Auch Chefs brauchen Mittagsschlaf

Mut zum Nickerchen

12. Juni 2014
Bettina Dobe ist freie Journalistin aus München. Sie hat sich auf Wissenschafts-, Karriere- und Social Media-Themen spezialisiert. Sie arbeitet für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland.
Wer mittags nur zwanzig Minuten die Augen schließt, ist deutlich produktiver und hat bessere Laune. Ein Plädoyer für die tägliche Siesta.

Ein Kollege tut’s nach dem Mittagessen. Die Müdigkeit setzt ein, die Lider werden schwerer, der Kopf sinkt nach unten und jede Bewegung kostet Mühe. Jeden Satz muss er drei Mal lesen, tippen geht ohnehin nicht mehr. Jetzt mal kurz die Augen schließen, das wär`s! Kurzerhand legt er sich mit seiner Isomatte unter den Schreibtisch. Gut, dass unser Kollege ein Einzelbüro hat.

Laut einer Emnid-Umfrage vor ein paar Jahren würde jeder dritte Deutsche gern mittags ein Nickerchen machen, nur haben sie kein Einzelbüro (oder wollen nicht an der Isomatte horchen). Aber für die meisten steht ein Mittagsschlaf völlig außer Frage, weil sie fürchten, als faul zu gelten. Allenfalls einen "Power Nap" würden sie vor Kollegen noch zugeben. Der Begriff bedeutet zwar nichts anderes als Mittagsschlaf, klingt aber nach Arbeit und Produktivität. Statt zu schlafen, ackern sich viele lieber durch das Konzentrationstal hindurch oder behelfen sich mit noch mehr Kaffee.

Besser als Kaffee

Auf den eigenen Körper hören und ein Nickerchen einzulegen wäre viel besser, als sich müde durch den Nachmittag zu schleppen. Das haben zahlreiche Studien bewiesen: Die Leistung nach einem Schläfchen steigt um etwa 35 Prozent, die Reaktionszeit verkürzt sich, die Mitarbeiter können sich länger und besser konzentrieren und machen dadurch weniger Fehler (eine Übersichtsstudie über die Vorteile finden Sie hier.).

Müde Manager machen Fehler: Auf dem Laptop schlafen ist allerdings keine gute Idee.
Müde Manager machen Fehler: Auf dem Laptop schlafen ist allerdings keine gute Idee.
Foto: Fotolia

Ein Schläfchen wirkt sogar besser als ein Energydrink, wie in einer Studie von 2008 herauskam. Hinterher sind wir wacher, fitter, entspannter und besser gelaunt. Die Entspannung lässt den Blutdruck sinken und möglicherweise verringert sich dadurch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Umgekehrt gilt: Wer keinen Mittagsschlaf macht, hat ein höheres Risiko, an Depressionen zu erkranken, ist schlecht gelaunt und reizbar, und macht mehr Fehler. Das bedeutet: Vor allem in stressigen Endphasen von Projekten, wenn alle wenig schlafen, sich aber gleichzeitig hochkonzentrieren müssen, wäre ein Nickerchen sinnvoll. Das muss nicht mal lang sein.

Maximal 20 Minuten

Schon sechs Minuten Schlaf bewirken, dass der Schläfer sich Sachverhalte besser merken kann. Länger als 20 Minuten sollte ein Mittagsschlaf nicht dauern. Sonst fällt der Schläfer in die Tiefschlafphase, aus der er sich nur schwer wieder befreien kann. Er entspannt sich zu sehr - das wiederum ist kontraproduktiv.

Auf Knopfdruck schlafen können nur die wenigstens. Augen zu, Hirn aus bedeutet für viele nur noch mehr Druck und Frust. Dabei muss man nicht unbedingt schlafen.

Schlafforscher meinen, dass es nicht darauf ankommt, dass der Mitarbeiter tatsächlich schläft, sondern dass der Ruhende sich entspannt - eben dass er kurz gedanklich abschaltet. Weil es darauf kommt, körperlich und geistig "runterzukommen", bringt es genauso viel, im Sitzen zu schlafen oder zu meditieren. Darauf setzt zum Beispiel die Firma BASF, die ihren Mitarbeitern "Power Napping"- Kurse anbietet.

