Mich schickt der Algorithmus

Wenn Software Mitarbeiter einstellt

27.05.2015 von Michael Schweizer
Auch in der Hightech-Welt suchen jüngere Bewerber ihren Arbeitsplatz über die neuartigen Portale und Apps einiger Startups. IT-Leiter und Personaler beobachten die Szene mit Skepsis – und mit Interesse.
  • Bewerber suchen ihren Arbeitsplatz über Portale und Apps
  • Die Kritik: Die Feinheiten, auf die es ankommt, erfasst kein Algorithmus
  • Ob die Trefferquote im Vergleich zur klassischen Personalsuche besser ist, wird sich erst mit der Zeit zeigen

Bisher haben wir 6200 Bewerber und Unternehmen zueinander vermittelt", sagt Robin Sudermann, Mitgründer und Vorstand des Kölner Startups 22Connect AG, das die Internet-Plattform Talents Connect betreibt. Die ist auf Bewerber spezialisiert, die einen Ausbildungsplatz, den Arbeitsplatz für ein ­duales Studium oder die erste Stelle nach der Hochschule suchen.

Binnen ungefähr 20 Minuten beantworten sie Klickfragen zu konkreten Wünschen ("Wie lange willst du pro Woche ­arbeiten und von wo aus?"), zur Persönlichkeit ("Ist dir Geld wichtiger als Teamwork?") und füllen einen Lebenslauf aus. Talents Connect schlägt dann aus den Stellenanzeigen seiner Unternehmenskunden dem Bewerber die passendsten vor.

Damit die Stellensuche für die Online-Generationen unkompliziert funktioniert, haben Portale wie Talents Connect, Truffls und Mobilejob Funktionen entwickelt, die jungen Bewerbern passgenaue Jobs vorschlagen. Umgekehrt sortieren die Plattformen für Arbeitgeber die angeblich richtigen Kandidaten heraus.
Foto: Rawpixel-shutterstock.com

Die Firmen ihrerseits können ­Talents Connect die Bewerberprofile filtern lassen und sich bei den Bewerbern melden. Die sind bis dahin anonym und entscheiden selbst, ob ein Unternehmen jemals ihre Daten erfährt. Die Dienste sind wie bei allen derartigen Plattformen für die Bewerber kostenlos, Talents Connect lebt von den Unternehmen.

Robin Sudermann, Talents Connect: ¬„Unsere Software schlägt den Bewerbern die richtigen Stellen vor.“
Foto: 22Connect AG

Wie all ihre Kollegen und Konkurrenten argumentieren die Betreiber mit der Treffsicherheit ihres Software-Algorithmus: Er bringe die richtigen Kandidaten häufiger mit den richtigen Unternehmen zusammen als herkömmliche Weisen der Personal- und Stellensuche und ­bewahre beide Seiten vor teuren Fehlschlägen.

Plattformen mit Feinheiten überfordert?

Genau daran zweifelt Irmgard Küster, Geschäfts­führerin Finanzen und IT des Getränkebranchen-Dienstleisters Geva: "Wir suchen keine Mitarbeiter über solche Plattformen und Apps. Die Feinheiten, auf die es ankommt, ob jemand zu uns passt, erfasst ein Algorithmus doch nicht. Ich mache mir von einem Bewerber lieber ein komplettes Bild."

Jemanden zu finden, dessen breites fachliches Spektrum ihn auf die Dauer zum Teamleiter qualifiziere und mit dem es auch menschlich stimme - "Soft Skills sind wichtig!" -, sei schon "auf den konventionellen Wegen schwierig genug. Aber dort kann ich wenigstens meine individuellen Wünsche anbringen, die aufgrund unserer eigenentwickelten Anwendungen notwendig sind."

Irmgard Küster, Geva: „Bewerbungen und Absagen per SMS sind nicht meine Welt.“
Foto: Privat

"Derzeit wird Talents Connect im Einstiegs- und Absolventenbereich getestet", sagt Andrea Mayer, Graduate Recruiter, Talent Acquisition bei EMC Deutschland. "Es geht hier um Traineeprogramme." Auf der Talents-Connect-Website schrieb EMC eine IT-Trainee-Stelle für einen Associate Systems Engineer und ein duales Betriebswirtschaftsstudium aus. Mit ähnlichen Seiten habe man gute Erfolge erzielt, die Trefferquote im Vergleich zur klassischen Personalsuche lasse sich aber noch nicht bewerten.

