Future of Jobs 2027

6 Ratschläge für eine Automatisierungsstrategie

11.07.2017 von Werner Kurzlechner
Laut Forrester sorgt Automatisierung bis 2027 allein in den USA für rund 25 Millionen Jobverluste. Dafür entstehen 15 Millionen neue Stellen. Wie Unternehmen den Wandel mitgestalten können.
  • Das Kundenerlebnis steht im Mittelpunkt
  • Operative Technologien im Backend verändern sich
  • Unternehmen sollten darauf achten, Mitarbeiter nicht zu vergrätzen
  • Nötig sind Brücken zu betroffenen Führungskräften
  • Bewährte Best Practices sollten genutzt werden
Die Automatisierung frisst Jobs. Diese Forrester-Grafik zeigt, welche Lösungen wo knabbern. Sie tun es bei physischen Tätigkeiten, bei geistigen Tätigkeiten und beim Kundenservice.
Foto: Forrester Research

Bangemachen gilt nicht, findet J.P. Gownder. Der Analyst von Forrester Research widerspricht entschieden jenen Unkenrufern, die durch Automatisierung und Roboter alleine in den USA 69 Millionen Jobs auf der Kippe sehen. In seiner Studie "The Future Of Jobs, 2027: Working Side By Side With Robots" proklamiert Gownder, dass Albtraumszenarien nicht eintreten werden. Eine Formulierung dazu lautet: "Roboter werden eine soziale Revolution vorantreiben - aber keine, die wir fürchten."

Keine Furcht vor sozialer Revolution

Netto werden durch Automatisierung in den Vereinigten Staaten bis 2027 rund 9,8 Millionen Jobs verloren gehen, kalkuliert der Analyst auf Basis offizieller Arbeitsmarktdaten. Das entspricht in etwa 7 Prozent der derzeit vorhandenen Stellen und ist nach Forrester-Einordnung ein zwar gewaltiger Verlust. Aber eben doch einer, der sich im Rahmen dessen bewege, was in den USA seit 2007 im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise an Stellen wegautomatisiert wurde.

Gownders Analyse besteht im Kern aus zwei Teilen. Auf einer allgemeinen Ebene setzt er sich mit diversen Prognosen auseinander, die das Horrorszenario eines singulären Jobverlusts malen. Ein zentrales Problem dabei sei, dass die durch Automatisierung in Zukunft geschaffenen neuen Stellen eben noch unbekannt seien. Der Analyst lädt seine Leser dazu ein, sich für die kommenden Jahre eine heute noch vollkommen unbekannte Branche vorzustellen - ein in der Tat schwieriges Unterfangen. Auf einer konkreteren Ebene arbeitet Forrester aus, wie sich Unternehmen auf den bevorstehenden Wandel einstellen können. Geliefert werden sechs Empfehlungen, die sich zumindest in der englischen Sprache prägnant verkürzen lassen: I&O PACT.

John Maynard Keynes warnte schon 1930

Bereits 1930 habe der Ökonom John Maynard Keynes der Begriff der durch Technologie bedingten Massenarbeitslosigkeit geprägt, so Gownder. Roboter seien seither auch Auslöser sozial und kulturell codierter Ängste. Und selbstverständlich finden diese Nahrung in Zeiten, in denen es neben physischen Robotern wie Aloft Hotels' Botlr und Rethink Robotics' Baxter auch Software-Roboter wie Amazons virtuelle Assistentin Alexa, kognitive Rechner-Intelligenz wie IBM Watson und Automatisierungslösungen wie Blue Prism gibt.

