Soft Skills, Quereinstieg, Fachkarriere

Irrtümer in einer IT-Karriere

06.10.2015 von Bettina Dobe
Was man in der IT wirklich braucht, um Karriere zu machen – und was nur ein Mythos ist – erklärt Ulf Andresen, Personalexperte von HSC Personalmanagement.

Was muss eine Führungskraft nicht alles erreicht haben, damit sie Karriere macht: Ohne Doktortitel geht nichts, ein Auslandsaufenthalt ist Pflicht, und mit über 50 ist sowieso Schluss mit der Karriere. Das sind wohlbekannte Karrieremythen. Aber in der IT-Branche gelten andere Regeln als für Führungskräfte in der Wirtschaft. Kaum jemand käme auf die Idee, von einem ITler Auslandserfahrung zu fordern – viel wichtiger sind fundierte Englischkenntnisse. Auch ein Doktortitel ist in der IT nicht unbedingt von Vorteil. Die IT hat ihre ganze eigenen Karrieremythen – welche davon stimmen, haben wir uns genauer angesehen.

Die IT-Branche hat ihre ganze eigenen Karrieremythen. Die Zeiten eines nerdigen IT-Experten, der nicht aus seinem Kämmerlein kommt, sind vorbei. Und auch IT-Spezialisten müssen sich auf Weiterbildungen einstellen.
Foto: fotografiedk - Fotolia.com

Mythos Nummer1: Quereinsteiger sind gern gesehen

"Eine Zeitlang gab es jede Menge Quereinsteiger in der IT", erzählt Ulf Andresen, Leiter Competence Center Consulting beim IT-Personalexperten HSC Personalmanagement. Menschen, die keine Informatik oder ein ähnliches Feld studiert hatten, kamen trotzdem unter. Wegen vieler unbesetzter Stellen in der IT könnte man nun meinen, dass viele Unternehmen wieder auf die Quereinsteiger ausweichen – auch wenn man in sie investieren muss.

Sollten wir uns auf Psychologen als IT-Berater einstellen? Doch da widerspricht Andresen ganz vehement: "Das ist nicht so. Nicht die Quereinsteiger, sondern die hochqualifizierten Leute werden gesucht." Oft bewürben sich Leute ohne Informatik-Hintergrund auf Stellen, die einen hohen Grad an Spezialisierung erforderten, erzählt Andresen. "Dahinter steckt eben der Gedanke, dass ein Quereinstieg möglich ist. Aber die Aufgaben sind einfach zu komplex geworden."

Mythos Nummer 2: In der IT kann man auch ohne Soft Skills Karriere machen

"Der Beruf des Anwendungsentwicklers hat sich gewandelt", sagt Andresen. "Früher waren es introvertierte Leute, die ihr Spezialistentum gelebt haben." Aber die Zeiten des nerdigen IT-Experten, der nicht aus seinem Kämmerlein kommt, sind vorbei. "Auch IT-Berater und Entwickler müssen kommunikativ und teamfähig sein", sagt Andresen. "Man braucht auch in diesem Beruf Soft Skills", sagt er. Wer Karriere machen will und nicht ewig auf einer Stelle hocken möchte, muss zusehen, dass er sich ein paar soziale Kompetenzen aneignet.

Mythos Nummer 3: Ich mach' in SAP – mein Leben lang

Keine Frage, SAP-Experten werden gesucht. "Aber wer einmal SAP-Spezialist ist, sollte sich nicht darauf verlassen, dass er das sein ganzes Leben lang umsetzen kann", warnt Andresen. Inzwischen gibt es vermehrt kleinere Software-Anbieter auf dem Markt, die sehr erfolgreich sind. Unternehmen setzen zunehmend auf diese Anbieter und nicht mehr ausschließlich auf den Branchenreisen. Das wirkt sich auf die Jobprognosen aus. "Allein als SAP-Spezialist wird man sein Leben lang nicht arbeiten können", sagt Andresen. Auch IT-Spezialisten müssen sich auf Weiterbildungen einstellen. Das ist nicht weiter schlimm, denn wer Erfahrung mit SAP hat, kann lernen, sich in andere Programmierungen hineinzudenken.