"Sollte die Plattform funktionieren, wäre es eine gute Ergänzung für die Rekrutierung", urteilt Mayer, die sich "passgenauere Bewerbungen" und niedrigere Kosten erhofft. "Keine Erfahrungswerte" gebe es zu der Frage, ob man so auch nach erfahrenen Fachkräften und nach Führungskräften suchen könne.

EMC ist viel größer als der typische Talents-Connect-Kunde (Gründer Sudermann: "Mittelständler mit 100 bis 1000 Mitarbeitern"). Auch beim Branchensoftwarehaus msg Systems (mehr als 5000 Mitarbeiter) will sich Personalleiter Herbert Wittemer mit den neuen Plattformen und Apps befassen: "Nicht dass hier eine Entwicklung an uns vorbeigeht, ohne dass wir die Chancen nutzen."

Jobsuche im Dating-Modus

Clemens Dittrich, Truffls: „Unsere Benutzer wollen nicht stundenlang Stellenangebote filtern, es soll schnell gehen.“
Foto: Truffls

Je unkomplizierter die Wünsche von Unterneh­men und Bewerbern sind, desto besser kann der Algorithmus sie zusammenbringen ("matchen"). Deshalb konzentrieren sich die meisten neuen Plattformen auf Einsteiger. Nicht so die App Truffls. Clemens Dittrich, Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner Startups:

"Die Leute, die über uns nach einer Stelle suchen, sind im Durchschnitt 30 bis 40 Jahre alt und im ersten oder zweiten Job. Sie wollen Stellenangebote abends nicht stundenlang filtern, sondern es soll schnell gehen. Unsere Peaks sind vor 10 und nach 20 Uhr." Schnell geht es wie bei der Dating-App Tinder: Truffls schlägt dem Benutzer Stellenangebote vor, die er bei Nichtgefallen nach links wischt.

Wischt er sie nach rechts, bekommt das Unternehmen sein zuvor ausgefülltes Profil. Jeder Swipe soll die künftige Auswahl verbessern. Laut Dittrich sind in der App "konstant zirka 80.000 aktuelle Stellenanzeigen" von Partnern wie Xing, Step­stone und LinkedIn verfügbar. Die Benutzer, "jeden Tag mehrere tausend", können ihr Profil auch auf soziale Netzwerke verlinken. "Vorreiter sind wir im Bereich Mobile only. Bei uns läuft alles über Handys und Smartphones und nicht über eine zusätzliche Website." Auch bei Truffls entscheidet nur der Kandidat, ob ein Unternehmen seine Klardaten erfährt.

Könnten die neuen Apps und Plattformen aufgrund des Preisvorteils den Personalberatungen gefährlich werden? Katharina Wolff, die sich mit ihrer Hamburger Personalberatung Premium Consultants auf die digitale Wirtschaft spezialisiert hat, hat vor den Neuen keine Angst: "Plattformen wie Talents Connect, Truffls und Mobilejob sind für uns keine Konkurrenz, weil wir eine völlig andere Dienstleistung bieten."

Wer Bewerber über eine solche Plattform suche, müsse ja alles selber machen. "Wir dagegen werden dafür bezahlt, dass wir den Unternehmen eine gute Auswahl an absolut passenden Interessenten vorschlagen." Jemand, der Premium Consultants mit einer Stellensuche beauftrage, werde dieselbe Position kaum zusätzlich in einer der neuen Plattformen anbieten.

Katharina Wolff, Premium Consultants: „Plattformen wie Talents Connect, Truffls und Mobilejob sind für uns als Personalberater keine Konkurrenz.“
Foto: premium consultants

Manche Herausforderer bemühen sich allerdings, diese Grenzen zu verwischen. Zum "Full Service", dem teuersten Angebot von Talents Connect, gehören Telefoninterviews mit Bewerbern. Chef Sudermann sieht in den klassischen Personalberatern "eher Partner als Konkurrenten: Sie können unsere Software als Software-as-a-Service benutzen", in der Regel schließe man dafür Monatsverträge.

