Industrielegende oder Zukunftsmodell?

125 Jahre Zeiss-Stiftung

19. Mai 2014
Sie haben in Deutschland Tradition: Industrie-Stiftungen. Hunderte soll es geben. Das Stiftungsmodell kann Fluch und Segen sein. Viele haben sich gewandelt, wie die aus dem 19. Jahrhundert stammende Carl-Zeiss-Stiftung.

Sie sind unverkäuflich, haben gemeinsame Wurzeln in Jena und sie haben sich mit ihren ostdeutschen Pendants nach dem Mauerfall wiedervereinigt: Der Optik- und Elektronikkonzern Carl Zeiss AGCarl Zeiss AG (Oberkochen) und der Spezialglasherstellers Schott AG (Mainz) stehen für eine besondere Unternehmensform. Beide Konzerne mit zusammen fast 40 000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von rund sechs Milliarden Euro sind Stiftungsunternehmen. Top-500-Firmenprofil für Carl Zeiss AG

Zeiss und Schott gehören der vor 125 Jahren vom Physiker Ernst Abbe (1840-1935) in Jena gegründeten Carl-Zeiss-Stiftung. Das Jubiläum, das am Montag in der Thüringer Universitäts- und Industriestadt begangen wurde, wirft ein Schlaglicht auf die Situation von Industrie-Stiftungen in Deutschland.

Klassische Stiftungen, die quasi ihre Unternehmen selbst managen und betreiben, seien eher ein Auslaufmodell, sagt Verena Staats, Juristin beim Bundesverband Deutscher Stiftungen in Berlin. "Dieses Modell hat sich nicht bewährt." Die Unternehmen seien beispielsweise bei der Finanzierung von Expansion und InnovationInnovation eingeschränkt, denn sie können sich keine Investoren ins Boot holen. "Es gibt nur noch ganz wenige Stiftungen in Deutschland, die direkt ein Unternehmen betreiben." Die Zeiss-Stiftung gehört seit 2004 nicht mehr dazu. Alles zu Innovation auf CIO.de

Sie wurde vor zehn Jahren reformiert und die beiden Konzerne in rechtlich selbstständige Aktiengesellschaften umgewandelt. Sie zahlen der Stiftung für ihre gemeinnützigen Zwecke eine Dividende. Zeiss und Schott hätten damit die Handlungsfreiheit, die sie als global agierende Unternehmen brauchten, sagt Dieter Kurz, Vorsitzender des Stiftungsrates.

Konzerntöchter wie die Jenaer Carl Zeiss Meditec AG konnten sich sogar Kapitalgeber suchen. Der Spezialist für Ausrüstungen und Geräte für Augenärzte ist an der Frankfurter Börse notiert und gehört zu den Unternehmen im Technologiewerte-Index TecDax. "An der Unveräußerlichkeit des Stiftungskapitals ändert sich dadurch nichts", betont Kurz. Die Stiftungsunternehmen selbst seien nicht durch Investoren, durch Quartalszahlen oder Aktienkurse getrieben, "aber natürlich vom Markt", so Zeiss-Vorstandschef Michael Kaschke.

Den manchmal etwas längeren Atem wissen die Zeissianer zu schätzen. Für die Jenaer, die sich nach der Wiedervereinigung in dem zerfallenden DDR-Kombinat Carl Zeiss wiederfanden, könnte das Stiftungsmodell ein Segen gewesen sein. Ohne die Stiftung wäre die Wiedervereinigung der Zeiss- und Schott-Unternehmen in Ost und West möglicherweise nicht geglückt, glauben manche Arbeitnehmervertreter. Inzwischen beschäftigen die Firmen wieder rund 2500 Mitarbeiter in Jena.

Zu ihrem Jubiläum spendiert die Zeiss-Stiftung Hochschulen in Thüringen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zusätzlich zwölf Millionen Euro - je vier Millionen pro Bundesland. 80 Millionen Euro hat sie damit laut Kurz seit 2007 in die Förderung beispielsweise von Juniorprofessuren und Forschungsprojekte gesteckt.

Wie die Zeiss-Stiftung gibt es Verena Staats zufolge noch einige große Stiftungen, die Unternehmensbeteiligungen halten. Sie nennt als Beispiele für solche "Beteiligungsträgerstiftungen" die Bertelsmann-Stiftung oder die Else Kröner-Fresenius-Stiftung. "Häufiger sind aber Stiftungen, die Unternehmen eigens für gemeinnützige Zwecke gegründete haben wie die Volkswagen-, Siemens- oder Vodafone-Stiftung." Die Unternehmen statten die Stiftungen mit Kapital aus, mit den Erträgen finanzieren diese verschiedenste ProjekteProjekte. Alles zu Projekte auf CIO.de

Derzeit lägen Stiftungen wieder im Trend: "Wir haben viele Anfragen von Familienfirmen, die ihre Unternehmensnachfolge möglicherweise über eine Stiftung regeln wollen", sagt Staats. Dass das Modell von Dauer sein kann, haben die drei Jenaer Industriepioniere Zeiss, Schott und Abbe bewiesen. (dpa/rs)

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