48 Stunden offline

WhatsApp abgeschaltet: Beispiellose Strafaktion in Brasilien

17. Dezember 2015
"Lasst uns küssen, bis WhatsApp wiederkommt": Ein Gericht hat in Brasilien den von Millionen Menschen genutzten Dienst lahmgelegt. Um an Daten ranzukommen. Profiteur ist ein Anbieter namens "Telegram".

Den Namen Sandra Regina Nostre Marques wird Facebook-Chef Mark Zuckerberg so schnell nicht vergessen. Die Richterin hat es geschafft, den von Millionen Menschen genutzten Nachrichtendienst WhatsApp in ganz Brasilien lahmzulegen.

Von einem "traurigen Tag", spricht Zuckerberg. "Brasilien war bisher ein wichtiger Verbündeter bei der Schaffung des freien Internets." Das bezieht sich auch auf die Attacken von Brasiliens Regierung gegen Spitzelmethoden des US-Geheimdienstes NSA.

WhatsApp - für 48 Stunden gesperrt.
WhatsApp - für 48 Stunden gesperrt.
Foto: WhatsApp

Eine einzelne Richterin bestrafe nun aber 100 Millionen Menschen, attackiert der gerade Vater gewordende Amerikaner die Richterin - sein Konzern hatte den die SMS überflüssig machenden Dienst 2014 für 22 Millionen US-Dollar gekauft. Noch mehr als die Deutschen sind die Brasilianer süchtig nach WhatsApp: die Verabredung zum Strandbesuch, das Treffen auf ein Bier am Abend - es wird pausenlos über den Dienst kommuniziert - gern versehen mit einem Selfie, wo man gerade ist.

Exempel statuieren

Sandra Regina Nostre Marques macht sich nicht gerade beliebt mit ihrer Entscheidung für eine 48-stündige WhatsApp-Auszeit, aber sie will ein Exempel statuieren. Es geht nicht um Zensur, sondern sie will an Daten ran in einem nicht näher offengelegten Kriminalfall. Im Februar wollte ein anderer Richter schon einmal WhatsApp blockieren - laut Medienberichten, um an Chat-Protokolle in einem Pädophilie-Fall heranzukommen. Damals untersagte ein anderes Gericht dies aber noch.

Dieses Mal folgen die führenden Telefongesellschaften Vivo, Tim, Claro, und Oi notgedrungen der Anordnung. Auch Wlan-Verbindungen sind davon betroffen. Die Frage ist, ob WhatsApp wegen der verwendeten Verschlüsselungstechnologie überhaupt die Daten herausrücken kann, die die brasilianische Justiz will. Zuckerberg betont, Datenschutz sei ein hohes Gut. Er fordert, unter den Hashtags #ConectaBrasil? und ?#ConecteoMundo? gegen die beispiellose Maßnahme zu protestieren.

Die Nutzer nehmen die Auszeit mit Humor: "R.I.P WhatsApp - Ich habe dich sehr geliebt", "Betet für WhatsApp" und: "Lasst uns küssen, bis WhatsApp wiederkommt", lauten Kommentare. Kurz vor dem Start der Blockade um 23.30 Uhr in der Nacht zu Donnerstag werden noch schnell via WhatsApp Nachrichten verschickt: "Auf Telegram ausweichen".

Alternative Telegram stark gefragt

Das bedeutet allerdings nicht, dass nun wieder das analoge Zeitalter Einzug hält im fünftgrößten Land der Welt. Der brasilianische Dienst mit dem etwas antiquierten Namen funktioniert ähnlich, mit einer Internetverbindung können kostenlos Nachrichten verschickt werden. Telegram berichtet am Donnerstag, dass man über 1,5 Millionen neue Nutzer gewonnen habe. So etwas nennt man wohl schnelles Wachstum.