Audi Smart Factory 2016
LBRinline
Ein Leichtbauroboter (LBR) "in der Linie" gibt bei der Produktion von Audi A3 und Q2 im Werk Ingolstadt die Antwort auf die gestiegene Komplexität: Bei der Montage des Plug-In-Hybridmodells A3 Sportback e-tron etwa gibt es im Vergleich zu herkömmlichen Modellen einige Unterschiede zu beachten. Der LBR stellt sich auf das jeweilige Modell ein und erledigt die Verschraubung der Unterbodenverkleidung an den jeweiligen Aufnahmepunkten in 20 Sekunden. Den Arbeitern bleiben so "Überkopfarbeiten" erspart.
FlexShapeGripper
Die Mensch-Maschine-Kooperation könnte mit dem flexiblen Greifarm von Festo auf ein neues Level gehievt werden. Audi erprobt den FlexShapeGripper derzeit, der Objekte greifen, halten, anreichen oder montieren kann. Für Audi eröffnet der FlexShapeGripper "neue Perspektiven im breiten Feld der Mensch-Roboter-Kooperation".
motionEAP
Beim nicht-kommerziellen Forschungsprojekt motionEAP handelt es sich um einen smarten Montagetisch. Die Technik dahinter stammt von Microsoft: Ein Kinect-System überprüft den Arbeitsstand und projiziert Texte, Videos oder Fotos auf den Werktisch.
"Schlauer Klaus"
Bereits im Serieneinsatz befindet sich hingegen das von der Firma Optimum aus Karlsruhe entwickelte Montagesystem "Schlauer Klaus". Zum Einsatz kommt das System bei der Verkabelung von Türen. Damit bei dieser komplexen Aufgabe (mehrere hundert Verkabelungs-Varianten) nichts schiefgeht, überwachen zwei hochauflösende Kameras aus der Vogelperspektive, ob alle Steckverbindungen richtig sitzen.
Fernwartung
Das Audi Fernwartungsportal ist bereits seit einigen Jahren im Einsatz und soll künftig auch eine präventive Wartung von Maschinen und Anlagen aus der Ferne ermöglichen.
Smart Analytics im Presswerk
Den immer engeren Prozessfenstern im Presswerk begegnet Audi mit Messtechnologien: Sensoren und Kameras untersuchen die Bleche auf Fehler, intelligente Werkzeuge überwachen die Qualität ihrer eigenen Arbeitsschritte. Das Ziel dieses Vorgehens: jedes Blechteil lückenlos zu dokumentieren und die Daten für stabilere Prozesse und höhere Präzision zu verwerten.
Virtuelle Fügeanalyse
Um die Qualität eines fertig geplanten Automodells beurteilen zu können, nutzt Audi die virtuelle Fügeanalyse. Hierbei wird mittels eines 3D-Scanners eine exakte, virtuelle Kopie des Autos erstellt. An diesem Modell können nun beispielsweise Spaltmaße und Karosseriefugen überprüft werden.
Fahrerlose Flurförderfahrzeuge
Audi setzt seit Januar 2017 fahrerlose Flurförderfahrzeuge ein. Sie nutzen Sensorik und Algorithmen, um sich selbständig fortzubewegen und vermessen ihre Umgebung mit Laserscannern. Sämtliche Flurförderfahrzeuge sollen künftig miteinander vernetzt und über eine zentrale Steuerung ins Produktionssystem integriert werden.
Autonome Stapler
Auch Gabelstapler werden künftig autonom fahren. Die Ingolstädter planen einen ersten Test-Einsatz für die Anlieferung von Kleinteilen. 3D-Laserscanner und Sensorik soll für den gefahrlosen Einsatz der selbstfahrenden Stapler sorgen. Audi verspricht sich von ihrem Einsatz weniger Flächenverbrauch, eine effiziente Transportabwicklung und ein geringeres Unfallrisiko.

Forrester führt die Oxford-Professoren Carl Frey und Michael Osborne als Auguren einer möglicherweise fatalen Entwicklung an. Von ihnen stammt die These, dass die Hälfte der US-amerikanischen Jobs hochgradig und weitere 19 Prozent mittelmäßig gefährdet seien. Der Autor Martin Ford argumentiere, dass IBM's Watson Oncology bald unabhängig Diagnosen und Therapievorschläge liefern werde.

"Und wenn selbst Ärzte automatisiert werden können, ist nach dieser These kein White-Collar-Job sicher", kommentiert Forrester. Paradoxerweise falle es Robotern leichter, Schachweltmeister zu besiegen als Treppen zu steigen. Aber auch das könne gelernt werden - mit entsprechendem Risiko für manuelle Arbeit.