12 Karriere-Mythen
In einer Wirtschaftskrise macht man keine Karriere
"In der Krise wählen Unternehmen bei der Besetzung von Stellen zwar sorgfältiger aus. Aber sie stellen trotzdem noch ein", ist die Erfahrung von Marcus Schmidt. Gerade in Phasen des Umbruchs gebe es etwa die Chance zur Übernahme von Restrukturierungsjobs, bei denen wirklich die Fähigkeit der Verantwortlichen zählt.
Frauen hindert die "gläserne Decke" am Aufstieg
Tatsächlich finde sich diese "gläserne Decke" vor allem in den Köpfen der männlichen Entscheider, glaubt Schmidt. Für weibliche Führungskräfte scheine sie hingegen kein Thema zu sein. "Viele Beratungsunternehmen und große Konzerne bitten uns öfter sogar explizit, nach weiblichen Kandidatinnen zu suchen."
Karriere macht, wer mehr als 60 Stunden pro Woche arbeitet
Falsch, glaubt Headhunter Marcus Schmidt. Ebenso wichtig wie der tatsächliche Zeiteinsatz sei der gefühlte Zeiteinsatz. Und der definiere sich auch durch die Befriedigung mit der getanen Arbeit. "Wer es schafft, aus seiner Arbeit weitgehend Befriedigung zu ziehen, muss auch nicht Karriereschablonen zum persönlichen Zeiteinsatz nachjagen."
Der erste Job muss der richtige sein
Wer auf standardisierte Einstiegsprogramme in Unternehmen mit hohem Bekanntheitsgrad setze, müsse auch in Kauf nehmen, dass die eigene Berufslaufbahn nachgemacht wirkt, sagt Personalberater Marcus Schmidt. "Gehen Sie eigene Wege. Suchen Sie Ihren Einstieg ruhig gegen den Strich. Probieren Sie etwas aus, was sie wirklich interessiert."
Ein Auslandsaufenthalt fördert die weitere Karriere
Nicht immer, sagt Headhunter Marcus Schmidt - stattdessen kann der Auslandseinsatz sogar zum Nachteil werden. "Oftmals sind es die Daheimgebliebenen, die dann verbleibende Inlandsposten unter sich aufteilen". Sie säßen dann auf Stühlen, auf die Auslandsrückkehrer vergeblich spekulieren.
Gehalt ist ein untrüglicher Gradmesser des Karriereerfolgs
Die Position mit Perspektive sei nicht immer die am besten bezahlte, sagt Marcus Schmidt. So könne sich für ein renommiertes Traineeprogramm ein kurzfristiger Gehaltsverzicht durchaus auszahlen - etwa, wenn das ausbildende Unternehmen in seiner Branche als Kaderschmiede gilt.
Ohne Examen gibt es keinen Aufstieg
Muss man heute studieren, wenn man Karriere machen will? Nein, glaubt Headhunter Marcus Schmidt. Und einige prominente Konzernlenker geben ihm recht: Telekom-Chef René Obermann etwa hat sein Studium abgebrochen, und auch Klaus-Peter Müller, bis 2008 Vorstandsvorsitzender der Commerzbank und jetziger Aufsichtsratsvorsitzender, hat nie studiert.
Der MBA ist ein Karriere-Turbo
Die deutsche Wirtschaft zeigt ein anderes Bild: Absolventen hätten sich selten in die Führungsetage hochgearbeitet, sagt Schmidt. Anders als der Doktortitel ist der MBA zudem kein normierter akademischer Grad, seine Vergabe wird also grundsätzlich nicht staatlich geregelt oder kontrolliert. Wer Studiengebühren von bis zu 70.000 US-Dollar auf sich nehme, solle deshalb das Renommee der Schule immer überprüfen.
Nur wer sich anpasst kommt weiter
Im Gegenteil: Eigene, gut argumentierte Überzeugungen hält Headhunter Marcus Schmidt für unabdingbar. "Wer nur mitläuft, um ja keinen Fehler zu machen, kann nichts Herausragendes leisten und wird nicht dauerhaft auf sich aufmerksam machen", so Schmidt. So könne man sich nicht profilieren oder für die nächsten Ebenen empfehlen.
Eine Top-Karriere macht man nur im großen Konzern
Falsch! Entscheidend für die Karriere sei nicht, bei welchem Unternehmen man arbeite, sondern welche Aufgaben und Entfaltungsmöglichkeiten man habe, sagt Personalberater Schmidt. "Gerade in weniger etablierten Unternehmen gibt es oftmals spannendere und weniger standardisierte Aufgaben als in Großkonzernen", so Schmidt.
Ohne Doktortitel geht es nicht
"Die Frage, ob man promovieren soll oder nicht, hängt von der angestrebten Karriere ab", sagt Schmidt. Denn die Promotion koste immer auch Zeit – in der Diplomanden ein vergleichsweise geringes Gehalt beziehen. "Nicht alle jungen Berater, Anwälte und Wirtschaftsprüfer wollen in einem Unternehmen zum Partner aufsteigen oder erreichen dieses Ziel."
Mit 50 ist man zu alt für die Karriere
Nein! In der Realität gibt es diese Altersschranke oft gar nicht, glaubt Headhunter Marcus Schmidt: "Manche Mandanten suchen sogar explizit Führungskräfte ab 50, weil sie viel Wert auf Erfahrung legen und nicht wollen, dass der Neue gleich wieder weiterzieht." Seine Erfahrungen hat Schmidt in dem Buch "Die 40 größten Karrieremythen" niedergeschrieben. Wir haben die spannendsten Zitate ausgewählt.

