Interview

Fit sein für Services

03. Mai 2010
Warum aufwendige IT-Modernisierungsmaßnahmen trotz knapper Budgets nicht länger aufgeschoben werden können, erläutert Jürgen Kunz, Geschäftsführer von Oracle Deutschland, im Gespräch mit Robert Gammel.

CW: Das Thema IT-Modernisierung ist nicht neu und doch hochaktuell. Was sind die wesentlichen Treiber?

Kunz: Dieser Komplex umfasst ein ganzes Bündel an Herausforderungen. Dabei geht es etwa um die Konsolidierung von heterogenen IT-Landschaften, aber auch um die Integration neuer Anwendungen innerhalb und außerhalb des Unternehmens. Letzteres hat ja in jüngster Zeit eine enorme Dynamik erfahren. Ein dritter Punkt ist die Harmonisierung vorhandener Systeme mit dem vorrangigen Ziel, die Effizienz zu steigern.

CW: Viele der genannten Themen wie Enterprise Application Integration (EAI) wurden und werden am Markt von Spezialanbietern getrieben. Ist Oracle da als Komplettanbieter nicht zu langsam?

Jürgen Kunz, Geschäftsführer Oracle Deutschland.
Jürgen Kunz, Geschäftsführer Oracle Deutschland.

Kunz: Das ist einer der Gründe, warum wir vor rund sieben Jahren unsere Strategie, alles selbst zu entwickeln, geändert haben und seitdem Best-in-Class-Funktionen dazugekauft haben. Unsere Kernbotschaft heißt, wir sind "complete - open - integrated". Als Komplettanbieter können wir auf allen Ebenen erfolgreich sein, unabhängig davon ob wir auf der Applikationsschicht, bei der Middleware oder im Core-Technologiebereich gefordert sind. Mit der Akquisition von Sun umfasst dies auch das Hardwareportfolio. So haben wir eine durchgängige Sicht auf Prozess- und Datensicherheit bis hin zur Sicherheit in der Cloud, wo wir in mehreren Projekten eng mit entsprechenden Partnerunternehmen zusammenarbeiten. Offen und integriert sind wir, weil wir uns als Komplettanbieter nicht nur in unserer Lösungswelt bewegen, sondern auch Legacy-Systeme oder Systeme von Drittanbietern integrieren und dabei auf offene Standards setzen.

CW: Wie sieht das in der Praxis aus, wenn Sie auf umfangreiche Systeme von Wettbewerber SAP stoßen?

Kunz: Wir verfolgen in diesen Fällen nicht ausschließlich eine Ablösestrategie, sondern konzentrieren uns auf den Mehrwert für den Kunden und dessen Anforderungsprofil, etwa auf die Frage, wie sich das Unternehmen vom Wettbewerb differenziert. Daraus leiten wir ab, an welchen Geschäftsprozessen vorrangig gearbeitet werden muss. Im zweiten Schritt sehen wir uns an, wie diese Prozesse momentan gemanagt und umgesetzt werden. Dabei begegnen uns auch mal uralte Legacy-Systeme, die aber einem modernen Cloud-Anspruch gerecht werden sollen.

CW: Lässt sich die Modernisierung der IT trotz angespannter Budgetsituation bei Kunden verargumentieren?

Kunz: Der CIO eines großen DAX-Unternehmens hat sein Credo so formuliert: Das Unternehmen soll nicht an der IT, sondern mit der IT sparen. Selbstverständlich kann man auf der einen Seite über Harmonisierungsprojekte IT-Kosten reduzieren. Auf der anderen Seite ist für viele neue Anforderungen etwa an der Kundenschnittstelle eine schrittweise Modernisierung der grundlegenden Plattformen zwingend nötig. Da ist die Investitionsbereitschaft bei den Kunden auch vorhanden. In vielen Branchen wurde dieses Thema in den vergangenen Jahren eher nach hinten geschoben und rollt jetzt massiv auf die Unternehmen zu.