Strategische Entscheidungen auf drei Ebenen

Das mag in gewisser Weise so kommen. Aber laut Forrester sollte sich deshalb niemand ins Bockshorn jagen lassen. Sämtliche Unternehmen müssten allerdings schwierige strategische Entscheidungen treffen und dabei drei Ebenen im Blick haben:

Chancen zur Optimierung für Roboter, Kunden und Mitarbeiter

Chancen zur Optimierung gibt es laut Studie auf Seiten der Roboter, der Kunden und der Mitarbeiter. Roboter können beispielsweise organisatorische Probleme lösen, veraltete Software-Systeme neu zusammenfügen und wiederbeleben oder die Ausnutzung physischer Räume verbessern. Zu denken ist hier etwa an die automatische Platzierung von Fahrzeugen in Großgaragen. Die Reduzierung von Fehlerquoten und die automatische Ausführung von Routinetätigkeiten sind weitere Anwendungsfelder.

DHL-Studie Robotics in Logistics
DHL über Robotics in Logistics
Die DHL Customer Solutions & Innovation (Deutsche Post DHL Group) legt mit der Studie "Robotics in Logistics" einen Ausblick in mögliche künftige Arbeitswelten vor.
Baxter
Im DHL Asia Pacific Innovation Center sorgt Roboter "Baxter" für Ordnung.
DHL Parcel Robot
Die DHL setzt diese "Päckchen-Roboter" ein.
Vision
In DHLs Vision einer Welt der Advanced Robotics wachsen nicht nur Robotics und Biologie zusammen, auch die Gesetzgebung nimmt sich der Robotics an.
DHL Sorting Center
Zumindest auf dem Papier gibt es das umfassend aufgerüstete DHL Sorting Center bereits. Menschen sind hier nur noch im Robot Control Center tätig. Sie werden – zumindest laut dieser Vision – nicht mehr mit Gefahrengütern hantieren müssen.
Exoskeleton Suits
Sogenannte Exoskeleton Suits verstärken die menschliche Muskelkraft. Im Arbeitsleben sollen sie es beispielsweise Zulieferern ermöglichen, Lasten von bis zu 80 Kilogramm mühelos zu tragen.
Exoskeleton Suits
Exoskeleton Suits werden auch in der Medizin eingesetzt. Einer der gro0en Anbieter ist die Firma Ekso Bionics aus den USA, die auch eine Niederlassung in Freiburg hat.
Mensch und Roboter
DHL traut den Entwicklern von Robotern zu, diese emotional und menschenbezogen zu gestalten. Es wird nicht mehr nur um das Ausführen von Arbeiten gehen.

Auf Kundenseite geht es insbesondere um die präzise Vorhersage von Kundenbedürfnissen und um die Ermöglichung von Selbstbedienung. Hinzu kommt die Optimierung des Kundendienstes - wenn beispielsweise die Software Wartungsbedarf feststellt und deshalb einen Techniker losschickt.

Beim menschlichen Personal ist die Zusammenarbeit mit Robotern eine Chance einerseits, die aber andererseits auch ihre Grenzen hat. Für selten auszuführende Tätigkeiten etwa oder bei Beurteilungen mit ästhetischer Komponente sind diese Grenzen offensichtlich. Hinzu kommt der Wunsch der Kunden nach persönlichem Kontakt. Ein Masseur oder Personal Trainer sollte aus Fleisch und Blut sein - und auch im Supermarkt möchten die Kunden gerne menschliche Ansprechpartner haben.

Software schreibt schon Zeitungsmeldungen

Für die Nutzbarmachung komplexer Computerintelligenz liefert Forrester folgendes Beispiel. So gibt es inzwischen Lösungen für das Schreiben standardisierter Artikel - zum Beispiel über die Bilanzzahlen von Unternehmen. Associated Press (AP) könne so pro Quartal 4300 Artikel erstellen, während die beschäftigten Journalisten bisher nur 300 Stück beisteuern konnten. Sind die Autoren aber deshalb überflüssig? Im Gegenteil, so Forrester. Sie produzieren weiterhin die fraglichen 300 Artikel, sind dabei aber befreit von Standardarbeit und können sich umso stärker der Einordnung der Zahlen widmen.

