Transformation

Springer-Verlag baut eine Bimodal-IT-Architektur

09.02.2016 von Aneta Nowobilska und Andreas Joebges
Projektmitarbeiter beschreiben aus ihren Erfahrungen heraus die fünf wichtigsten Erfolgsfaktoren für eine IT-Architektur der zwei Geschwindigkeiten.
  • Die IT baute eine interne Abteilung auf, um Apps und Plattformen selbst z entwickeln
  • Bei der Architektur für die Bimodal-IT ging es darum, Freiraum für technologischen Innovationen zu schaffen
  • Die Produkt-IT braucht einen „Inkubationsraum“ und Freiheit für neue Entwicklungen
  • Um Abhängigkeiten von der Legacy-Welt zu vermeiden, wurden Services durch eine neue Plattform als Transformationsschicht von ihr entkoppelt

Das Verlagswesen ist eine der Branchen, deren Geschäftsmodell durch den digitalen Wandel am heftigsten beeinflusst und verändert werden. Die Digitalisierung beeinflusst mittlerweile nicht nur die Unterstützungsprozesse wie beispielsweise die Kundenbetreuung, sondern vor allem das eigentliche Kerngeschäft.

Die Herausforderung ist, Inhalte digital erfolgreich zu monetarisieren, obwohl er bisher oft kostenlos in Form von Webseiten und Apps zur Verfügung stand. Online-Werbung ist gerade im Internet der wesentliche Umsatzhebel.

Die Axel Springer SE ist der führende digitale Verlag in Europa, zu dem mehr als 180 Unternehmen aus den Bereichen Bezahl-, Vermarktungs- und Rubrikenangebote gehören. Ein Start-Up-Accelerator wurde gegründet, ein Büro im Herzen der Technologieinnovation - im Silicon Valley - wurde im Frühjahr 2014 eröffnet.

Die bimodale IT-Welt

In diesem Transformationsprozess sollen nun zwei Enterprise-Architekten die IT-Welt strukturieren sowie für Synergien zwischen den Marken sorgen und die IT-übergreifend beherrschbar machen.

Die traditionelle IT

Auf der einen Seite stehen herkömmliche IT-Systeme, für die klassische Ziele wie Stabilität, Compliance-Konformität, Konsolidierung und Standardisierung prioritär sind.

Die agile, schnelle IT

Für die neuen Geschäftsmodelle stehen jedoch Flexibilität und Geschwindigkeit im Vordergrund. Für eine Vielzahl von mobilen Apps werden neue Technologien und agile Methoden verwendet, um schnellere Releasezyklen zu ermöglichen. Dennoch werden Funktionalitäten aus den Commodity-Systemen benötigt.

Die Rolle der Architekten besteht heute deswegen darin, beide Welten zu vereinbaren und das Architekturmanagement differenziert zu betrachten.

Die IT bei Axel Springer ist deswegen für den herkömmlichen Betrieb und die Betreuung der Commodity-Systeme wie auch die agile Entwicklung verantwortlich. Ein Teil der Produktentwicklung ist ergänzend organisatorisch bei den Marken verankert. Die Architekten agieren in beiden Welten.

Wie man das Team in die Digitalisierung mitnimmt
Achillesferse der Digitalisierung
In dem Papier "Being digital: Embrace the future of work and your people will embrace it with you" bezeichnet Accenture die Belegschaft eines Unternehmens als "Achillesferse" der Digitalisierung. Das Papier basiert auf Angaben von rund 700 Entscheidern weltweit sowie circa 2.500 Angestellten.
Befürchtungen der Mitarbeiter
Eine Mehrheit von 70 Prozent der Angestellten befürchtet den Verlust von Teamgeist, wenn die Kollegen per Fernzugriff arbeiten und nicht mehr ins Büro kommen. Etwa jeder Achte (zwölf Prozent) erwartet, seine Job-Aussichten werde sich durch die Digitalisierung negativ entwickeln.
Vorteile der Digitalisierung
Gleichzeitig erwarten die Angestellten aber auch Vorteile in den Punkten Innovationsfähigkeit ihres Unternehmens (71 Prozent), Agilität (69 Prozent) und Produktivität (68 Prozent). Insbesondere jüngere Befragte mit überdurchschnittlich hoher Qualifikation sehen die Vorteile der Digitalisierung – "wenig überraschend", wie Accenture schreibt.
Katalog digitaler Skills
Accenture rät Entscheidern, einen Katalog mit den benötigten digital Skills samt dem jeweiligen Kompetenzniveau zu erstellen.
Keine Nebensache
Entscheider dürfen das Thema Mitarbeiter nicht als Nebenschauplatz behandeln, so der Appell von Accenture. Sie brauchen eine "Test and learn"-Mentalität.