Mythos Nummer 4: Mit 50 werde ich kein Manager mehr

Früher gehörte ein Arbeitnehmer über 40 schon zum alten Eisen, wenn er bis dahin noch keine Spitzenposition erreicht hatte. Aber es gibt gute Nachrichten für etwas ältere Semester: "Es gibt einen Wandel in Unternehmen, dass vermehrt auch Menschen mit 50 Plus für Top-Positionen gesucht werden", sagt Andresen. Oft suchten Unternehmen jemand Erfahrenen – und nicht immer die Verjüngung. Diese Neuausrichtung hat, abgesehen von der Altersstruktur der Belegschaft, noch einen anderen Grund: "Inzwischen bleibt kaum jemand sein Leben lang bei einem Konzern", sagt Andresen. Geht also eine Firma davon aus, dass der ältere Kollege ohnehin nur drei bis fünf Jahre auf der Position ist, rechne sich das durchaus, sagt der Berater. Ihre Karriere sollten die etwas Älteren daher nicht abschreiben, sondern eher in sie investieren.

Ulf Andresen, Leiter Competence Center Consulting beim IT-Personalexperten HSC Personalmanagement.
Foto: HSC Personalmanagement

Mythos Nummer 5: Häufiger Firmenwechsel schadet

"Was, Sie haben schon bei vier Unternehmen gearbeitet? Offenbar halten Sie es nie lange irgendwo aus - oder man hält Sie nicht lange aus." Solche Sätze hören diejenigen, die oft den Arbeitgeber wechseln, heutzutage nicht mehr. Im Gegenteil. "Um aufzusteigen ist es von Vorteil, in verschiedenen Unternehmen gearbeitet zu haben", sagt Andresen. Er stellt fest, dass immer mehr Kandidaten Lust hätten, sich regelmäßig beruflich zu verändern. "Das wird auch von Unternehmen guttiert und man wird nicht mehr schief angesehen, wenn man schon in einigen Unternehmen gearbeitet hat", sagt der Berater. "Inzwischen ist vielen klar, dass man so seine Kompetenz und seinen Horizont erweitert hat und womöglich besser Probleme lösen kann", sagt er. Ein Karrierehindernis ist es auf keinen Fall, in vielen Unternehmen gearbeitet zu haben.

Mythos Nummer 6: Ohne Personalverantwortung gibt es keine Karriere

Um in der IT Karriere zu machen, ist es inzwischen von Vorteil, ein kommunikativer Mensch zu sein. Aber wenn man sich statt mit Personalführung lieber in die Tiefen einer Programmierung einarbeitet, ist das heutzutage nicht automatisch ein Karrierehindernis. "Früher hatten Spezialisten keine Chance, Karriere zu machen", erzählt Andresen. "Aber viele Unternehmen setzen vermehrt auf die Fachkarriere, um Spezialisten die gleichen Voraussetzungen zu geben, die auch Führungskräfte mit Mitarbeiterführung haben", sagt er. Auch das Gehalt werde dann angeglichen.

Seiner Ansicht nach muss eine Fachkarriere nicht auch in selbiger enden. "Der Aufstieg ist möglich, wie die Geschichte von Henning Kagermann bei SAP zeigt", erzählt er. Auch Kagermann sei ein Spezialist gewesen, der in die generalistische Position eines Vorstands wechselte. Einschränkend fügt Andresen allerdings hinzu: "Wenn man von der Fachkarriere etwa zum CIO werden will, muss man den Umschwung zum Generalisten hinbekommen."