use Cases sei enorm und reiche von mit Tablet-Apps verbunden Küchengeräten, die Kochbücher ersetzen, bis hin zu Traktoren, die Saat und Düngung präzise für jeden Quadratmeter Boden bestimmen können. "Das bedeutet, dass CIOs sich nie darauf werden verlassen können, dass ein einzelner Anbieter eine All-in-One-IoT-Lösung anbietet - das gilt sogar für die Giganten der Enterprise-Software", analysiert Forrester.

Den IT-Chefs bleibe deshalb nichts anderes übrig, als sich auf eine Vielfalt an IoT-Plattformen einzustellen, die auf spezifischen Applikationen basieren. "CIOs müssen unterschiedliche IoT-Software-Plattformen akzeptieren und mit Hilfe der Software-Riesen integrieren", lautet die grundlegende Empfehlung von Analyst Gillett.