5 Zutaten für erfolgreiches Architekturmanagement in der bimodalen IT-Welt

Noch vor einigen Jahren wären die Antworten auf die Frage nach erfolgreichem Architekturmanagement sicherlich Schlagwörter gewesen wie "TOGAF" (The Open Group Architecture Framework), Mandat des Vorstands und ein mächtiges Architekturwerkzeug, in dem die Ist-Aufnahme, Roadmap-Planung, Projektportfoliomanagement, umfangreiches Reporting und Status-Tracking für die Dokumentation möglich sind.

Wir glauben jedoch, dass für die heutigen Herausforderungen und den Erfolg des Architekturmanagements andere Aspekte entscheidend sind:

1. Architekturmanagement-Ansatz

Differenzierter Architekturmanagement-Ansatz für die Commodity-Welt und die innovative Welt, um den Produktbereichen die notwendige Freiheit zu geben. Axel-Springer-Architekten nutzten die Gartner Paced Layered Application Strategy als Basis für die Differenzierung des Applikationsportfolios.

"Der Paced Layered Application-Ansatz ist bei uns ein zentrales Element im IT-Management. Er ist nicht nur die wesentliche Basis für das Architekturmanagement, sondern auch für die IT-Investitionsstrategie und für das IT-Projektportfoliomanagement", sagt CIO Samir Fadlallah von Axel Springer SE.
Foto: Axel Springer SE

2. Architekten in Hot-Spot-Projekten

Zusätzlicher direkter Einsatz der Architekten in Hot-Spot-Projekten. Klassische Architekturmanagement-Funktionen werden dem untergeordnet. So wird sichergestellt, dass aktuelle wichtige Projekte auch entlang der strategischen Sicht ausgerichtet werden.

3. Tool zur Dokumentation der Unternehmensarchitektur

Leichtgewichtiges Tool zur Dokumentation der Unternehmensarchitektur. Für Axel Springer war es wichtig, dass ein EAM-Tool einen Mehrwert und keine Mehrarbeit liefert. Einfache Bedienung, Verfügbarkeit aus der Cloud und "out-of-the-box"-Funktionalitäten, wie die Integration in "collaboration platforms" sind heute für viele Anwendungen eine Selbstverständlichkeit. Da dies im Unternehmen auch im Architektur-Bereich sichergestellt werden soll, erfolgte die Entscheidung für leanIX.

"Das Architekturtool passt zu den Anforderungen unserer heterogenen und internationalen Organisation. Es ermöglicht unseren Teams, die notwendige Transparenz herzustellen und schneller den Überblick über die IT-Abhängigkeiten zu bekommen. Die im Tool vorhandenen Informationen verkürzen die Ramp-Up-Phase in den IT-Projekten und helfen, Synergien zu identifizieren", sagt Volker Dirksen, bis vor kurzem Leiter Corporate IT Axel Springer SE.
Foto: Axel Springer SE

4. Transformationsschicht zwischen Commodity- und Produktwelt

Zentrale Plattformen bilden bei Axel Springer eine Transformationsschicht zwischen Commodity- und Produktwelt. Sie flexibilisieren und schützen die herkömmlichen IT-Systeme und stellen die Daten aus diversen Systemen für die Endkunden-Apps zentral zur Verfügung.

Ein Beispiel für diese Plattformen ist die zentrale Payment-Plattform. Sie wurde geschaffen, um jenseits des zentralen Auftrags- und Rechnungslegungssystems SAP, digitale Angebote besser verfügbar, flexibel anpassbar und bedarfsgerechter auf den Markt bringen zu können. Dies reduziert aufwendige Anpassungen im SAP-System und führt zu schnelleren Umsetzungen der Anforderungen aus den Fachbereichen. Das Ziel der Plattform ist es, die alten führenden Systeme von den neuen Produkten zu entkoppeln. Gleichzeitig blieb das stable Commodity-System für die Auftragsanlage, Rechnungslegung und Abrechnung bestehen und sichert den Datenfluss in die weiterführenden Backend-Prozesse.