CW: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Kunz: Schauen Sie sich an, wie sich das Management der Kundenschnittstelle entwickelt hat. Da gibt es eine ungeheure Dynamik. Hier muss man als Unternehmen einfach Schritt halten. Wir sehen einen regelrechten CRM-Boost. Die Notwendigkeit neue Kundenservices anzubieten, hat enorm zugenommen, und das lässt sich meist nicht mit den existierenden Systemen abbilden. Nehmen Sie nur die Social Networks oder andere neu entstandene Netzwerke.

CW: Welche Priorisierungen sollten CIOs bei der Modernisierung ihrer IT vornehmen?

Kunz: Das muss vom Business ausgehen. Handlungsempfehlungen können wir erst abgeben, wenn wir uns das jeweilige Gesamtbild angesehen haben. Das beginnt natürlich auf der Prozessebene, weil dort die größten Potenziale liegen. Wir sind nun keine Business-Consultants, aber wir müssen schon verstehen, welches Optimierungspotenzial aus Prozesssicht besteht. Das setzt gute Branchenkenntnisse voraus. Es kann deshalb keine pauschalen Handlungsempfehlungen geben, auch wenn branchenspezifische Tendenzen existieren, etwa die Mainframe- und Legacy-lastigen Systemstrukturen im Finanzbereich, gepaart mit einer rasanten Entwicklung an der Kundenschnittstelle. Da stellt sich dann die Frage, ob man eine dritte oder vierte IT-Plattform dazubaut, die dann über Batch-Systeme hochkomplex im Mainframe abgebildet werden muss, oder ob es nicht besser ist, die Daten über eine Integrationsplattform zu harmonisieren. Beim Deutschen Patent- und Markenamt konnten wir mit Mainframe-Ablösungen zu signifikanten Cost Savings und der Erschließung neuer Potenziale beigetragen.

CW: Sprechen Sie beim Kunden nur mit dem CIO oder auch mit dem Business?

Kunz: Im Idealfall mit beiden. Wo man in diesem Spannungsfeld steht, hängt oft auch vom Governance-Modell beim Kunden ab.

CW: Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund das bei Hellmann Worldwide Logistics umgesetzte Governance-Modell, das in der IT eine strikte Trennung von Supply und Demand vorsieht?

Kunz: Für Hellmann passt dieses Governance-Modell hervorragend. Die perfekte Planung und Umsetzung ist bei diesem Beispiel nicht unser Verdienst, sondern das von Hellmann. Die Verantwortlichen haben eine ganz klare Governance verabschiedet, die zugrunde liegenden Prozesse neu entworfen und dann konsequent umgesetzt. Damit ist es uns natürlich auch sehr viel leichter gefallen, das Anforderungsprofil technologisch umzusetzen. Dieses Governance-Modell ist aber keine Blaupause für alle andere Unternehmen.

CW: Welche Rolle können Cloud Computing oder andere innovative IT-Bezugsmodelle für die IT-Modernisierung spielen?

Kunz: Die IT-Modernisierung ist dringend nötig, um Services überhaupt nutzen oder anbieten zu können. Vom Cloud Computing gibt es ja jenseits aller Definitionsversuche verschiedene Modelle: Plattform-as-a-Service, Infrastrukture-as-a-Service oder Software-as-a-Service. Wenn dann noch das Consumer-Verhalten auf die existierenden Applikationslandschaften trifft, besteht dringender Handlungsbedarf. Das iPhone und die dafür entwickelten Applikationen sowie die damit verbundenen Nutzerzahlen und Datenmengen können hier als Paradebeispiel gelten.

Ähnliches zeichnet sich auch im öffentlichen Sektor mit immer mehr Self-Service-Funktionen für den Bürger und mit der Nutzung der Gesundheitskarte ab. Oder nehmen Sie die Automobilindustrie: Das Fahrzeug bietet heute schon so viele Services, dass man das Auto getrost als Informations-Cockpit bezeichnen kann. Solche modernen Service-Szenarien gibt es in fast jeder Branche. Diese Services müssen aber auch gemanagt und in die bestehenden Landschaften integriert werden. Da geht es nicht um die Frage, ob so etwas gewollt ist, da geht es um klare Anforderungen.

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