Elektronische Trading-Plattformen

Kehraus auf den Marktplätzen

01. Dezember 2003
Von Roland Keller
Nach dem Tod tausender E-Marktplätze profitieren die überlebenden Exchanges nun wieder von steigenden Teilnehmer- und Transaktionszahlen.

"Jetzt ist handfeste IT-Arbeit gefragt." Mit diesen Worten bringt Olaf Lodbrok, Geschäftsführer des Marktplatzes für Krankenhausbedarf Medicforma.com, die Situation derB-to-B-Exchanges auf den Punkt. Der Healthcare-Bereich ist ein gutes Beispiel für den Absturz aus dem Hype der Jahre 2000 und 2001 in die Realität. Von 15 Wettbewerbern konnten sich nur zwei am Markt behaupten. Präsenz in Deutschland zeigen Global Healthcare Exchange (GHX) und die Bertelsmann-Tochter Medicforma.com. Beide gehören zu den knapp 1000 weltweiten und 90 deutschen Marktplätzen, die bisher der Auslese Stand gehalten haben und deshalb noch auf der Positivliste von Marktbeobachtern wie E-Marketservices.com oder Berlecon zu finden sind.

Nach Schätzung von Hubert Österle, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität St. Gallen, waren es sogar rund 6000 Gründungen, die im Bereich Business-to-Business (B2B) ihr Glück versuchten. Gerade noch 200 ernst zu nehmende Exchanges zählt Österle heute. Für ihn ist "die volks- und betriebswirtschaftliche Notwendigkeit von global funktionierenden Exchanges keine Frage". Den Bedarf für Plattformen, die eine unternehmensübergreifende Zusammenarbeit ermöglichen, sieht er deshalb künftig steigen. Offen sei jedoch, welche Standards sich in welcher Geschwindigkeit durchsetzen würden.

Zweckorientierung statt Visionen

Elektronische Ausschreibungen und Auktionen, einst die Hoffnungen der Branche, sind inzwischen Randthemen. Statt von Marktplätzen sprechen Experten auch lieber von "Hubs, "Trading Networks" oder "Exchanges - mit teils sehr umfangreichen Produkt- und Servicekatalogen. Ihr Hauptzweck ist, Bestellvorgänge und Warenaustausch zu automatisieren und den Dokumentenfluss zu standardisieren. Zusätzlich gilt es, Medienbrüche in der Lieferkette und in Warenwirtschaftssystemen zu eliminieren. John Block, Director Implemention der Transaktionsplattform Bolero, bestätigt die Entzauberung der virtuellen Marktplätze: "Heute nimmt niemand Geld in die Hand, wenn der RoI nicht innerhalb eines Jahres eintritt."

Blocks Kunde Otto-Versand ging das Thema beim Start der Zusammenarbeit 1999 weit offener an: Ziel war es,80 Prozent der Transaktionen mit Partnern elektronisch abzuwickeln und die wichtigsten Lieferanten innerhalb von drei Jahren anzuschließen. Der Pilotbetrieb startete 2001. Nach Anlauf der eigentlichen Betriebsphase Anfang 2003 soll sich die Investition spätestens 2006 rentieren. Block ist sehr zufrieden mit der Otto-Partnerschaft; schließlich hat der Versandhändler mit seinen zahlreichen Lieferanten in Fernost Bolero dabei geholfen, den asiatischen Markt aufzurollen. Ende kommenden Jahres will die Plattform den Break-even erreichen.