Bain-Studie: Vier IT-Trends

Radikaler Wandel der Software-Anbieter

19.07.2010 von Thomas Pelkmann
Das Geschäftsmodell, an Wartungskosten zu verdienen, ist bedroht: So warnt Bain in einer Studie und sagt geringeres Wachstum voraus. Software-Anbieter sehen sich vier gravierenden Trends ausgesetzt.

"Künftig wird Software immer häufiger über Onlineplattformen angeboten, was das Geschäftsmodell der Enterprise-Software-Anbieter nachhaltig verändern wird." Das ist das Fazit einer Studie von Bain & Company mit dem Titel "Preparing for the On-Demand Game in the Enterprise Software Industry".

Vier Trends beeinflussten diese Entwicklung maßgeblich: Das Angebot "Software-as-a-Service" (SaaS) verteile Lizenzumsätze auf einen längeren Zeitraum. Zunehmend integrierte IT-Anbieter höben die Grenzen zwischen Hardware, Software und Services auf. Der Serviceanteil der IT-Wertschöpfung steige und Open Source etabliere sich als echte Alternative zu klassischen Softwareangeboten.

Das Verhältnis der Anbieter zu ihren Kunden wird sich im On-Demand-Zeitalter ändern, prognostizieren die Strategen von Bain & Company.

Auf die Krise reagieren IT-Verantwortliche der Studie zufolge in erster Linie mit der Umwandlung von fixen in variable Kosten. Das sorge unter anderem für ein Anwachsen von Demand-Lösungen, die nach Nutzungsumfang bezahlt wird und zudem keine große Anfangsinvestition benötigt. Diese Entwicklung werde durch das Aufkommen von SaaS-Anbietern beschleunigt, heißt es in der Studie.

Im SaaS-Modell übernimmt der Service-Anbieter Einrichtung, Betrieb und Wartung von Software und Servern im eigenen Rechenzentrum und stellt die Nutzung als Service auf Abruf zur Verfügung. Den Kunden entstehen keine Kosten für Softwarelizenzen, Implementierung, Wartung und Hardware, sondern lediglich eine nutzungsabhängige Servicegebühr.

Diese Entwicklung bedrohe das traditionelle Geschäftsmodell von Software-Anbietern, meint Bain. Bislang verdienten sie typischerweise zunächst am Verkauf einer Anwendung und im Anschluss daran an der Wartung und Fehlerbehebung. Immerhin, so Bain, liegen die jährlichen Wartungskosten von Software bei durchschnittlich 18 Prozent der ursprünglichen Lizenzgebühr. Am stärksten sind demnach Anbieter von Lösungen für Enterprise Resource Planning betroffen, bei denen der Wartungsanteil satte 30 Prozent des Umsatzes und zwischen 40 und 60 Prozent des Ertrages ausmache.

"Ein Preisverfall bei der Wartung um nur einen Prozentpunkt würde ERP-Anbieter weltweit etwa 750 Millionen Euro Umsatz und rund 300 Millionen Euro Ertrag kosten", rechnet Matthias Budde, Partner und IT-Experte bei Bain & Company vor.

Um solche Einbrüche zu vermeiden, gibt es aus Sicht der Analysten nur einen Ausweg: "in die Loyalität ihrer Kunden investieren, in dem sie den Wert ihrer Wartungsdienstleistung für den Kunden sichtbar steigern."

Die vier IT-Trends der Zukunft

Die Bain-Studie prognostiziert, dass der Softwaremarkt auch mittelfristig nicht an vergangene Wachstumsraten von jährlich zehn bis 15 Prozent anknüpfen kann. Die Zuwächse bis 2015 würden bei weniger als fünf Prozent im Jahr liegen. Ursache für das geringe Wachstum sind Bain zufolge die folgenden vier Megatrends.

1. SaaS nimmt zu, verringert aber die Margen der Softwareindustrie: Software-as-a-Service ermöglicht die Gewinnung neuer Kundengruppen, die sich komplexe Software bisher nicht geleistet haben. Zudem können bestehende Kunden neue Funktionalitäten testen, ohne große Investitionen tätigen zu müssen. SaaS wird zunächst vor allem beim Customer-Relationship-Management, Content-Management und Human-Resources-Management eingesetzt werden.

SaaS hebt zusätzliches Umsatzpotenzial in neuen Hybridbereichen aus Produkt und Dienstleistung, substituiert aber auch bestehende Softwareumsätze und teilt sie in kleinere Zahlungsströme. Hohe Einrichtungs- und Betriebskosten für Software-Anbieter bei gleichzeitigem Preisdruck gefährden die Erträge der Branche.