Ruheräume in Fulda

In Deutschland bieten nur wenige Firmen Möglichkeiten zur Entspannung an. Der Fahrzeug- und Fertigungsanlagenhersteller EDAG aus Fulda geht mit gutem Beispiel voran. In der Hauptniederlassung gibt es zwei Ruheräume mit Massagesesseln und je nach Bedarf in den einzelnen Niederlassungen ebenfalls. "Wo es sich bewährt hat, haben wir einen solchen Raum eingerichtet", erzählt Christiane Burkardt-Ohlsen, die für das Gesundheitsmanagement im Unternehmen zuständig ist. Mit einer Massage, Lichteffekten und akustischen Signalen kann der betreffende Mitarbeiter zwanzig Minuten lang die Augen schließen: "Danach geht man immer ganz entspannt da raus", erzählt Burkardt-Ohlsen. Für sie ist dieses Angebot ein Aspekt der Mitarbeiterfürsorge.

Aber auch bei der EDAG nutzen bei weitem nicht alle Mitarbeiter die Ruheräume. "Einige finden das toll und nutzen das - andere würden sich dafür nie Zeit nehmen", sagt Burkardt-Ohlsen. Wer Kopfschmerzen habe oder erschöpft sei, der nutze den Sessel mit Begeisterung, erzählt sie. Einige seien aber einfach nicht bereit, für Entspannung und Meditation Zeit einzuplanen, zumal die Viertelstunde im Ruheraum nicht zur Arbeitszeit zählt. "Wir stellen diese Möglichkeit zur Verfügung - nutzen muss sie der Mitarbeiter selbst", sagt Burkardt-Ohlsen. Für weitere Studien (ob die Ruhe zum Beispiel den Krankenstand reduziere) nutzten bislang aber zu wenig Mitarbeiter die Räume.

Im Sitzen schlafen

Meditieren ist genauso entspannend wie Schlafen.
Meditieren ist genauso entspannend wie Schlafen.
Foto: fotodesign-jegg.de - Fotolia.com

Wer sich mittags ein wenig Ruhe gönnen will, aber keine Möglichkeit hat, sich lang zu machen, kann auch im Sitzen entspannen. Um sich zu behelfen, raten Experten dazu, auf dem Stuhl eine entspannende Position einzunehmen und die Augen zu schließen. Es hilft, das Telefon kurz auf stumm zu stellen und das Ping der Email auszuschalten. Wer dann noch ein "Nicht stören"-Schild an der Tür hat, macht alles richtig. Einige Firmen bieten ihren Mitarbeitern auch Kurse an, um richtig zu meditieren. Denn auch eine Meditation sorgt für einen Frische-Kick am Mittag.

Wer sich mit dem "Power Nap" so richtig pushen will, kann es mit einer Tasse Kaffee direkt vor dem Mittagsschlaf versuchen. Da Koffein etwa nach einer halben Stunde im Körper wirkt, steht er einem kleinen Nickerchen nicht entgegen. Wie zwei Forscher der Loughborough University in einer Studie gegen Müdigkeit von Autofahrern herausfanden, steigert das die Produktivität. Sobald man aufwacht, fühlt man sich noch erfrischter als ohnehin schon nach einem Nickerchen.

Die Gene zwingen uns

Gegen die Müdigkeit am Mittag kann man meistens nicht viel tun, das Leistungstief kommt, ob wir wollen oder nicht. Das eingangs beschriebene "Suppenkoma" hat nichts mit dem Mittagessen zu tun. Die Müdigkeit überfällt uns mittags, weil die Gene uns dazu zwingen. Zwar verstärkt ein üppiges Mahl die Symptome. Doch müde würden wir auch ohne Schweinebraten oder Pizza. Der Körper will um die Mittagszeit einfach ruhen. Die Pause könnten wir ihm doch eigentlich gönnen - und danach umso frischer weiterarbeiten.