Fachkräftemangel

Flüchtlinge - wenig Daten, viel Hoffnung

17. November 2015
Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Können Flüchtlinge – insbesondere aus Syrien – den Fachkräftemangel in der deutschen IT abmildern? Daten dazu gibt es kaum, aber einzelne Erfahrungen. Drei Stimmen.
Flüchtlinge als Hoffnungsträger gegen den Fachkräftemangel in der IT - bisher eine These mit vielen Unbekannten.
Flüchtlinge als Hoffnungsträger gegen den Fachkräftemangel in der IT - bisher eine These mit vielen Unbekannten.
Foto: Janossy Gergely / Shutterstock.com

Stimmengewirr hängt unter dem hohen Dach der luftigen großen Räume. Viel Deutsch, ein bisschen Englisch. Irgendwo ein helles Lachen - der Kollege ist über den weißen Plastik-"iMer" neben seinem Tisch gestolpert ("Wir haben hier nur die beste Hardware!"). Zwischendurch ein paar Brocken Arabisch. Dann wieder konzentrierte Zusammenarbeit. Der Neue, ein junger Mann aus Syrien, trifft sich mit einigen Kollegen zu einem Steh-Meeting vor dem Scrum-Board.

"Wir haben ihn erst kürzlich eingestellt" berichtet Erdal Ahlatci, Geschäftsführer beim Berliner Videotechnologie-Anbieter Movingimage24. Der Neuzugang aus der syrischen Hauptstadt Damaskus ist seit zwei Jahren als anerkannter Flüchtling in Deutschland und hat in Halle seinen Bachelor in Informatik gemacht. Er spricht inzwischen fließend Deutsch. Das kann die Kollegin aus Israel noch nicht ganz, sie verständigt sich zwischendurch auf Englisch.

Wer aber nun glaubt, zwischen dem Araber und der Israelin sei die sprachliche Verständigung nur eines von mehreren Problemen, der irrt. "Wir arbeiten hier alle sehr gut zusammen", versichert Ahlatci. "Weder gibt es Probleme wegen der unterschiedlichen Herkunft, noch in der Geschlechterfrage." Ahlatci, selbst als Sohn eines türkischen Gastarbeiters in Bayern aufgewachsen, kann auch erklären, warum: wegen des hohen Bildungsstandes und der gemeinsamen Aufgaben, die die Kollegen verbinden.

Disziplin und Fleiß

Und natürlich wegen Berlin. "Eine pulsierende Weltstadt, die kulturelle Vielfalt lebt", schwärmt Ahlatci. "Berlin ist immer noch ein Magnet für junge motivierte Talente, die neue Herausforderungen suchen." Der 44-jährige COO, der nach der Hauptschule am Fließband startete und über verschiedene berufliche Stationen mit 30 ein Studium der Medien-Informatik begann, unterstützt die These von den Flüchtlingen als Hoffnungsträgern der IT-Branche.

Insbesondere mit Blick auf seinen syrischen Entwickler sagt er: "Die wirtschaftliche Infrastruktur in Syrien hatte sich bis zum Kriegsausbruch gut entwickelt. Das Bildungsniveau war hoch." Auch kulturell erkennt Ahlatci Kompatibilität. "Viele Syrer, die ich kenne, bewundern den Fleiß und die Diszipliniertheit der Deutschen", erklärt er. "Das schafft Orientierung gerade für jene, die hier Fuß fassen wollen." Zumindest unter den Firmenlenkern herrsche derzeit richtig Aufbruchsstimmung wegen der vielen potenziellen neuen Mitarbeiter.

Und Mitarbeiterinnen. Ahlatci bewegt sich nahtlos zwischen Deutschland und der Türkei. "Ich hatte dort zuletzt viel mit einem großen türkischen Telekommunikationsanbieter zu tun", erzählt er. "Bei fünf von vier Terminen waren Frauen in der Entscheiderposition."