Roundtable: Was Digitalisierung für Mitarbeiter bedeutet
Was ändert sich durch die Digitalisierung für die Mitarbeiter?
Antworten suchten diese IT-Chefs in einer Diskussion mit COMPUTERWOCHE-Redakteuren. Unser Bild zeigt von links: Hans Königes (CW), Edgar Kirchmann von Transearch, Dieter Loewe von NTT Data, Daniel Krauss von Flixbus, Axel Kummer von Metafinanz, Frank Engelhardt von Salesforce.com, Jürgen Renfer von der KUVB und Alexandra Mesmer (CW).
Axel Kummer, Metafinanz
„Wir müssen neu denken, ausgehend von den Geschäftsprozessen und den Endkunden. Dafür setzen wir auf kreative Köpfe, die auch aus anderen Branchen als der IT kommen.“
Daniel Krauss, Flixbus
„Unsere größte Herausforderung ist es, mit permanentem Change und der damit einhergehenden Unsicherheit zurechtzukommen.“
Dieter Loewe, NTT DATA
„Wir brauchen eine Arbeitskultur, in der Mitarbeiter ein Privatleben haben dürfen und nicht immer erreichbar sind.“
Edgar Kirchmann, Transearch
„Wer ­Digitalisierung ernst nimmt, braucht mehr als einen neuen Posten wie den Chief Digital Officer. Topmanagement wie Führungskräfte müssen das Thema ­treiben und vorleben.“
Jürgen Renfer, KVUB
„Digitale Veränderungen sind derart disruptiv, dass wohl niemand genau weiß, wo die Reise ­endet. Der CIO ist als Lotse gefordert.“
Frank Engelhardt, Salesforce.com
„Es motiviert die Mitarbeiter, wenn sie eine reelle oder auch gefühlte Autonomie ­haben.“

5. Technologie-Innovation treibt die Digitalisierung

Wir verstehen, dass Technologie-Innovationen Treiber der Digitalisierung sind. Wir setzen Konzepte um, die für die Bottom-Up-Innovation sorgen (eine interne Crowd-Funding-Plattform) und nutzen das Potenzial aus dem Silicon Valley, indem wir dort Technologie-Scouting durchführen und uns technologisch inspirieren lassen.

Zusammenfassung

Ziel der Architektur für die Bimodal-IT ist es, Freiraum für technologische Innovationen zu gewährleisten. Die Produkt-IT, in der die meisten Technologie- und Produktinnovationen entstehen, braucht den "Inkubationsraum" und die Freiheit für neue Entwicklungen. Lange Technologieauswahlprozesse, Architekturprüfungen und der Zwang, vorhandene Legacy-Technologien einzusetzen, sind hier fehl am Platz. Direkte Abhängigkeiten von der Legacy-Welt sollten vermieden werden, schneller sein zu können.

Um Abhängigkeiten zu vermeiden und für innovative Entwicklungen ein hohes Tempo zu gewährleisten, wurde eine "Zwischenschicht" zwischen der Legacy-Welt und der agilen, innovativen Produktwelt aufgebaut. Hier spielen zentrale Plattformen eine Rolle. Sie ermöglichen es, auf Daten aus den Commodity-Systemen zuzugreifen, ohne diese Systeme verändern zu müssen. Dies birgt den Vorteil, bei Innovationen nicht immer sofort die Legacy-Welt mit anpassen zu müssen.

Kienbaum über die Vergütung von Digitalisierungsverantwortlichen
Kienbaum: Vergütung von Digitalisierungschefs
Wer hat in deutschsprachigen Unternehmen in Sachen Digitalisierung den Hut auf – diese Frage steht im Zentrum einer Studie von Kienbaum. Die Berater haben mit 80 Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gesprochen.
Länderspezifische Unterschiede
Wer in einer österreichischen Firma als Spezialist/Experte die Digitalisierung verantwortet, muss sich mit 48.300 Euro zufrieden geben. Wer eine solche Position auf Vorstandsebene in der Schweiz innehat, kann bis zu 533.200 Schweizer Franken verdienen.
Länderübergreifender Blick
Länderübergreifend verdienen Digitalisierungsverantwortliche im Schnitt rund 150.000 Euro im Jahr, darin sind etwa zehn Prozent variable Vergütungsbestandteile enthalten.
Position selten besetzt
Erst gut jede zehnte Firma (elf Prozent) hat einen Hauptverantwortlichen für das Thema Digitalisierung ernannt.
Verortung
Die Frage, in welchem Bereich Unternehmen Digitalisierung verorten, bringt kein einheitliches Bild. 35 Prozent nennen die IT, aber fast jeder zweite Befragte (48 Prozent) nennt „Andere“ – eine Sammelkategorie, unter die das Qualitätsmanagement fallen kann, die Compliance-Abteilung, das Customer Relationship Management (CRM) und weiteres.