Entlastung für Personalchefs

Auch das Angebot von Mobilejob, der Online-Plattform des nicht ganz gleichnamigen Berliner Startups Mobilejobs, enthält ein Element von klassischer Beratung: "Die sechs bis acht Fragen, die der Bewerber beantworten soll, ­formulieren wir mit den Unternehmen zusammen", sagt Gründer und Geschäftsführer Steffen Manes. Typische Mobilejob-Kunden sind kleinere Firmen, aber auch Handelsketten mit Filialen.

Gesucht werden einem Werbefilm ­zufolge zum Beispiel Servicetechniker, Reini­gungs­­kräfte, Einzelhandels-Kauffrauen und Mechatro­niker. Die Fragen, die sie im Web oder per SMS beantworten sollen, beziehen sich etwa auf Bereitschaft zur Schichtarbeit oder auf die Führerscheinklasse, also ganz konkret auf die zu besetzende Position.

So sieht die mobil optimierte Stellenanzeige aus
Sackgassen vermeiden
Vermeiden Sie Sackgassen! Um dem Leser und potentiellen Bewerber positiv aufzufallen, müssen Inhalte hinter Links wie zum Beispiel die Karriereseite ebenfalls mobil nutzbar sein.
Verständlichkeit
Um die Leser nicht zu verwirren müssen alle Interaktionselemente verständlich und klar benannt und auf die Bedienung durch unterschiedliche Fingertypen ausgelegt sein.
Datenvolumen
Mobilfunkverbindungen haben nicht dieselbe hohe Geschwindigkeit wie der Anschluss zu Hause. Daher sollte das Datenvolumen der Anzeige daran angepasst werden.
Scrollen
Horizontales Scrollen muss vermieden werden, da es die Übersicht erheblich stört.
Klappmenüs
Weitere Inhalte, also Näheres zum Unternehmen, der Stelle oder dem Standort sollten mit Klappmenüs so integriert werden, dass der potentielle Bewerber nicht hin- und herspringen muss.
Schlüsselinhalte
Zudem sollten Schlüsselinhalte wie der Unternehmensname, der Einsatzort oder die Stellenbezeichnung sofort sichtbar sein.
Lesbarkeit
Wichtig ist, dass die ganze Stellenanzeige sofort ohne Vergrößerung lesbar sein sollte.
So sieht die mobil optimierte Stellenanzeige aus
Jobware hat in Zusammenarbeit mit der Hochschule RheinMain im Rahmen der Mobile-Recruiting-Studie Empfehlungen für mobil optimierte Stellenanzeigen herausgearbeitet:

Bewerber lockt Mobilejob damit, dass sie die Unternehmen auf allen Wegen erreichen können, die ein modernes Handy eröffnet. Um Personalchefs wirbt Manes mit dem teilautoma­tisierten Versand von Terminerinnerungen, Fragen und ­Absagen: "SMS hat jeder, die globale Opening Rate liegt bei 90 Prozent." Natürlich scheiden sich hier die Geister: "Bewerbungen und Absagen per SMS sind nicht meine Welt", sagt Geva-Geschäftsführerin Küster.

An klassische Personalberatung erinnert auch, dass Mobilejob, wenn der Kunde sich für das teurere der beiden Angebote entschieden hat, selbst nach aussichtsreichen Plätzen für Online-Anzeigen sucht. Das kostet für vier Wochen ab 750 Euro. Eine Anzeige in einem klassischen Stellenportal komme auf deutlich über 1000 Euro, Zeitarbeitsvermittlung auf ein Mehrfaches, vergleicht Manes: "Wir sind hier die günstigste Alternative."

Investoren unterstützen die neuen Portale

Mobilejob wird vom High-Tech-Gründerfonds gefördert, Truffls begann mit einem Exist-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums, entwickelte im Ideenlabor von Axel Springer an seinem Algorithmus und wird nun von Business Angels unterstützt, Talents Connect hat Privatinvestoren gefunden. Es gibt Leute mit Geld, die den Algorithmus in der Personalsuche für zukunftsträchtig halten.

Drei Plattformen - drei Konzepte

Talents Connect

Truffls

Mobilejob