Viele sprechen Englisch

Die Realität des Berliners ist das Eine, das Andere ist der Versuch, das Potenzial der Flüchtlinge systematisch zu erfassen. "Wegen des Massenandrangs ist es selbst für Ausländerbehörden und Jobcenter schwer, einen Überblick über die Qualifikationen der Flüchtlinge zu bekommen", sagt Stephan Pfisterer, Arbeitsmarktexperte des Bitkom. Er fügt an: "Wir wissen aber natürlich, dass viele junge Menschen nach Deutschland kommen. Viele haben einen Schulabschluss, sprechen Englisch und interessieren sich für Technik."

Eine Einschätzung, der der "MINT-Herbstreport 2015 - Regionale Herausforderungen und Chancen der Zuwanderung" vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln widerspricht. Das Institut schreibt von den "neuen Hoffnungen", dass die Flüchtlingsmigration einen Beitrag zur Fachkräftesicherung leisten könne. "Eigene Datenauswertungen zu früher zugewanderten Flüchtlingen in Deutschland zeigen jedoch, dass diese geringere Sprachkenntnisse als andere Zuwanderer hatten. Auch bei den formalen Qualifikationen weisen die Zuwanderer mit Flüchtlingshintergrund im Jahr 2013 geringere Abschlüsse als sonstige Zuwanderer auf", schreibt das Institut.

Der Blick auf die jetzigen Neuankömmlinge stimmt die Autoren des Reports nicht optimistisch. Erste Auswertungen zur Qualifikation der aktuellen Flüchtlinge aus den Krisen- und Kriegsgebieten zeigen, "dass diese noch einmal deutlich geringere Qualifikationen aufweisen und dass mehr als 71 Prozent weder eine Ausbildung noch ein Studium absolviert haben", so der Report.

Unabhängig von der noch dünnen Datenlage geht es für Bitkom-Experte Pfisterer nun vor allem darum, Strukturen mit Sprachkursen, beruflichen Qualifizierungen, Praktika und weiteren Maßnahmen zu schaffen. Derweil arbeitet Luuk Houtepen an ganz anderen Strukturen. Er ist Head of Business Development DACH beim Personaldienstleister Sthree. Das erste Wort, das der immigrierte Niederländer in Deutschland lernte, war "passt ned". Houtepen hatte einem bayerischen Kunden den händeringend gesuchten IT-Spezialisten geliefert - der aber war Hamburger. Und einen mutmaßlichen HSV-Fan wollten die bayerischen Entscheider dann doch nicht.

Neue Wege bei der Rekrutierung

Über solcherlei "lokal gefärbte Skurrilität" kann Pfisterer nur den Kopf schütteln. "In Bayern sind derzeit rund 2.500 IT-Spezialisten nach offizieller Statistik der Bundesagentur vakant, davon knapp die Hälfte für Experten mit Hochschulabschluss", weiß er. "Tatsächlich - da sind sich Industrie und Arbeitsagentur einig - wird aber nur jede dritte Stelle auch gemeldet, es fehlen also etwa 7.000-8.000 IT-Fachkräfte." Pfisterer erwartet, dass mit steigendem Leidensdruck bei der Suche nach FachkräftenFachkräften auch die Bereitschaft wächst, neue Wege bei der Rekrutierung von Personal zu gehen. Alles zu Fachkräftemangel auf CIO.de

Ahlatcis Erfahrung, wonach die israelische Mitarbeiterin, ihr marokkanischer Kollege und der neueingestellte Syrer gut miteinander klar kommen, kann Pfisterer aus anderen Fällen bestätigen. "Im Zuständigkeitsbereich EMEA kommt es seit Jahren durchaus vor, dass Informatikerinnen aus Israel mit IT-Experten in arabischen Ländern für einen US-amerikanischen Konzern im gleichen Team arbeiten. Und es funktioniert, auch wenn die Führungskraft der zwischenmenschlichen Ebene besondere Aufmerksamkeit schenken muss", sagt er. Dieses Augenmerk sollten Entscheider bewusst kommunizieren: "Hilfreich ist, wenn es eine auch schriftlich ausformulierte Unternehmenskultur gibt, die Werte wie Toleranz, Bereitschaft zur Einordnung in Teams, Respekt oder Hilfsbereitschaft beinhaltet. Die ITK-Branche hat hier eine gewisse Tradition."