2. Zurück zu integrierten IT-Anbietern: Die Differenzierung der Branche in Hardware-, Software- und Service-Anbieter beginnt sich aufzulösen. Unternehmen stoßen zunehmend in angrenzende IT-Segmente vor und bieten - wie Oracle nach der Sun-Akquisition - integrierte IT-Produkte an.

Aufwand für Integration steigt

Ähnlich wie in den 1960er Jahren, als IBM seine Serversysteme inklusive Software verkaufte, müssen sich Kunden künftig immer weniger selbst um die Integration von Komponenten im eigenen Rechenzentrum kümmern. Sie kaufen Serverleistung zusammen mit dem benötigten Betriebssystem oder fertig nutzbare Datenbankserver, ohne selbst Hardware, Betriebssystem und Software aufeinander abstimmen zu müssen.

3. Bestehende IT-Landschaften steigern weiterhin die Softwareservicekosten: Kunden, die das klassische Modell eigener Server-Architekturen und Anwendungen verfolgen, kämpfen mit der zunehmenden Komplexität ihrer Anwendungslandschaft. Serviceorientierte Architekturen konnten sich in der Realität bisher nicht spürbar als Hebel zur IT-Vereinfachung durchsetzen.

Deshalb verstärkt die wachsende Komplexität des Geschäfts die Komplexität in der IT weiter. Der Aufwand für die Implementierung und Integration einer neuen Software wird im Verhältnis zu den Lizenzkosten weiter steigen.

4. Open-Source entwickelt sich zu einer echten Alternative: Bei Betriebssystemen und Datenbanken hat Open-Source-Software bereits einen hohen zweistelligen Marktanteil. Bei geschäftskritischen und komplexen Anwendungen wie ERP dominiert jedoch weiterhin die Closed-Source-Software mit kostenpflichtiger Unterstützung und Wartung durch den Anbieter.

Doch auch dieses Modell ist zunehmend in Gefahr durch Open-Source-ERP wie Compiere und OpenBravo, die insbesondere in Kombination mit flexibel nutzbaren On-Demand-Infrastruktur-Angeboten ("Cloud") massive Kostensenkungen ermöglichen und die heutigen Enterprise-Software-Anbieter unter Umsatz- und Margendruck setzen.

Die Risiken von On-Demand und SaaS

On-Demand-Software ist unbestritten die nächste Evolutionsstufe der Software-Industrie. Doch das Modell ist auch mit erheblichen Risiken verbunden. SaaS erfordert von den Anbietern hohe Anfangsinvestitionen, da zunächst eine Onlineplattform aufgebaut und vermarktet werden muss. Diese hohen Einrichtungs- und Betriebskosten amortisieren sich durch die regelmäßigen Nutzergebühren nur langsam. Salesforce.com brauchte rund zehn Jahre, um profitabel zu werden. Durchschnittlich dauert es ein Jahr, um die Vertriebskosten für einen SaaS-Kunden zu erwirtschaften.

Aufgrund des hohen Investitionsbedarfs für Anbieter und der damit verbundenen Risiken erwartet Bain, dass sich der SaaS-Markt vergleichsweise schnell auf wenige Anbieter je Software-Segment konsolidieren wird. Dabei werden die Unternehmen erfolgreich sein, die ihre bestehenden Hardware-, Software- oder Servicekunden in produktive SaaS-Kunden umwandeln können. Die vielen anderen IT-Anbieter würden nur als Zulieferer von SaaS-Anbietern mit großer Nachfragemacht bei Servern, Netzwerkinfrastruktur, Software und Systemintegration überleben.

"Software-as-a-Service wird sich als bedeutendes Segment im Enterprise-Software-Markt etablieren. Wie die zukünftige Landschaft aussieht und ob sich primär Software-Unternehmen oder IT-Service-Anbieter durchsetzen werden, ist noch völlig offen", sagt Bain-Experte Budde. Neben Start-ups wie Salesforce.com entwickelten sich etablierte Software-Anbieter wie Oracle und SAP ebenso in Richtung SaaS, wie Infrastruktur- und Serviceprovider wie T-Systems. "Letztlich wird sich die Branche vermutlich über SaaS hinaus entwickeln", prognostiziert Matthias Budde. "Wahrscheinlich wird das bisherige Business-Process-Outsourcing als Process-as-a-Service wieder aufgegriffen und on-demand angeboten. Dadurch würden auch die SaaS-Karten neu gemischt.