Die wöchentliche CIO-Kolumne

Business-Beichte zum neuen Jahr

06. Januar 2003
Heinrich Seeger arbeitet als IT-Fachjournalist und Medienberater in Hamburg. Er hat über 25 Jahre IT-journalistische Erfahrung, unter anderem als Gründungs-Chefredakteur des CIO Magazins. Er entwickelt und moderiert neben seiner journalistischen Arbeit Programme für Konferenzen und Kongresse in den Themenbereichen Enterprise IT und Mobile Development, darunter IT-Strategietage, Open Source Meets Business, droidcon und VDZ Tech Summit. Zudem gehört er als beratendes Mitglied dem IT Executive Club an, einer Community von IT-Entscheidern in der Metropolregion Hamburg.
Schlechte Unternehmensnachrichten - Liquiditätsprobleme, schwache Kredit-Ratings, Pleiten - sind nichts Besonderes. Aber sie werden üblicherweise so lange wie möglich geheim gehalten, zumindest beschönigt. Zum Jahreswechsel geht nun ein Unternehmen in die Offensive und legt eine Art Business-Beichte ab, in der Probleme frühzeitig publik werden.
Heinrich Seeger, Chefredakteur CIO
Heinrich Seeger, Chefredakteur CIO

Gute Nachrichten haben ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn sie in Krisenzeiten verbreitet werden. Kein Wunder: Redenschreiber und PR-Texter, speziell bei börsennotierten Unternehmen, zeigen gerade dann, was sie können: Betriebsbedingte Entlassungen mutieren zu "Personalmaßnahmen". Geschlossene Betriebsstätten sind das Ergebnis von "Strukturanpassungen". Und wird ein Pleitier geschluckt, wirft man das Deckmäntelchen der "Synergie" über die Szenerie - zum schwachen Trost für die Mitarbeiter, die ihre Existenzgrundlage verlieren.

Mehr als resigniertes Schulterzucken löst es kaum noch aus, wenn wieder mal Nachrichten von Entlassungen, Zahlungsproblemen und Pleiten die Runde machen. Und geht es um die Gründe für eine Insolvenz, ist niemand überrascht, wenn die Schuld säumigen Schuldnern und hartleibigen Kreditbanken zugeschrieben wird.

Vor - beziehungsweise ohne den Anlass - einer Pleite fällt es dagegen auf, wenn ein Unternehmen sich in Form einer öffentlichen Artikelserie an Mitarbeiter und Kunden wendet, in der zur Beschreibung der aktuellen Situation exakt jene Punkte aufgelistet werden, die üblicherweise zur Erklärung einer Pleite herhalten müssen. Das Beraternetzwerk "Synergie Qualifikationsberatung, Organisation und Entwicklung GmbH" ist es, das diese betriebswirtschaftliche Nabelschau betreibt - zur Irritation der selbst ernannten Economy-"Sentinels" (Wächter) von dotcomtod , die sich seit geraumer Zeit einen bitteren Spaß daraus machen, Pleitiers auf- und nachzuspüren. Synergie, interpretieren die Diskutanten auf den dotcomtod-Seiten, springe selbst in den Abgrund, um nicht geschubst zu werden.

Der Verdacht liegt natürlich nahe. Aber vielleicht ist es ja auch anders. Vielleicht ist dem Management von Synergie ja einfach aufgegangen, dass der sonst übliche PR-Weihrauch, der Pleitekandidaten umwabert, schon längst keinen Mitarbeiter, Partner, Investor oder Kunden mehr beruhigt. Was riskiert man schon? Neu und schockierend ist es ja nicht, was in der öffentlichen Beichte der Berater nachzulesen ist. Und wer das Verfahren einfach nur interessant, weil ungewöhnlich findet, dürfte als neuer Kontakt - der ja durchaus zum zahlenden "Lead" führen kann - willkommen sein. Ferner: Der Glaubwürdigkeit, einem wichtigen Asset im Beratungsgeschäft, schadet die Synergie-Aktion sicher nicht.

Insofern ist sie auch wieder nichts anderes als eine PR-Maßnahme - aber keine von den ganz schlechten.

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