Mit der Blockade nutzt das Gericht technische Sperrmöglichkeiten in einer bisher beispiellosen Größenordnung, um Druck auf den Anbieter auszuüben, damit dieser Daten seiner Nutzer herausgibt. In der Regel geht es eher andersherum: So werden Soziale Medien wie Twitter oder YouTube in manchen Ländern blockiert, um unliebsame Inhalte und Daten zu sperren. So wurde während des arabischen Frühlings zum Beispiel in Ägypten Internet und Mobilfunk gesperrt, um die Kommunikation der Demonstranten zu erschweren. In der Türkei sorgten zuletzt beanstandete Bilder der Geiselnahme eines Staatsanwalts in Istanbul für Aufregung, die über Youtube und Twitter verbreitet wurden. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan ließ die Kanäle sperren.

Auch der Regierung in China sind Soziale Kanäle im Netz oft ein Dorn im Auge, die "Great Firewall" berühmt. Mit viel technischem Aufwand werden dort von staatlicher Seite Inhalte im Internet und Sozialen Medien zensiert. Dabei geriet auch WeChat, das chinesische Pendant zu WhatsApp, wiederholt in den Fokus. Im Falle Brasiliens hat Zuckerberg bisher keinerlei Anstalten gemacht, nachzugeben. Immerhin soll die Blockade spätestens Samstagfrüh enden. Gerade rechtzeitig, bevor wegen Wochenendplanungen und Strandverabredungen die Nachrichtenflut bei WhatsApp in Metropolen wie Rio de Janeiro anschwillt. (dpa, Georg Ismar und Renate Grimming/sh)

Kommentare zum Artikel

Zukunftspiratin

@ Computerwoche

Diese WhatsApp-Sperre in Brasilien ist bereits aufgehoben worden! Es hat massiven Druck auf den Gerichtshof in São Paulo gegeben:

Golem: Whatsapp für 14 Stunden blockiert (17.12.2015, 11:28)

"Nachtrag vom 17. Dezember 2015, 16:45 Uhr"

Die seit Donnerstagfrüh in ganz Brasilien geltende Blockade des Internetdienstes WhatsApp ist von einem Gericht aufgehoben worden. Ein Richter des Gerichtshofs des Bundesstaates São Paulo bezeichnete die Maßnahme einer Richterin der Stadt São Bernardo do Campo als "unangemessen". Eine Geldstrafe sei angebrachter, als dutzende Millionen von Nutzern zu bestrafen, betonte Richter Xavier de Souz. Kurz nach der Entscheidung funktionierte der Dienst wieder, mit dem Nutzer über das Netz kostenlos Nachrichten verschicken können. Insgesamt dauerte die Blockade rund 14 Stunden an.
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Außerdem erfaehrt man in diesem Artikel auch, worum es bei diesem Strafverfahren ging, das dieser Sperre zu Grunde lag:

"In dem Verfahren ging es um Drogenhandel durch eine der größten
Drogenbanden Brasiliens - hier sollte der Messenger-Dienst Nutzerdaten
herausgeben."

Aber das Problem dabei ist, dass WhatsApp die Daten gar nicht herausgeben kann, weil diese App nämlich die Ende-zu-Ende-Verschluesselung nutzt und damit KEINE Daten mitlesen kann laut Golem:

"Je nach Art der Anfrage könnte der Dienst dazu aber gar nicht mehr in der Lage sein - wenn beide Gesprächspartner Whatsapp auf Android-Geräten nutzen. Dann nämlich greift die von Signal beziehungsweise Textsecure übernommene Ende-zu-Ende-Verschlüsselung mit dem Axolotl-Ratchet-Protokoll. Metadaten könnten weiterhin herausgegeben werden."
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Von daher war diese Sperre hier voellig ueberzogen und hier wurden Millionen von unschuldigen Nutzern mitbestraft, die mit dieser Sache ueberhaupt NICHTS zu tun hatten. Da hat dieser Richter recht damit, dass sowas voellig unangemessen ist und es ist auch verbotene Sippenhaft und damit zutiefst mittelalterlich. Sippenhaft ist in der aufgeklaerten modernen Gegenwart und Zukunft absolut unstatthaft!!

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