I&O PACT - 6 Empfehlungen von Forrester

Für die Entwicklung eines strategischen Automatisierungsplans rät Forrester zum Vorgehen in sechs Schritten:

I - Identify key work processes: Zu identifizieren sind in diesem ersten Schritt zunächst einzelne Routinetätigkeiten, die Teil eines reifen Geschäftsprozesses sein sollten und sich für einen Automatisierungseinstieg eignen. Als Beispiele nennt Forrester das Formulieren von Marketing-E-Mails, den Gütertransport innerhalb der Lieferkette und das Begrüßen von Kunden im Geschäft.

O - Orchestrate collaboration: Als nächstes gilt es eine Brücke zu betroffenen Führungskräften zu bauen - bei den oben genannten Beispielen also zu Marketingmanagern, Betriebsdirektoren und den Verantwortlichen für den Kundendienst. Ihnen sollten Schulungen zu neuen Technologien angeboten werden. Das gilt aber immer auch für die Personalabteilung, weil diese das Change Management beim Robotereinsatz ausübt.

P - Pilot solutions extensively: Bei der Pilotierung von Lösung kann auf bestehende Prozesse zurückgegriffen werden - insbesondere wichtig bei Projekten mit Kundenkontakt. Diese Prozesse sollten einhergehen mit intensivierter Zusammenarbeit - und den entsprechenden Schulungen. Und vermutlichen müssen die KPIs angepasst werden. Nötig könnten etwa spezielle Leistungsindikatoren sein, die die effektive Nutzung von Robotern durch die Mitarbeiter messen.

A -Automate real-life processes: Auch beim tatsächlichen Einsatz von Automatisierungstechnologie sollte man den intern bewährten Best Practices folgen. Der Rückgriff auf KPIs ist weiterhin nötig, ebenfalls sollten Kunden und interne User eingebunden werden.

C - Connect to broader systems: Eine Verankerung in einem breiteren Kontext einer digitalen Strategie ist laut Forrester ratsam. Gemeint ist damit etwa das Zusammenknüpfen von Elementen der Backend-Systeme wie ERP und CRM mit Systemen für den Kundenkontakt wie Web, Mobile und In-Store.

T - Train workers continously: Die kontinuierliche Schulung der Mitarbeiter ist deshalb unumgänglich, weil diese mit ihren menschlichen Kollegen direkt kommunizieren können, mit den Robotern aber nicht. Forrester empfiehlt, klare kurz- und langfristige Schulungsziele zu definieren und KPIs für die Bewertung der erworbenen Kompetenzen zu nutzen.

Nötig ist alles das, weil - wenngleich nicht mit den übelsten Verlustkonsequenzen - Robotics auch in den Augen von Forrester mit einer sozialen Revolution einhergeht. Gownder malt einige Aspekte davon in seiner Studie aus. So wird es tatsächlich Arbeitskonflikte geben, wie auch schon zu Zeiten der industriellen Revolution. Aber diese werden die Entwicklung nach Forrester-Einschätzung nicht aufhalten. Abgeschnitten werde ein Entwicklungspfad für Entwicklungsländer. Denn das Offshoring von einfachen Dienstleistungs- und Fertigungsjobs sei keine Option mehr, wenn Roboter alles günstiger erledigen können als selbst die billigsten Arbeitskräfte.

Zu IQ und EQ tritt der RQ - Robotic Intelligence Quotient

Gleichzeitig werde eine Nähe zu den Robotern entwickelt. Denn diese kümmerten sich ums Wohlergehen und würden sogar zu Freunden. Ein - sicherlich ausbaufähiges - Beispiel dafür ist Microsoft Cortana. Arbeitnehmer müssen sich im Forrester-Szenario letztlich dahin entwickeln, für die Zusammenarbeit mit Robotern befähigt zu sein. Neben dem IQ und EQ wird demnach auch der RQ wichtig: der Robotic Intelligence Quotient.